Die verweigerte Geste: Was der Altman–Amodei-Moment in Indien über die neue KI-Machtordnung verrät

19. Februar 2026
5 Min. Lesezeit
Sam Altman und Dario Amodei stehen beim KI-Gipfel in Indien mit Abstand zueinander, während andere Teilnehmer sich an den Händen halten

1. Überschrift und Einstieg

Manchmal sagt eine Körperhaltung mehr über den Zustand einer Branche als jedes Whitepaper. Beim India AI Impact Summit in Neu-Delhi bat Premierminister Narendra Modi die versammelten Tech-Größen, sich an den Händen zu fassen und sie als Zeichen der Einigkeit zu heben. Alle machten mit – bis auf zwei: Sam Altman (OpenAI) und Dario Amodei (Anthropic). Zwischen ihnen blieb ein deutlich sichtbarer Abstand.

Dieser Moment ist mehr als eine Anekdote. Er steht für einen Wendepunkt: KI verlässt die Phase des akademischen Experiments und wird zum geopolitischen Industrieprojekt. Im Folgenden ordne ich ein, was diese Szene über Geschäftsmodelle, Machtpolitik – und Europas Rolle in diesem Spiel – verrät.

2. Die Nachricht in Kürze

Laut TechCrunch ereignete sich die Szene auf dem India AI Impact Summit 2026 in Neu-Delhi. Premier Narendra Modi holte mehrere Führungskräfte aus der KI-Branche auf die Bühne und forderte sie auf, sich an den Händen zu fassen und diese gemeinsam zu heben – als symbolische Geste für eine gemeinsame Zukunft mit KI.

Alle auf der Bühne stehenden Manager folgten dem Aufruf, mit Ausnahme von Sam Altman, CEO von OpenAI, und Dario Amodei, CEO von Anthropic. Die beiden hielten ihre Hände unten und blieben sichtbar getrennt.

TechCrunch erinnert daran, dass das Verhältnis zwischen beiden Unternehmen zuletzt deutlich angespannt war. OpenAI hatte angekündigt, Werbung in ChatGPT zu integrieren. Anthropic konterte mit Super-Bowl-Spots, in denen Claude als Assistent ohne Werbung positioniert wurde. Altman reagierte daraufhin auf X und warf Anthropic vor, OpenAI unzutreffend darzustellen.

Auf demselben Gipfel verkündeten beide Firmen zudem konkrete Pläne für Indien: OpenAI eröffnet zwei neue Büros, kooperiert mit dem IT-Riesen TCS und bringt Tools für Hochschulen. Anthropic hat ein eigenes Büro gestartet und arbeitet mit Infosys an internen und externen Einsätzen seiner KI-Lösungen.

3. Warum das wichtig ist

Die verweigerte Geste ist kein Zufall, sondern Symptom eines tieferen Konflikts in der KI-Industrie.

Erstens: Hier prallen Geschäftsmodelle aufeinander, die sich als ethische Grundsatzfragen inszenieren. OpenAI testet, wie sich Konversations-KI über Werbung monetarisieren lässt. Anthropic stellt sich bewusst dagegen und signalisiert: Werbegetriebene KI ist strukturell misstrauenswürdig. Für sicherheitsbewusste Unternehmenskunden – gerade in Europa und im DACH-Raum – ist diese Erzählung attraktiv.

Zweitens: Der Schauplatz Indien ist strategisch gewählt. Mit Büros und Partnerschaften zu TCS beziehungsweise Infosys machen beide klar, dass der nächste große Verteilungskampf nicht in Kalifornien oder Brüssel entschieden wird, sondern in den globalen Delivery-Zentren. Systemintegratoren wie TCS und Infosys bestimmen, welche Modelle in Banken, Telekoms, Verwaltungen und Industrie eingebaut werden. Wer in deren Standard-Stacks landet, gewinnt skaliert – auch in Europa.

Drittens: Der Vorfall kratzt am Bild einer geeinten "KI-Community", die gemeinsam an Sicherheitsstandards arbeitet. Regierungen wünschen sich eine Branche, die bei Risiken kooperiert, auch wenn sie im Markt konkurriert. Wenn zwei der einflussreichsten Labore schon eine simple Symbolgeste verweigern, nährt das Zweifel, ob Sicherheitskooperationen im Zweifel nicht von Marktlogik überrollt werden.

Nutznießer sind kurzfristig Indiens Regierung und deren IT-Konzerne, die den Wettbewerb der US-Labs geschickt in politischen Einfluss ummünzen. Verlierer könnten Endnutzer und Regulierer sein, die sich nun nicht nur mit technischen Risiken, sondern auch mit zunehmend ideologisch aufgeladenem Marketing rund um "verantwortliche KI" auseinandersetzen müssen.

4. Das große Ganze

Der Moment in Neu-Delhi fügt sich in mehrere mittelfristige Entwicklungen ein.

1. Frontier-Labs werden zu Marken für Endkunden.

OpenAI und Anthropic waren lange vor allem Infrastruktur-Anbieter für Entwickler. Mit ChatGPT und Claude stehen sie plötzlich im Rampenlicht. Super-Bowl-Spots, Schlagabtausch auf X und symbolische Gesten sind klassische Markenbildung: Sicherheit versus Tempo, Werbung versus Abomodell, vorsichtig versus experimentierfreudig. Die Lücke zwischen Altman und Amodei ist das Bühnenbild dieser Narrative.

2. KI-Geopolitik wird multipolar.

Das lange dominierende Deutungsmuster "USA vs. China" greift zu kurz. Mit dem India AI Impact Summit inszeniert sich Neu-Delhi als dritte Machtachse: nicht nur als Offshore-Standort, sondern als politischer Marktplatz, auf dem OpenAI, Anthropic & Co. um Gunst und Rahmenbedingungen werben. Im Finanzbereich hat Davos eine ähnliche Rolle übernommen – Indien versucht, dies für KI zu erreichen.

Europa hingegen verfügt zwar mit dem AI Act über ein starkes Regelwerk, aber derzeit über keine vergleichbare, global verbindliche KI-Bühne, auf der alle großen Player ihre Weichenstellungen bekanntgeben müssen.

3. Sicherheitsrhetorik trifft auf Monetarisierungsdruck.

Sowohl OpenAI als auch Anthropic haben sich früh als Stimmen der Vorsicht positioniert. Doch irgendwann will der Kapitalmarkt sehen, wie sich das alles rechnet. OpenAIs Vorstoß in Richtung Werbemodell zeigt einen klaren Willen, Umsatzquellen zu diversifizieren – auch um den Preis, Angriffsfläche für Kritik zu bieten. Anthropic versucht, Verzicht in eine Premium-Marke zu verwandeln.

Wir kennen das Muster aus Suchmaschinen, Social Media und Mobilplattformen: erst noble Versprechen, dann schrittweise Kompromisse unter Wachstumsdruck. Die offene Frage ist, ob KI diesmal einen anderen Pfad einschlägt oder ob wir lediglich eine neue Benutzeroberfläche für dieselbe Aufmerksamkeits-Ökonomie erhalten.

5. Die europäische / DACH-Perspektive

Aus europäischer Sicht sticht vor allem eines: Die zentrale symbolische Szene des KI-Jahres spielt sich weder in Brüssel noch in Berlin oder Paris ab, sondern in Neu-Delhi – mit zwei US-CEOs in den Hauptrollen.

Die EU setzt mit GDPR, Digital Services Act, Digital Markets Act und AI Act weltweit Maßstäbe. Sie definiert, welche KI-Anwendungen hierzulande als "Hochrisiko" gelten, welche Transparenz- und Dokumentationspflichten bestehen und wie Basismodelle eingeordnet werden.

Doch Regulierung allein macht noch keinen Machtpol. Während Indien mit einem Gipfel Offices, Investitionen und strategische Partnerschaften anzieht, fehlt Europa bislang eine vergleichbare, einheitliche Plattform. Es gibt bedeutende Konferenzen in Berlin, Paris, München oder Zürich – aber kein Event, das global als Pflichttermin für KI-Gipfeldiplomatie wahrgenommen wird.

Für Unternehmen im DACH-Raum – vom Mittelständler in Baden-Württemberg über Schweizer Banken bis zur österreichischen Industrie – ist das mehr als Symbolik. TCS, Infosys und andere Dienstleister sind auch hier aktiv. Sie werden entscheiden, ob in künftigen Projekten standardmäßig OpenAI, Anthropic, europäische Anbieter wie Aleph Alpha, Mistral oder DeepL oder Open-Source-Stacks zum Einsatz kommen. Wer das europäische Werteversprechen ernst nimmt, sollte diese Entscheidung nicht allein dem Einkauf überlassen.

6. Ausblick

Was ist in den nächsten 12 bis 24 Monaten zu erwarten?

1. Der Praxistest für KI-Werbung.

Falls OpenAI Werbung in ChatGPT tatsächlich breit ausrollt, wird die konkrete Ausgestaltung entscheidend. Handelt es sich um klar gekennzeichnete, kontextbezogene Empfehlungen – oder um tief integrierte, personalisierte Beeinflussung? Letzteres würde in der EU sofort Fragen nach DSGVO-Konformität, Profiling und Dark Patterns aufwerfen. Anthropic muss derweil zeigen, dass ein striktes Nein zu Werbung nicht zu einem Wettbewerbsnachteil bei Preisen und Funktionsumfang führt.

2. Kampf um die Systemintegratoren.

Die Allianzen mit TCS und Infosys sind der Anfang eines größeren Ringens. Auch europäische Player wie T-Systems, Capgemini, Accenture Deutschland, Bechtle oder regionale IT-Häuser werden sich entscheiden müssen, welche Basismodelle sie bevorzugt integrieren. Das wird leise, aber folgenreich geschehen – oft im Kleingedruckten von Rahmenverträgen.

3. Sicherheitskooperation unter Wettbewerbsdruck.

Regierungen – auch die der EU-Mitgliedstaaten – drängen auf gemeinsame Standards: Evaluierungen von Basismodellen, Red-Teaming, Meldepflichten bei Vorfällen. Die Frage ist, ob OpenAI und Anthropic diese Kooperation aufrechterhalten können, während der Ton zwischen ihnen öffentlich rauer wird. Ein "kalter Krieg" zwischen Labs würde die Regulierung eher verstärken als bremsen.

4. Europas strategische Antwort.

Indien nutzt Marktgröße und politisches Gewicht als Hebel. Europa verfügt zusätzlich über regulatorische Marktmacht, nutzt sie aber bislang vor allem defensiv. Eine offensivere Strategie könnte bedeuten: klar definierte Anforderungen für öffentliche KI-Beschaffungen, gezielte Förderung europäischer Modelle und eine europaweite Leitveranstaltung, die Altman, Amodei & Co. nicht ignorieren können.

7. Fazit

Der Abstand zwischen Sam Altman und Dario Amodei auf einer Bühne in Neu-Delhi ist mehr als ein peinliches Foto. Er markiert eine neue Phase: KI-Labs agieren inzwischen wie globale Industriekonzerne, deren Rivalität Geschäftsmodelle, Integrationsketten und Geopolitik gleichermaßen prägt.

Europa – und speziell der deutschsprachige Raum – muss entscheiden, ob es diese Entwicklung lediglich regulierend begleitet oder aktiv gestaltet. Wollen wir KI-Standards aus Neu-Delhi und dem Silicon Valley importieren – oder Bedingungen setzen, unter denen globale Player hierzulande überhaupt mitspielen dürfen?

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