1. Überschrift und Einstieg
Anthropic ist plötzlich die gefragteste Aktie im grauen Spätphasenmarkt des Silicon Valley, während OpenAI nur noch wie ein sehr teurer, aber nicht mehr elektrisierender Blue Chip wirkt. Gleichzeitig bereitet sich SpaceX auf einen Börsengang vor, der Dutzende Milliarden Dollar aus den öffentlichen Märkten saugen könnte. Das ist weit mehr als nur eine weitere Finanzierungsrunde. Es ist ein Live‑Stresstest dafür, wie viel Kapital für Hochtechnologie tatsächlich verfügbar ist – und wer leer ausgeht, wenn der Takt langsamer wird. In diesem Beitrag analysieren wir, was der Anthropic‑Hype und der bevorstehende SpaceX‑IPO für KI, Investoren und die IPO‑Pläne des Jahres 2026 bedeuten.
2. Die Nachrichten in Kürze
Laut TechCrunch verlagert sich der Handel mit spätphasigen Privataktien auf den Zweitmärkten deutlich zugunsten von Anthropic. Glen Anderson, Präsident der auf private Wertpapiere spezialisierten Investmentbank Rainmaker Securities, berichtet von extrem hoher Nachfrage nach Anthropic‑Aktien bei gleichzeitig kaum vorhandener Verkaufsbereitschaft. Bloomberg meldete zuvor bereits, dass Kaufinteressenten rund 2 Milliarden US‑Dollar für Anthropic‑Anteile bereitgestellt hätten.
Bei OpenAI fällt die Dynamik deutlich schwächer aus. TechCrunch berichtet, dass Investoren etwa 600 Millionen US‑Dollar an OpenAI‑Aktien zum Verkauf anbieten, diese jedoch nur schleppend Abnehmer finden. Die Zweitmarktpreise entsprächen einer Bewertung von rund 765 Milliarden US‑Dollar – also einem Abschlag gegenüber der jüngsten Primärbewertung von etwa 852 Milliarden. Banken wie Morgan Stanley und Goldman Sachs bieten ihren vermögenden Kunden demnach Zugang zu OpenAI ohne Erfolgsbeteiligung, während Engagements in Anthropic weiterhin mit hohen Carry‑Gebühren belegt werden.
Parallel dazu hat SpaceX laut TechCrunch vertraulich einen Börsengang beantragt, bei dem 50 bis 75 Milliarden US‑Dollar eingesammelt werden könnten – auf Basis einer Bewertung von über einer Billion US‑Dollar. Seit diese Pläne die Runde machen, ist die Nachfrage nach SpaceX‑Anteilen auf dem Sekundärmarkt deutlich gestiegen, während das Angebot zurückgeht, weil bestehende Anteilseigner auf den IPO warten. Anderson warnt, dass ein derartiger Mega‑IPO einen Großteil des für Tech‑Börsengänge vorgesehenen Kapitals binden könnte – mit Nachteilen für OpenAI, Anthropic und andere Unternehmen, die später an den Markt gehen.
3. Warum das wichtig ist
Der Zweitmarkt wird häufig als Nebenschauplatz abgetan, ist in Wahrheit aber der Ort, an dem informierte Investoren mit echtem Geld abstimmen. Das aktuelle Muster – Anthropic überzeichnet, OpenAI mit Abschlag, SpaceX als Liquiditätsmagnet – sendet drei klare Signale.
Erstens: KI ist kein monolithischer Investment‑Case mehr. In den vergangenen zwei Jahren wollten institutionelle Anleger möglichst jede führende Modell‑Schmiede im Portfolio haben. Jetzt priorisieren sie. Anthropic wird als wachstumsstarke High‑Conviction‑Story gehandelt, OpenAI dagegen zunehmend als vollgepackter Trade, bei dem die frühe Euphorie der aktuellen Zahlungsbereitschaft davongelaufen ist.
Zweitens: Gebühren sind ein Stimmzettel. Wenn Goldman Sachs bereit ist, auf Carry‑Gebühren bei OpenAI zu verzichten, für Anthropic‑Exposure aber die übliche Erfolgsbeteiligung verlangt, hat das nichts mit Altruismus zu tun. Es spiegelt die Einschätzung wider, wo das größte Aufwärtspotenzial und die höchste Kundennachfrage gesehen werden. Anthropic ist das Premium‑Ticket, OpenAI der Blue Chip, der einen Preisnachlass braucht.
Drittens: SpaceX verschiebt die Spielregeln. Ein Zufluss von 50–75 Milliarden US‑Dollar in einen einzigen Tech‑IPO bei einer Bewertung jenseits der Billion ist keine Randnotiz, sondern eine Art Liquiditäts‑Schwarzes Loch. Pensionskassen, Versicherer, Staatsfonds, große Publikumsfonds – alle haben nur begrenzte Budgets für wachstumsstarke Tech‑Titel. Wenn sie sich in die SpaceX‑Zeichnung einreihen, bleibt im gleichen Jahr weniger Platz für Mega‑Listings von OpenAI, Anthropic oder anderen Einhörnern.
Die Verlierer dieses Setups sind Spätphasen‑Startups, die weiterhin an Bewertungslogiken von 2021 glauben, und Mitarbeitende, die den Sekundärverkauf aus Gier auf noch höhere Papierwerte hinausgezögert haben. Die Gewinner sind derzeit Anthropic‑Aktionäre und SpaceX‑Insider, die ihr Timing besser gewählt haben – sowie Investoren, die bei OpenAI auf einer Sicherheitsmarge bestehen.
4. Der größere Kontext
Um diese Entwicklung zu verstehen, lohnt sich ein Blick hinter die Logos auf die veränderte Marktpsychologie.
Zwischen 2020 und 2021 galt: Wachstum um (fast) jeden Preis. Danach folgte 2022–2024 eine teils brutale Korrektur vieler hochbewerteter Privatunternehmen, mit Kursrückgängen von 60–70 %. SpaceX, so TechCrunch, entging diesem Absturz weitgehend, weil das Management in Finanzierungsrunden nicht jede letzte Bewertungsdrehung mitnahm. Diese Disziplin erweist sich im Rückblick als Lehrbuchbeispiel für anlegerfreundliche Kapitalpolitik.
Die KI‑Welle rollt auf diesem Fundament. Zunächst absorbierten Nvidia und die Hyperscaler den Großteil des AI‑Kapitals, anschließend sammelten private Labore wie OpenAI und Anthropic gewaltige Summen zu Bewertungen ein, die man früher eher bei etablierten Plattform‑Konzernen sah. Die Wette: Diese Labore werden zur neuen Infrastrukturschicht des Internets.
Die neue Phase ist nüchterner. Investoren fragen nicht mehr nur »Wer hat das größte Modell?«, sondern »Wer baut daraus ein belastbares Geschäftsmodell?«. Anthropic erscheint mit seinem klaren Fokus auf Unternehmenskunden und einer relativ schmalen Produktpalette derzeit als leichter verständliche Equity‑Story als das breiter aufgestellte OpenAI mit zahlreichen Produkten und Partnerschaften.
Parallelen gibt es viele. In der Dotcom‑Ära galten bestimmte Infrastrukturanbieter (etwa Cisco) als verlässlichere Langfristwette als glitzernde Endkundenseiten. Später drifteten die Bewertungen von Uber und Lyft auseinander, als der Markt entschied, dass nur einer der beiden globale Skalierung und einen Pfad zur Profitabilität glaubhaft darstellen konnte.
Heute ist SpaceX die »Infrastruktur‑Megawette« für die Realwirtschaft – Satelliten, Launch, Connectivity – während Anthropic und OpenAI um die Rolle der dominanten KI‑Plattform konkurrieren. Gemeinsam ist allen: Die öffentlichen Märkte können nur eine begrenzte Anzahl an Billionen‑Narrativen gleichzeitig verdauen. Die Ära des »finanziere alles« ist vorbei, die Phase harter Kapitalrationierung beginnt.
5. Die europäische / DACH‑Perspektive
Für europäische Anleger und Unternehmen ist dieses Dreieck aus Anthropic, OpenAI und SpaceX mehr als ein US‑Schauplatz – es beleuchtet unsere eigenen strukturellen Zwänge.
Viele Pensionskassen, Versicherer und Versorgungswerke in Deutschland, Österreich und der Schweiz investieren nur vorsichtig in Spätphasen‑Tech. Ein IPO in SpaceX‑Größenordnung wird politisch wie medial kaum zu ignorieren sein. Der Druck, »dabei zu sein«, wird hoch – und damit die Versuchung, begrenztes Risikobudget auf diesen einen Titel zu konzentrieren. Das schmälert den Spielraum für Beteiligungen an hochbewerteten KI‑IPOs im gleichen Zeitraum.
Gleichzeitig prägen EU‑Verordnungen wie DSGVO, Digital Services Act (DSA), Digital Markets Act (DMA) und die kommende EU‑AI‑Verordnung das Spielfeld. Sie bestimmen, wie schnell DAX‑Konzerne, Mittelständler und öffentliche Verwaltung generative KI einsetzen dürfen – und unter welchen Auflagen. Für US‑Labs wie OpenAI und Anthropic ist Europa damit ein regulierungsintensiver, teils riskanter, aber sehr lukrativer Markt. Für europäische Alternativen – von Aleph Alpha über Mistral bis DeepL – ergeben sich Chancen, sich als datenschutz‑ und souveränitätsfreundliche Option zu positionieren.
Die Zweitmärkte für Privatanteile sind im DACH‑Raum deutlich weniger entwickelt als in den USA. Mitarbeitende von Scale‑ups in Berlin, München oder Zürich haben daher seltener die Möglichkeit, vor einem IPO Teile ihrer Anteile zu Geld zu machen. Wenn Anthropic‑Mitarbeitende hohe Summen über Sekundärverkäufe realisieren, wird der Druck auf europäische Gründer und die Politik steigen, flexiblere Mitarbeiterbeteiligungs‑ und Sekundärmarktmodelle zuzulassen.
6. Ausblick
Die entscheidende Frage lautet nun: Wer geht wann an die Börse – und mit welchem Ergebnis?
Sollte SpaceX Mitte 2026 an den Markt kommen und ein starkes Debüt hinlegen, könnte das IPO‑Fenster für Tech‑Schwergewichte entweder weiter aufstoßen – weil Investoren Rückenwind spüren – oder sich rasch schließen, falls das Risikobudget als ausgeschöpft gilt. Historisch waren Mega‑IPOs oft Taktgeber ganzer Marktzyklen.
Für OpenAI ist der Abschlag im Zweitmarkt ein Warnsignal. Er deutet darauf hin, dass einige frühe Investoren und Mitarbeitende Gewinne realisieren möchten, während neue Käufer skeptischer sind. Das verhindert keinen Börsengang, spricht aber dafür, entweder Zeit zu gewinnen und ins Bewertungsniveau hineinzuwachsen oder beim IPO eine defensivere Preisstrategie zu wählen.
Anthropic trägt ein anderes Risiko: Erwartungen, die kaum zu erfüllen sind. Wenn das Unternehmen die derzeitige Private‑Market‑Euphorie nahtlos in einen zu hoch bewerteten IPO überführt, kann schon eine leichte Verlangsamung beim Umsatzwachstum oder eine Enttäuschung bei den Margen eine deutliche Neubewertung auslösen.
Für Leserinnen und Leser im DACH‑Raum lohnt es, drei Entwicklungen genau zu verfolgen:
- Größe und Performance des SpaceX‑IPO – insbesondere, ob das Volumen während des Bookbuildings erhöht wird und wie sich die Aktie nach dem Listing entwickelt.
- Die Spanne beim OpenAI‑Zweitmarktrabatt – ob sie sich verengt (besseres Sentiment) oder ausweitet.
- Die konkrete Ausgestaltung der EU‑AI‑Verordnung, vor allem bei Foundation Models und Hochrisiko‑Anwendungen.
Wenn SpaceX einen Großteil des Tech‑IPO‑Risikobudgets des Jahres bindet, könnten OpenAI, Anthropic und andere Unicorns gezwungen sein, ihre Börsenpläne auf 2027 zu verschieben oder stärker auf strukturierte Sekundärtransaktionen zu setzen. Dann bleiben die Zweitmärkte der zentrale Ort der Preisfindung für die sichtbarsten KI‑Unternehmen der Welt.
7. Fazit
Der aktuelle Anthropic‑Hype und die Abkühlung bei OpenAI sind kein bloßer Beliebtheitswettbewerb, sondern ein Hinweis darauf, dass Kapital für Frontier‑KI deutlich selektiver geworden ist – just in dem Moment, in dem SpaceX im Begriff steht, riesige Liquiditätsmengen zu binden. Für europäische Investoren und Gründer lautet die Botschaft: Das Fenster für Mega‑Bewertungen wird schmaler, Disziplin zählt wieder. Spannend wird, wer nach dem SpaceX‑Börsengang noch als unterbewertet – und nicht als überdreht – wahrgenommen wird.



