Faraday Future: Wenn Corporate Governance gefährlicher ist als jede Batterie

1. Mai 2026
5 Min. Lesezeit
Faraday Future Elektroauto auf einer Messebühne mit Firmenlogo im Hintergrund

Überschrift und Einstieg

Ein Elektroauto‑Startup, das in einem Jahr nur vier Fahrzeuge ausliefert, gleichzeitig aber 7,5 Millionen US‑Dollar an eine vom Gründer beeinflusste Firma überweist – das ist kein Problem der Zellchemie, sondern der Corporate Governance. Die neuesten Angaben von Faraday Future, über die TechCrunch berichtet, lesen sich wie ein Kompendium dessen, was in der SPAC‑Ära schiefgelaufen ist. In diesem Beitrag ordnen wir die Fakten ein, analysieren die Rolle der US‑Aufsicht und diskutieren, was dieser Fall für europäische, insbesondere für DACH‑Investoren und ‑Unternehmen bedeutet.

Die Nachricht in Kürze

Laut TechCrunch hat Faraday Future in seinem aktuellen Proxy Statement offengelegt, dass das Unternehmen im Jahr 2025 rund 7,5 Millionen US‑Dollar an FF Global Partners LLC gezahlt hat. Faraday Future selbst bezeichnet FF Global als mit Gründer Jia Yueting verbundenes Unternehmen. Die Zahlungen erfolgten in einem Jahr, in dem der lange strauchelnde EV‑Hersteller vier Fahrzeuge auslieferte und fast 400 Millionen US‑Dollar Verlust machte, während er sich auf den Verkauf günstigerer Transporter und Roboter aus China verlegte.

Die 7,5 Millionen US‑Dollar setzen sich laut Meldung aus monatlichen „Beratungshonoraren“ von etwa 100.000 US‑Dollar, einer Bonuszahlung von 2 Millionen, der Rückzahlung von Darlehen in Höhe von rund 1,7 Millionen sowie weiteren 2,6 Millionen zusammen, die im Filing nicht näher erläutert werden. FF Global wird von fünf „Voting Managern“ kontrolliert – darunter Jia, Geschäftsfreunde und ein Familienmitglied – und ist zugleich Großaktionär von Faraday Future.

Die Zahlungen erfolgten, während die US‑Börsenaufsicht SEC Faraday Future bereits wegen Geschäften mit nahestehenden Unternehmen, der tatsächlichen Kontrolle Jias beim SPAC‑Börsengang 2021 sowie der Darstellung früher Verkaufszahlen untersuchte. TechCrunch berichtet, dass die SEC diese vierjährige Untersuchung im März 2026 ohne Maßnahmen einstellte, obwohl den Beteiligten zuvor mitgeteilt worden war, dass ein Enforcement‑Verfahren empfohlen werde.

Warum das wichtig ist

Oberflächlich betrachtet ist Faraday Future nur ein weiteres EV‑Startup, das Geld verbrennt. In Wahrheit zeigt der Fall, wie fehlerhafte Governance‑Strukturen ein börsennotiertes Unternehmen in eine Wertübertragungsmaschine für Insider verwandeln können.

Profiteure sind in erster Linie Jia und der enge Kreis rund um FF Global. Über Beratungsverträge, Boni und Darlehensrückzahlungen fließen Millionen aus einem Unternehmen ab, das operativ kaum Traktion vorweisen kann. Die Leidtragenden sind die Aktionäre, deren Kapital für zweifelhafte interne Transaktionen statt für Produktentwicklung, Industrialisierung und Service verwendet wird.

Für Mitarbeitende, Lieferanten und Kunden sendet das ein fatales Signal: Priorität hat nicht der Aufbau eines belastbaren Geschäfts, sondern die Alimentierung der Machtbasis des Gründers. In einer Branche mit massiven Vorlaufkosten ist das ein Rezept für strukturelle Unterfinanzierung – und letztlich für Insolvenzen.

Aus Wettbewerbssicht ist der Fall exemplarisch für die Schattenseiten des SPAC‑Boomb. Schnell an die Börse, viel Fantasie, wenig Due Diligence: Das hat eine ganze Kohorte von EV‑Firmen hervorgebracht, bei denen Governance‑Risiken unterschätzt wurden. Faraday Future steht dabei besonders heraus, weil der Gründer trotz interner Ermittlungen und einer Vorgeschichte in China – Stichwort LeEco – über Konstrukte wie FF Global faktisch die Kontrolle behalten hat.

Bemerkenswert ist zudem, dass diese Zahlungen während einer laufenden SEC‑Untersuchung erfolgten und dennoch keine Sanktionen folgten. Für den Markt bedeutet das: Man kann sich nicht darauf verlassen, dass Aufseher jede problematische Struktur einfangen. Die Verantwortung wandert zurück zu Investoren, Aufsichtsräten und Kreditgebern – sie müssen Governance‑Risiken viel aggressiver bepreisen.

Der größere Kontext

Faraday Future reiht sich ein in eine Liste prominenter EV‑SPAC‑Desaster: Lordstown Motors, Nikola, Arrival, Canoo – die Namen unterscheiden sich, das Muster ist ähnlich. Überoptimistische Produktionspläne, fragile Lieferketten und häufig Gründerfiguren, deren Machtstellung unzureichend kontrolliert wurde.

Die SPAC‑Struktur spielte dabei eine zentrale Rolle: Im Gegensatz zum klassischen IPO können Firmen mit SPACs aggressive Prognosen veröffentlichen und schneller an den Markt. In einem Umfeld billigen Geldes war die Versuchung groß, Governance‑Fragen hintenanzustellen. Dass TechCrunch nun von einer „historischen“ Schwäche des US‑Enforcements im Bereich Wirtschaftskriminalität spricht, verschärft den Eindruck: Die eine Hand (Kapitalmarkt) hat zu viel vertraut, die andere (Aufsicht) zu wenig durchgegriffen.

Historisch hat sich gezeigt, dass solche Phasen in Wellen verlaufen. In den späten 90ern waren es Dotcom‑Firmen mit zweifelhaften Rechnungslegungspraktiken, in den 2010ern Finanzskandale wie Wirecard. Die aktuelle Welle betrifft unter anderem EV‑ und Mobility‑Startups, die von der Klima‑ und Technologierhetorik profitierten. Immer wieder gilt: Die Technologie kann noch so spannend sein – wenn Kontrolle und Transparenz fehlen, endet die Geschichte selten gut.

Im internationalen Vergleich verschiebt sich damit die Dynamik. Großserienhersteller wie Volkswagen, Stellantis oder Hyundai, aber auch Player wie Tesla und BYD, profitieren davon, dass das Kapital risikoscheuer wird. Wer Milliarden in Plattformen und Zellfertigung investiert, möchte keine Unternehmensgruppen mit undurchsichtigen Related‑Party‑Deals finanzieren. Startups, die jetzt noch mit komplexen Gründer‑Strukturen an den Markt wollen, werden es schwer haben.

Die europäische / DACH‑Perspektive

Für Anleger in Deutschland, Österreich und der Schweiz ist Faraday Future mehr als eine US‑Kuriosität. Über Neobroker, thematische ETFs und Fonds landen solche Titel auch in DACH‑Depots – oft, ohne dass sich Privatanleger der Governance‑Risiken bewusst sind.

Gleichzeitig ist der Fall eine Mahnung an den hiesigen Kapitalmarkt. Nach Wirecard hat die BaFin ihre Aufsicht zwar deutlich verschärft, ESMA warnt seit Jahren vor SPAC‑Risiken. Doch auch in Amsterdam und Frankfurt gingen SPACs mit ambitionierten Mobility‑Plänen an die Börse, deren Geschichten sich heute deutlich nüchterner lesen. Der Fall Faraday Future liefert den europäischen Regulierern Argumente, bei Related‑Party‑Transaktionen, Gründer‑Kontrollstrukturen und Offenlegungspflichten noch genauer hinzusehen.

Die gute Nachricht: Der europäische Rechtsrahmen ist in vielen Punkten strenger als der US‑amerikanische. Der Deutsche Corporate Governance Kodex, das AktG, das österreichische und schweizerische Gesellschaftsrecht sowie die EU‑Marktmissbrauchsverordnung (MAR) setzen klare Leitplanken für Geschäfte mit nahestehenden Personen. Aber Papier allein schützt nicht – entscheidend ist, ob Investoren und Aufsichtsräte diese Themen aktiv adressieren.

Für die DACH‑Tech‑Szene – von Berliner Mobility‑Startups bis hin zu Unternehmen wie Rimac im erweiterten europäischen Umfeld – bedeutet das: Wer große Summen an Eigen‑ und Fremdkapital einsammeln will, muss Governance als Wettbewerbsvorteil begreifen. Klare Trennung zwischen Gründervermögen und Gesellschaft, transparente Vergütungsmodelle und echte Unabhängigkeit im Aufsichtsrat werden zum Hygienefaktor. Faraday Future zeigt, was passiert, wenn man Governance externen Beratern und Fußnoten überlässt.

Blick nach vorn

Was ist für Faraday Future das wahrscheinlichste Szenario? Ohne radikalen Kultur‑ und Strukturwandel läuft vieles auf eine Restrukturierung, eine Zerschlagung oder eine Übernahme hinaus – möglicherweise durch einen asiatischen Akteur, der Technologie und Marke günstig einsammeln will und bereit ist, Governance‑Altlasten mit zu übernehmen.

Entscheidend wird sein, ob das Unternehmen glaubhaft machen kann, dass Zahlungen an mit dem Gründer verbundene Entitäten künftig klar begrenzt und eng überwacht werden. Solange FF Global und Jia aber sowohl Aktionär als auch wesentlicher Vertragspartner bleiben, dürfte das Vertrauen institutioneller Investoren begrenzt sein.

Für Regulierer und Börsen wird Faraday Future zum Referenzfall. Jede neue SPAC‑Struktur im Mobilitätssektor, sei es in New York oder Frankfurt, wird an den hier sichtbaren Risiken gemessen werden. Kapitalgeber werden genauer hinsehen, wie Related‑Party‑Transaktionen geregelt sind, ob Gründer „Significant Influence“ ausüben und wie Konflikte zwischen Mehrheits‑ und Minderheitsaktionären gelöst werden.

Anleger sollten in den kommenden Quartalen insbesondere auf Folgendes achten:

  • Veränderungen in Vorstand und Board: Kommen unabhängige Persönlichkeiten an Bord oder bleibt alles im Gründer‑Orbit?
  • Umfang und Art neuer Related‑Party‑Transaktionen.
  • Entwicklung von Cash‑Bestand und Burn‑Rate im Verhältnis zu den Produktionszielen.
  • Signale von Börsen (Delisting‑Risiken) und größeren Gläubigern.

Für DACH‑Investoren gilt: Jede US‑EV‑Aktie mit SPAC‑Vergangenheit gehört auf den Governance‑Prüfstand, bevor neues Geld fließt.

Fazit

Faraday Future ist weniger ein EV‑ als ein Governance‑Case. Die 7,5 Millionen US‑Dollar, die in einem Jahr mit vier ausgelieferten Fahrzeugen an eine Gründer‑nahe Firma fließen, sind ein Warnsignal erster Ordnung. Für europäische Anleger lautet die Lehre: Bei hochriskanten Tech‑Stories entscheidet nicht nur die Technologie, sondern vor allem, wer die Macht hat und wie mit Related‑Party‑Deals umgegangen wird. Die Frage, die sich jeder stellen sollte: Würde ich diesem Governance‑Setup mein eigenes Unternehmen anvertrauen – und wenn nicht, warum dann mein Kapital?

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