Google Maps wird zum KI-Begleiter auf der Straße – und zum Testfall für EU-Regeln

29. Januar 2026
5 Min. Lesezeit
Radfahrerin nutzt Google Maps mit KI-Assistent auf dem Smartphone

Überschrift & Einstieg

Google Maps macht einen unscheinbaren, aber strategisch wichtigen Schritt: Gemini steht nun auch Fußgängern und Radfahrern als freihändiger Assistent zur Verfügung. Was wie ein Komfort-Feature wirkt, ist in Wahrheit ein weiterer Baustein in Googles Plan, Maps in einen kontextbewussten KI-Begleiter für den Alltag zu verwandeln. Wenn die meistgenutzte Karten-App Europas zum Interface für Googles KI wird, geht es nicht mehr nur um Routen, sondern um Datenmacht, Marktmacht – und um die Frage, wie viel davon die EU zulassen will.


Die News in Kürze

Laut einem Bericht von TechCrunch erweitert Google die Gemini-Integration in Google Maps von der Autofahrt auf Fuß- und Fahrradnavigation. Nutzer können Gemini nun während der Navigation per Sprache ansprechen, ohne die Kartenansicht zu verlassen. Das Feature ist weltweit auf iOS verfügbar, wo Gemini unterstützt wird; auf Android wird es schrittweise ausgerollt.

Zu Fuß lassen sich Fragen zur aktuellen Umgebung, zu Sehenswürdigkeiten oder zu bestimmten Orten entlang der Route stellen – etwa nach Cafés mit Toilette. Radfahrer können ihre voraussichtliche Ankunftszeit abfragen, Termine aus dem Kalender einsehen oder Gemini bitten, eine Nachricht über Verspätung zu versenden.

Die Interaktion ist dialogorientiert: Anschlussfragen sind möglich, etwa nach preisgünstigen Restaurants mit veganen Optionen entlang der Route und zusätzlichen Informationen zur Parksituation. Das Update baut auf anderen Gemini-Funktionen in Maps auf, darunter „Know-before-you-go“-Tipps, ein überarbeiteter „Entdecken“-Tab und Prognosen zur Verfügbarkeit von Ladesäulen für E-Autos. Parallel hat Google Chrome eine vertiefte Gemini-Integration mit einer dauerhaften Seitenleiste und agentischen Automatisierungsfunktionen erhalten.


Warum das wichtig ist

Der eigentliche Sprung liegt nicht in der Sprachausgabe, sondern in der Verknüpfung von KI mit Echtzeit-Bewegungsdaten.

Maps weiß, wo Sie sind, wohin Sie fahren, wie schnell Sie sich bewegen und welche Orte Sie regelmäßig aufsuchen. Mit Gemini als Konversationsschicht darüber entsteht ein mächtiger Kontext-Hub: Antworten und Aktionen basieren nicht mehr nur auf Suchanfragen, sondern auf Ihrer tatsächlichen Mobilität.

Gewinner:

  • Google verschafft sich einen Vorsprung gegenüber reinen Chatbots. Weder ChatGPT noch Perplexity sehen Ihren Live-Standort oder Ihre Route durch Berlin, Wien oder Zürich.
  • Nutzerinnen und Nutzer profitieren von natürlicheren Interaktionen beim Unterwegssein. Komplexe Suchanfragen („günstig, vegan, heute offen, auf meiner Strecke“) lassen sich mündlich deutlich effizienter formulieren als per Tastatur.
  • Lokale Unternehmen könnten mittel- bis langfristig stärker von kontextabhängigen Empfehlungen profitieren, sofern Google nicht zu stark auf Ketten und Werbekunden fokussiert.

Verlierer:

  • Unabhängige KI-Apps ohne tiefen Systemzugriff geraten ins Hintertreffen – sie sehen dagegen schnell wie „nur ein weiteres Chatfenster“ aus.
  • Karten- und Navi-Anbieter ohne starke KI – inklusive vieler In-Car-Systeme – drohen zu reinen Infrastrukturanbietern degradiert zu werden.

Gleichzeitig steigt die Abhängigkeit von einem Anbieter. Je mehr Fragen Sie unterwegs an Gemini richten, desto besser kennt Google Ihre Gewohnheiten – und desto schwerer fällt ein Wechsel zu konkurrierenden Diensten.


Der größere Kontext: Von Navigations-App zum Real-World-Agenten

Die Neuerung fügt sich nahtlos in mehrere Branchentrends ein.

1. Agentische KI statt passiver Assistenten.
Mit der neuen Chrome-Seitenleiste und „Auto-Browse“ zeigt Google, wohin die Reise geht: KI soll nicht nur Antworten geben, sondern selbstständig Schritte ausführen – Formulare ausfüllen, Informationen zusammentragen, Webseiten durchklicken. Maps ist die physische Entsprechung dieser Entwicklung: Heute beantwortet Gemini Fragen und verschickt Nachrichten, morgen bucht es womöglich Restaurants, Taxis oder Tickets direkt aus der laufenden Navigation heraus.

2. Ambient Computing wird konkret.
Jahrelang war „Ambient Computing“ ein Buzzword. Jetzt verschiebt sich der Fokus von separaten Assistenten-Apps zu KI in bestehenden Kernanwendungen – Browser, Karten, Messaging. Damit bekommt die Idee eines allgegenwärtigen, kontextbewussten Assistenten zum ersten Mal massentaugliche Konturen.

3. Der Kampf um das Interface zur physischen Welt.

  • Apple koppelt Siri, Apple Maps und Apple Intelligence eng an iOS.
  • Meta drückt seine KI in WhatsApp, Instagram und AR-Brillen.
  • OpenAI setzt auf Kooperationen, besitzt aber weder Betriebssystem noch Karten-App.

Google dagegen vereint Plattform, Karten und Modell in einer Hand. Wer unterwegs automatisch Gemini in Maps nutzt, statt eine andere KI-App zu öffnen, stärkt Googles Rolle als zentrale Schicht zwischen Nutzer und Umwelt. Historische Parallele: Als Google einst die Standardsuche im Browser wurde, war das die Grundlage für Jahre dominanter Marktmacht.


Die europäische / DACH-Perspektive

In Europa – und besonders im datensensiblen DACH-Raum – wird dieses Feature unweigerlich zum Prüfstein für Regulierung und Vertrauen.

Unter der DSGVO sind Standort- und Bewegungsdaten klar personenbezogen. Eine KI, die während des Navigierens Gespräche führt, wirft heikle Fragen auf:

  • Welche Gesprächsinhalte werden gespeichert und wie lange?
  • Werden Bewegungsmuster mit anderen Google-Diensten (YouTube, Search, Ads) verknüpft?
  • Ist eine datenschutzfreundliche Nutzung ohne umfangreiche Profilbildung realistisch?

Der Digital Markets Act (DMA) verpflichtet Google als „Gatekeeper“, konkurrierende Dienste nicht unzulässig zu benachteiligen. Wenn Gemini tief in Maps eingebaut ist, andere Assistenten aber keinen vergleichbaren Zugang zu Routing, Kalender und Messaging erhalten, ist Konfliktpotenzial mit der EU-Kommission vorprogrammiert.

Hinzu kommt der EU AI Act. Auch wenn reine Navigation nicht in die Hochrisiko-Kategorie fällt, müssen KI-Systeme künftig erklärbarer werden. Für Maps+Gemini könnte das bedeuten, dass Kriterien für Empfehlung und Ranking von Orten – etwa bei Restaurants oder Ladesäulen – transparenter gemacht werden müssen.

Auf der Nutzerebene ist die DACH-Region ein Sonderfall:

  • Starke Fahrradkultur in Städten wie Berlin, München, Wien oder Zürich.
  • Hohe Sicherheitsanforderungen im Straßenverkehr.
  • Ausgeprägte Skepsis gegenüber dauerhafter Überwachung.

Freihändige Sprachsteuerung klingt hier zunächst attraktiv. Aber sobald Gemini von passiven Antworten zu proaktiven Vorschlägen übergeht („Hier ist ein Angebot ganz in Ihrer Nähe“), dürfte der Widerstand wachsen.


Ausblick: Vom Antworten zum Erledigen ganzer Abläufe

In der aktuellen Form bleibt Gemini in Maps noch relativ brav: Fragen, Infos, einfache Aktionen. Die Logik der Plattform spricht jedoch dafür, dass Google schnell weitergehen wird.

Wahrscheinliche nächste Schritte in den kommenden 12–24 Monaten:

  • Transaktionen direkt aus der Navigation: Tischreservierungen, Ticketkäufe oder Carsharing-Buchungen, ausgelöst durch einen kurzen Dialog während des Laufens oder Radfahrens.
  • Kombination mit Kamera und Sensorik: per Kameraansicht Gebäude oder Läden „anpeilen“ und sich Kontext liefern lassen – vom Namen über Öffnungszeiten bis zu Bewertungen.
  • Individuelle Mobilitätsprofile: bevorzugte Routen, die Lärm, Gefahrenstellen oder schlechte Luftqualität meiden; sinnvoll etwa für Pendler in Ballungsräumen wie dem Rhein-Main-Gebiet.

Die offene Frage ist: Wie weit traut sich Google in Europa zu gehen? Strenge Bußgelder und laufende Wettbewerbsverfahren machen die EU zu einem deutlich härteren Terrain als den US-Heimatmarkt. Gleichzeitig wächst der Druck durch Konkurrenz – nicht nur aus den USA, sondern auch von europäischen KI-Startups, die sich mit Nischenangeboten (Datenschutz, On-Premise-Lösungen, branchenspezifische Assistenten) profilieren.

Nutzer sollten vor allem beobachten:

  • Welche Opt-out-Möglichkeiten es für KI-Funktionen in Maps gibt.
  • Ob Google klare Trennlinien zwischen Navigationsdaten und Werbedaten zieht.
  • Ob sich europäische Anbieter mit alternativen Karten- oder KI-Diensten etablieren können – beispielsweise HERE, OpenStreetMap-basierte Lösungen oder spezialisierte Navigations-Apps aus dem Berliner oder Münchner Startup-Ökosystem.

Fazit

Mit Gemini für Fußgänger und Radfahrer verwandelt Google Maps sich vom Routenplaner in einen allgegenwärtigen KI-Begleiter im öffentlichen Raum. Technologisch ist das konsequent und für viele Nutzer praktisch. Strategisch zementiert es Googles Rolle als Torwächter zwischen digitaler und physischer Welt – besonders in Europa ein hochsensibler Posten. Die entscheidende Frage lautet: Gelingt es, den Komfort eines kontextbewussten Assistenten mit strengen Datenschutz-, Wettbewerbs- und Transparenzanforderungen zu vereinen, oder wird Maps+Gemini zum nächsten großen Regulierungsfall der EU?

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