KI-Agenten und die Deflationsspirale: Wie real ist das Horrorszenario?

23. Februar 2026
5 Min. Lesezeit
Grafische Darstellung von KI-Agenten, die Büroarbeit automatisieren und die Wirtschaft beeinflussen

Überschrift & Einstieg

Die bedrohlichste KI‑Vision dieser Tage hat nichts mit Terminatoren oder entfesselter Superintelligenz zu tun. Sie spielt sich in ERP‑Systemen, E‑Mail‑Postfächern und Beschaffungsportalen ab: Software‑Agenten, die stille und effizient weiße‑Kragen‑Jobs wegrationalisieren – schneller, als Wirtschaft und Politik reagieren können.

Ein neues Szenario der Analysefirma Citrini Research zeichnet nun genau dieses Bild und warnt vor einem massiven Abschwung innerhalb von zwei Jahren. Ob man den exakten Zeitplan glaubt oder nicht, der zugrunde liegende Mechanismus ist ökonomisch durchaus plausibel.

Im Folgenden ordnen wir das Szenario ein: Wer wären die Gewinner und Verlierer? Wie fügt es sich in die Debatte um den „Tod von SaaS“ ein? Welche Rolle spielen EU‑Regeln – gerade für den DACH‑Raum – und welche Weichen müssen Unternehmen und Politik jetzt stellen?


Die Nachricht in Kürze

Wie TechCrunch berichtet, hat Citrini Research ein Szenario veröffentlicht, das die Weltwirtschaft zwei Jahre nach der breiten Einführung sogenannter KI‑Agenten beschreibt.

In diesem Gedankenexperiment hat sich die Arbeitslosigkeit unter Angestellten etwa verdoppelt, die globale Marktkapitalisierung ist um mehr als ein Drittel eingebrochen. Auslöser ist eine selbstverstärkende Kette: Mit steigenden KI‑Fähigkeiten automatisieren Unternehmen immer mehr Wissensarbeit, bauen Personal ab und ersetzen externe Dienstleister und SaaS‑Anbieter durch interne KI‑Agenten. Kurzfristig steigen die Margen, mittelfristig sinkt jedoch die Kaufkraft der Haushalte, was den Nachfragedruck verstärkt – und Unternehmen erneut in Richtung weiterer Automatisierung treibt.

Im Fokus stehen vor allem Tätigkeiten, die heute bereits ausgelagert werden: Marketing‑Operations, Beschaffung, Prozess‑Optimierung, Integrations‑Services. Das Szenario knüpft an Diskussionen über den „Tod von SaaS“ an, geht aber deutlich weiter. TechCrunch betont, dass Citrini dies ausdrücklich als Szenario, nicht als Prognose darstellt – dennoch fällt es vielen Beobachtern schwer, einen klaren logischen Bruch zu benennen.


Warum das wichtig ist

Citrinis Szenario greift die zentrale Annahme vieler KI‑Euphoriker an: dass sich Produktivitätsgewinne wie in früheren Technologiezyklen weitgehend reibungslos in mehr Wohlstand übersetzen.

Diesmal liegt der Fokus jedoch auf weißen‑Kragen‑Jobs im mittleren Einkommenssegment – genau jener Gruppe, die in Europa den Kern der Binnennachfrage bildet. Analysten, Sachbearbeiter, Projektmanager, Einkäufer, Customer‑Service‑Teams, Finanz‑Backoffice, Compliance: Menschen, deren Arbeit aus E‑Mails, Excel und Browser‑Tabs mit SaaS‑Tools besteht. Genau diese Tätigkeiten stehen im Fadenkreuz von KI‑Agenten.

Wer profitiert?

  • Hyperscaler und KI‑Plattformen (Microsoft, Google, AWS, OpenAI), die Rechenleistung und Modelle bereitstellen.
  • Großunternehmen, die über Kapital, Daten und IT‑Kompetenz verfügen, um eigene Agentensysteme aufzubauen und externe Dienstleister zu substituieren.

Wer verliert?

  • SaaS‑Anbieter und B2B‑Dienstleister, deren Wertschöpfung im Optimieren und Vermitteln von Geschäftsprozessen liegt – ein stark besetztes Segment im DACH‑Raum.
  • Agenturen, Shared‑Service‑Center und Beratungen, insbesondere im Bereich Standardprozesse.
  • Angestellte in repetitiven Wissensarbeiten, deren Aufgaben sich in API‑Aufrufe und Prompts zerlegen lassen.

Die makroökonomische Gefahr besteht weniger in „ewiger Massenarbeitslosigkeit“ als in Tempo und Verteilung: Wenn KI‑bedingte Kostenersparnisse zunächst vor allem bei Kapitaleignern landen, während Ersatzjobs langsamer entstehen und oft schlechter bezahlt sind, droht ein Nachfrage‑Schock. Die Folge: eine deflationäre Spirale aus sinkenden Löhnen, schwächerem Konsum, Margendruck und weiterer Automatisierung.

Brisant ist: KI muss dafür nicht annähernd „allgemein intelligent“ sein. Es reicht, wenn sie für CFOs glaubwürdig wirkt, um Personalabbau zu rechtfertigen – schneller, als Sozialpartner, Politik und Bildungsinstitutionen nachziehen können.


Der größere Zusammenhang

Citrinis Szenario ist kein Ausreißer, sondern reiht sich in mehrere Entwicklungen ein, die wir bereits sehen.

Schon heute erleben wir agentenähnliche Funktionen in der Praxis: Copilot‑Tools, die Code schreiben; Chatbots, die komplette Support‑Interaktionen abwickeln; Sales‑Systeme, die Kampagnen planen und nachfassen. Noch sind das meist „Assistenzsysteme“, aber der Schritt zu teilautonomen Abläufen ist nicht groß.

Parallel dazu kursiert in der VC‑Szene die These vom „Ende horizontaler SaaS“: Standard‑Business‑Software ohne proprietäre Datenbasis lässt sich immer leichter durch generische Modelle plus etwas Integrationslogik ersetzen. Citrini treibt diese Logik weiter: Wenn KI mehrere Systeme orchestriert, geraten auch Integrationsplattformen, Optimierungs‑Engines und Teile klassischer Agenturarbeit unter Druck.

Historische Parallelen gibt es – von der Automatisierung in der Industrie über Offshoring bis zur „China‑Schock“ genannten Handelsöffnung. Doch diese trafen überwiegend Industriearbeiter in bestimmten Regionen. Die Dienstleistungsökonomie diente als Auffangnetz.

Agentische KI gefährdet dieses Auffangnetz. Erstmals sind Bürojobs in der Breite so exponiert wie früher Fließbandtätigkeiten. Und Services stellen in entwickelten Volkswirtschaften den Großteil von BIP und Beschäftigung – ein Schock hier strahlt weit aus.

Dem stehen positive Szenarien gegenüber: Wenn KI‑Agenten reale Effizienzgewinne bringen und wir den Überschuss gezielt reinvestieren – etwa in Dekarbonisierung, Pflege, Bildung oder Arbeitszeitverkürzung –, kann daraus ein inklusiver Produktivitätsschub werden.

Entscheidend ist daher nicht, ob KI‑Agenten kommen – sie sind längst in Pilotphasen – sondern wer die Wertschöpfung abschöpft, wie schnell Verdrängung stattfindet und welche institutionellen Puffer existieren.


Die europäische und DACH‑Perspektive

In Europa und speziell im DACH‑Raum bekommt die Debatte eine zusätzliche Dimension.

Die EU‑Regulierung – KI‑Verordnung, DSGVO, Digital Services Act, Digital Markets Act – erschwert hyperaggressive, intransparente KI‑Einsätze, etwa autonome Einkaufs‑ oder Preisentscheidungen. Das kann die Geschwindigkeit eines einseitigen Kosten‑Cuttings bremsen und gibt Betriebsräten, Gewerkschaften und Aufsichtsbehörden mehr Verhandlungsspielraum.

Gleichzeitig ist Europa im Bereich Foundation Models und Hyperscaler stark von US‑Anbietern abhängig. Viele der erfolgreichen Tech‑Firmen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz – von SAP über Celonis bis hin zu Dutzenden mittelgroßen SaaS‑Anbietern und Process‑Mining‑Startups – verdienen ihr Geld genau damit, was Citrini als angreifbar beschreibt: Optimierung und Orchestrierung von Geschäftsprozessen.

In Deutschland, Österreich und der Schweiz kommen starke Mitbestimmungsstrukturen hinzu. Betriebsräte und Tarifpartner werden KI‑Einführungen nicht kampflos hinnehmen. Das kann Massenentlassungen bremsen – aber auch dazu führen, dass Unternehmen Automatisierung primär dort vorantreiben, wo Arbeitnehmervertretung schwächer ist: in ausgelagerten Shared‑Service‑Centern in Osteuropa oder bei externen Dienstleistern.

Für die Region bedeutet das: Der Druck wird besonders groß auf Nearshoring‑Standorte (Polen, Tschechien, Rumänien, Baltikum), wo zahlreiche deutsche und Schweizer Konzerne Backoffice‑Funktionen gebündelt haben. Viele dieser Jobs – von Reiseabrechnungen über einfache Buchhaltung bis Kundenservice – sind potenzielle Ziele für KI‑Agenten.

Politisch rückt damit die Frage in den Vordergrund, wie sich KI‑bedingte Produktivität mit dem europäischen Sozialmodell vereinbaren lässt. Werkzeuge gibt es: Qualifizierungsfonds, Anreize für Arbeitszeitverkürzung statt Entlassung, Besteuerung hochautomatisierter Wertschöpfung, strengere Regeln für algorithmische Personalentscheidungen.


Blick nach vorn

Verdoppelt sich die Arbeitslosigkeit in zwei Jahren und brechen die Börsen um ein Drittel ein? Als Basisszenario ist das wenig überzeugend – zumal Notenbanken und Regierungen in einer solchen Lage gegensteuern würden.

Wahrscheinlicher ist eine Abfolge von berufsbezogenen „Mini‑Schocks“. Besonders gefährdet:

  • Kundensupport, Content‑Produktion, einfache Softwareentwicklung,
  • standardisierte Finanz‑, Beschaffungs‑ und HR‑Prozesse,
  • Teile von Beratung und Agenturgeschäft, die stark prozessual arbeiten.

In den nächsten 2–5 Jahren ist im DACH‑Raum mit Folgendem zu rechnen:

  • Einstellungsstopps und „stille Schrumpfung“ weißer‑Kragen‑Teams durch Fluktuation statt Massenentlassungen.
  • Konsolidierung im SaaS‑Markt: Tools ohne klaren Datenvorsprung oder tiefe Branchenexpertise werden durch KI‑native Lösungen oder interne Agenten verdrängt.
  • Auseinanderlaufen der Produktivität: Unternehmen, die Prozesse neu denken, werden deutlich effizienter als solche, die nur Personal abbauen.

Worauf sollten Sie achten?

  • Wie entwickeln sich in Ihrer Organisation die Budgetposten „KI/Agenten“ im Verhältnis zu SaaS und Personalkosten?
  • Wie verändert sich der Lohnanteil am Volkseinkommen im Vergleich zu Unternehmensgewinnen?
  • Welche politischen Signale gibt es: Pilotprojekte zur Vier‑Tage‑Woche, Modelle zur Lohnversicherung, Debatten über eine „Automatisierungsabgabe“?

Die große Gefahr ist ein gesellschaftlicher Backlash, wenn breite Schichten das Gefühl haben, dass KI‑Gewinne bei wenigen Tech‑Konzernen und Kapitalgebern landen. Die Chance besteht darin, KI wie eine Infrastruktur zu behandeln – vergleichbar mit Elektrizität – und sie bewusst mit einem Update des europäischen Sozialmodells zu verknüpfen.


Fazit

Citrinis Horrorvision eines von KI‑Agenten ausgehöhlten Arbeitsmarkts ist zeitlich wahrscheinlich überzogen – sie legt aber den Finger auf eine reale Wunde: Ein schneller Produktivitätssprung in der Wissensarbeit kann Nachfrage und soziale Stabilität gefährden, wenn die Gewinne fast ausschließlich dem Kapital zufallen.

Ob KI‑Agenten zur deflationären Spirale oder zu einem neuen Gleichgewicht zwischen Produktivität und Lebensqualität führen, ist keine technische Frage, sondern eine von Governance, Mitbestimmung und Steuerpolitik.

Die unbequeme Frage an jede Führungskraft im DACH‑Raum: Setzen Sie KI ein, um Menschen besser zu machen – oder vor allem, um weniger von ihnen zu brauchen?

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