Der Mythos der „KI-bedingten Kündigung“: Wenn Automatisierung nur als Vorwand dient

1. Februar 2026
5 Min. Lesezeit
Illustration von Büroangestellten, die in ein Leiterplattenmuster übergehen

Der Mythos der „KI-bedingten Kündigung“: Wenn Automatisierung nur als Vorwand dient

Immer mehr Unternehmen erklären Stellenstreichungen mit Künstlicher Intelligenz. Für die Börse klingt das nach Innovationskraft, für Beschäftigte nach technologischem Schicksal. Doch wie viele dieser angeblichen „KI‑Kündigungen“ sind tatsächlich Folge einsatzbereiter Systeme – und wie viele sind klassisches Kostenmanagement, getarnt als digitale Transformation?

Im Folgenden ordnen wir die Zahlen ein, analysieren die Anreize für Manager, beleuchten die Folgen für den Arbeitsmarkt und diskutieren, was dieser Trend insbesondere für Deutschland, die DACH‑Region und die EU‑Regulierung bedeutet.

Die Nachricht in Kürze

Laut TechCrunch, unter Verweis auf Recherchen der New York Times, berufen sich immer mehr Unternehmen bei Entlassungswellen explizit auf Künstliche Intelligenz – ein Phänomen, das Beobachter als „KI‑Washing“ bezeichnen.

Demnach wurden im Jahr 2025 weltweit mehr als 50.000 Entlassungen offiziell mit der Einführung von KI begründet. Zu den Technologiekonzernen, die jüngst AI als zentralen Treiber für Stellenabbau genannt haben, zählen unter anderem Amazon und Pinterest.

TechCrunch verweist auf einen Bericht des Analysehauses Forrester vom Januar. Dessen Kernthese: Viele Unternehmen, die ihre Einschnitte als „KI‑getrieben“ deklarieren, verfügen noch gar nicht über ausreichend ausgereifte, geprüfte KI‑Anwendungen, um die gestrichenen Tätigkeiten realistisch zu ersetzen. Künstliche Intelligenz fungiert eher als zukunftsorientierte Erzählung, während die eigentlichen Gründe in Überkapazitäten oder Finanzdruck liegen.

Zudem zitiert TechCrunch Einschätzungen von Molly Kinder vom Thinktank Brookings Institution. Sie argumentiert, dass die Erklärung „KI ist schuld“ bei Investoren deutlich besser ankommt als das Eingeständnis schwacher Geschäfte oder strategischer Fehlentscheidungen.

Warum das wichtig ist

Wenn Vorstände sagen „die KI übernimmt diesen Job“, formulieren sie nicht nur eine Begründung, sondern prägen eine Erzählung, die politische Entscheidungen, Weiterbildungspolitik und Lohnverhandlungen in den kommenden Jahren beeinflussen wird.

Wer profitiert?

In erster Linie das Management und die Anteilseigner. Eine Entlassungsrunde, die als Korrektur von Fehleinschätzungen verkauft wird, wirkt wie ein Schuldeingeständnis. Dieselbe Maßnahme unter dem Label „konsequenter Umstieg auf KI“ signalisiert Effizienz, Mut zur Veränderung und Anschluss an den globalen Technologietrend. Die Kapitalmärkte honorieren aktuell nahezu jede überzeugend vorgetragene KI‑Story.

Auch Beratungen und Cloud‑Anbieter profitieren: Wer KI offiziell als Hebel für Einsparungen benennt, muss gegenüber Aufsichtsgremien und Anlegern AI‑Roadmaps und Investitionspläne vorlegen. Das erzeugt Nachfrage nach Infrastruktur, Beratung und „Transformationsprogrammen“ – selbst wenn der tatsächliche Reifegrad im Unternehmen gering ist.

Wer verliert?

Beschäftigte sind die unmittelbaren Verlierer. Wenn reale Ursachen wie Nachfragerückgänge, Managementfehler oder Überexpansion hinter der KI‑Fassade verschwinden, wird ihnen signalisiert, ihr Berufsbild sei technologisch obsolet. Das verzerrt Weiterbildungsentscheidungen: Menschen orientieren sich panikartig in Richtung „KI‑sichere“ Jobs, obwohl die eigentliche Ursache zyklischer oder struktureller Natur sein kann.

Auch die Politik verliert. Wenn Entlassungen systematisch als KI‑getrieben deklariert werden, obwohl sie es nicht sind, werden Statistiken über den tatsächlichen Technologiewandel unbrauchbar. Arbeitsmarkt‑, Bildungs‑ und Innovationspolitik laufen Gefahr, auf falschen Annahmen aufzubauen.

Schließlich leidet die Vertrauensbasis für echte Automatisierung. Dort, wo KI tatsächlich Prozesse effizienter macht, wird es zwangsläufig zu Aufgabenverschiebungen kommen. Wenn jedoch jede Sparrunde mit KI begründet wird, reagieren Betriebsräte und Belegschaften zunehmend allergisch – und blockieren womöglich Projekte, die bei fairer Gestaltung für alle Seiten vorteilhaft wären.

Das größere Bild

„KI‑Washing“ reiht sich ein in eine ganze Serie ähnlicher Phänomene: von Greenwashing über ESG‑Washing bis hin zur kurzen Phase des „Metaverse‑Washing“.

Als Nachhaltigkeit zum Investment‑Kriterium wurde, legten sich viele Konzerne ein grünes Image zu, lange bevor sie ihre CO₂‑Bilanz substanziell verbesserten. Regulierer reagierten mit strengeren Offenlegungspflichten und Prüfkriterien. Bei KI sind wir in einer vergleichbaren Frühphase: großer Erzählwille, wenig belastbare Kennzahlen.

Auch historisch betrachtet ist die aktuelle Dynamik ungewöhnlich. Frühere Automatisierungswellen – Roboter in der Autoindustrie, CNC‑Maschinen, Geldautomaten – folgten meist demselben Muster: Zuerst wurde Technologie in konkreten Prozessen implementiert, dann veränderten sich Jobprofile. Heute wird das Narrativ oft umgedreht: Man kündigt den „KI‑getriebenen Umbau“ an, obwohl die Systeme noch in Pilotprojekten stecken.

Die Folgen für den Wettbewerb sind erheblich. Unternehmen, die KI pragmatisch in eng umrissenen Bereichen einsetzen – etwa zur Optimierung von Lieferketten, zur Betrugserkennung im Zahlungsverkehr oder zur Unterstützung im Kundenservice – bauen schrittweise reale Effizienz‑ und Qualitätsvorteile auf. Firmen hingegen, die vor allem die „KI‑Story“ spielen, riskieren mittelfristig einen Reputationsschaden, wenn die angekündigten Produktivitätsgewinne ausbleiben.

Kurz gesagt: KI‑Washing ist kein reines Kommunikationsproblem, sondern ein Symptom für strategische Fehlallokation von Kapital und Managementaufmerksamkeit.

Die europäische und DACH-Perspektive

In Europa trifft die Erzählung von „KI‑bedingten Kündigungen“ auf zwei harte Realitäten: starke Arbeitnehmerrechte und eine der weltweit strengsten Digital‑Regulierungen.

In Deutschland lösen größere Personalabbaumaßnahmen Mitbestimmungsrechte nach Betriebsverfassungsgesetz aus. Betriebsräte haben Anspruch auf umfassende Informationen – ein nebulöses „die KI macht das jetzt“ reicht hier kaum aus. Ähnliches gilt in Österreich und der Schweiz, wo Sozialpartner traditionell eine starke Rolle spielen.

Parallel dazu steht die EU kurz vor der finalen Umsetzung des AI Act, während die DSGVO automatisierte Entscheidungen, die erhebliche Auswirkungen auf Personen haben, bereits reguliert. Wenn Unternehmen KI als Grund für Stellenabbau nennen, drängt sich die Frage auf: Welche konkreten Systeme sind im Einsatz, wie wurden Risiken bewertet, wie werden Betroffene informiert? Aus Marketingsprech wird schnell eine Compliance‑Baustelle.

Gerade für den deutschen Markt, der sich als besonders datenschutz‑ und sicherheitsbewusst versteht, eröffnet sich hier aber auch eine Chance. Unternehmen, die transparent darlegen können, wo KI wirklich Mehrwert schafft, wie sie Beschäftigte einbinden und weiterbilden, könnten sich als „vertrauenswürdige Automatisierer“ positionieren – ein Profil, das international gefragt sein dürfte.

Hinzu kommt: Viele Near‑ und Offshoring‑Zentren in der CEE‑Region (Polen, Tschechien, Rumänien) arbeiten für deutsche Konzerne. Wenn Muttergesellschaften in ihren Heimatmärkten „KI‑Restrukturierungen“ ankündigen, spüren die ausgelagerten Standorte die Folgen oft zeitverzögert, mit noch weniger Einblick in die wahren Ursachen. Hier werden klare Regeln zur Begründung und Kommunikation von KI‑Einsatz entscheidend.

Blick nach vorn

In den nächsten 12 bis 24 Monaten zeichnen sich drei Entwicklungen ab.

1. Sinkende Geduld der Investoren
Je länger der KI‑Hype anhält, ohne dass sich in breiter Front messbare Produktivitätsfortschritte zeigen, desto kritischer werden Analysten nachfragen. Unternehmen müssen dann konkret belegen, welche Prozesse automatisiert wurden, wie sich Output pro Kopf verändert hat und ob Qualitätskennzahlen stabil geblieben sind. Vage Verweise auf „Effizienz durch KI“ werden nicht mehr reichen.

2. Regulierung und Berichtspflichten
Aufsichtsbehörden in der EU haben aus der Greenwashing‑Debatte gelernt. Es ist plausibel, dass europäische Wertpapieraufsichten künftig auch KI‑bezogene Aussagen in Geschäftsberichten und Ad‑hoc‑Mitteilungen stärker prüfen, insbesondere wenn sie zur Begründung von Massenentlassungen dienen. Leitlinien dazu, wann ein Stellenabbau wirklich als „KI‑getrieben“ gelten kann, würden KI‑Washing riskanter machen.

3. Neuverhandlung des „KI-Gesellschaftsvertrags“
Gewerkschaften und Betriebsräte werden KI nicht pauschal verhindern können – und wollen das in vielen Fällen auch nicht. Aber sie werden stärker darauf drängen, frühzeitig in Technologieprojekte einbezogen zu werden: mit gemeinsamen Folgenabschätzungen, Qualifizierungsprogrammen und ggf. Beschäftigungsgarantien. Unternehmen, die offen mit den Risiken und Chancen umgehen, haben die besten Karten, echte Automatisierung durchzusetzen, ohne den sozialen Frieden zu gefährden.

Für Fachkräfte und Studierende in der DACH‑Region heißt das: Nicht jede „KI‑bedingte Kündigung“ ist ein Zeichen technologischer Unausweichlichkeit. Entscheidend ist, ob Ihr Arbeitgeber tatsächlich Workflows umstellt und entsprechende Tools in der Fläche ausrollt – oder ob KI bislang vor allem in Präsentationen und Pressemitteilungen vorkommt.

Fazit

Nicht hinter jeder „KI‑Kündigung“ steckt ein smarter Algorithmus – häufig steckt dahinter eher eine Excel‑Tabelle mit Sparzielen. KI‑Washing beim Personalabbau verzerrt Debatten, erschwert sinnvolle Politik und untergräbt die Akzeptanz dort, wo Automatisierung wirklich Wert schafft.

Die nächste Phase der KI‑Entwicklung sollte Firmen belohnen, die Transparenz wagen: Sie können belegen, wo KI heute schon wirkt, wie Effizienzgewinne verteilt werden und welche Perspektiven Beschäftigte erhalten, deren Tätigkeiten sich verändern. Die entscheidende Frage an Vorstände, Aufsichtsräte und Anleger lautet: Reicht Ihnen die Geschichte – oder verlangen Sie Belege für die verkündete „KI‑Revolution“?

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