Mit KI-Agenten und OpenTelemetry zeigt New Relic seine wahre Strategie

24. Februar 2026
5 Min. Lesezeit
Dashboard mit KI-gestützten Observability-Agenten und Telemetrie-Grafiken
  1. ÜBERSCHRIFT UND EINSTIEG

New Relic hat seine Plattform um KI-Agenten und neue OpenTelemetry-Funktionen erweitert – und damit weit mehr getan, als nur ein weiteres Buzzword auf die Website zu schreiben. Die Ankündigung verrät, wohin sich Observability entwickelt: weg von Menschen, die Dashboards interpretieren, hin zu spezialisierten Agenten, die Telemetrie auswerten und Maßnahmen anstoßen.

Für Unternehmen in der DACH-Region ist das hochrelevant: Wer künftig den „Tower“ über Produktionssystemen kontrolliert, entscheidet über Stabilität, Kosten – und darüber, wie viel Abhängigkeit von US-SaaS-Anbietern man akzeptiert.

  1. DIE NACHRICHT IN KÜRZE

Laut einem Bericht von TechCrunch hat New Relic zwei große Neuerungen vorgestellt.

Erstens die „New Relic Agentic Platform“ – eine No-Code-Plattform, mit der Unternehmen KI-Agenten für Observability aufbauen können. Diese Agenten überwachen Anwendungs- und Infrastrukturdaten, erkennen Fehler und Anomalien, verknüpfen Signale zu Vorfällen und können auch bestehende Bots orchestrieren. Die Plattform unterstützt das Model Context Protocol (MCP), über das KI-Anwendungen sicher auf externe Datenquellen und weitere New-Relic-Tools zugreifen können.

Zweitens wurden die Application-Performance-Monitoring-(APM)-Agenten von New Relic um integrierte OpenTelemetry-(OTel)-Funktionen erweitert. Unternehmen können OTel-Daten nun direkt an New Relic senden und diese Ströme gemeinsam mit anderem Telemetrie-Datenmaterial in einem System verwalten. New Relic argumentiert, dass damit der operative Aufwand für den Betrieb separater OTel-Collector-Flotten sinkt und eine Fragmentierung beseitigt wird, die die Verbreitung von OTel bislang gebremst hat.

  1. WARUM DAS WICHTIG IST

Die Ankündigung adressiert zwei strukturelle Probleme in modernen IT-Organisationen:

  • Tool-Sprawl: zu viele Monitoring-Lösungen, zu wenig Integration.
  • Signal-Rauschen: riesige Datenmengen, aber wenig konkrete Entscheidungen.

Die Agentic Platform ist New Relics Versuch, aus dem „AIOps“-Buzzword echte Produktivität zu machen – jedoch bewusst fokussiert. Statt einer generischen Allzweck-KI verspricht das Unternehmen domänenspezifische Agenten, die genau das tun, was SRE-Teams heute mühsam von Hand erledigen: Anomalien erkennen, Ursachen eingrenzen, Tickets anlegen, Runbooks anstoßen.

Profiteure:

  • Bestehende New-Relic-Kunden erhalten einen Weg zu KI-unterstützten Betriebsabläufen, ohne selbst Agent-Frameworks bauen oder LLMs in Produktionsumgebungen integrieren zu müssen.
  • Mittelständische Teams – typisch für Deutschland, Österreich und die Schweiz – können fehlende SRE- und Observability-Expertise teilweise „als Service“ einkaufen.

Verliererpotenzial:

  • Spezialisierte OTel-Anbieter und Collector-Projekte, die von der Komplexität der Telemetrie-Pipelines leben; wenn „schickt uns einfach euer OTel“ zum Standard wird, schrumpft dieser Markt.
  • Generische AIOps-Plattformen, die sich zwischen Observability-Tools und Betriebsteams klemmen; wenn die Monitoring-Anbieter selbst Agent-Schichten liefern, wird es für neutrale „KI-Dächer“ enger.

Strategisch fährt New Relic einen typischen Plattformkurs: man umarmt offene Standards an den Rändern (OTel, MCP), bindet Kunden aber über proprietäre Intelligenz und historisierte Daten im Kern. Der Wechsel des Observability-Anbieters mag auf dem Papier leicht erscheinen – die gewachsene Agent-Logik und Korrelationen mitzunehmen, wird es nicht.

  1. DER GRÖSSERE ZUSAMMENHANG

New Relic bewegt sich damit in einer breiteren Branchenentwicklung hin zu „agentischen“ Systemen.

Salesforce hat mit Agentforce Ende 2024 vorgelegt, OpenAI hat zu Beginn dieses Jahres mit eigenen Agent-Werkzeugen nachgezogen. Gartner bezeichnet Agent-Plattformen inzwischen als „notwendige Infrastruktur“, damit Unternehmen KI produktiv einsetzen können. Observability ist dafür ein idealer Startpunkt: viele Daten, klar definierte Prozesse, hohes Automatisierungspotenzial.

Ganz neu ist der Traum von der selbstheilenden IT allerdings nicht. Schon in den 2010er-Jahren gab es Runbook-Automatisierung, Regel-Engines und frühe AIOps-Produkte. Sie scheiterten oft daran, dass sie Kontext nicht wirklich verstanden – sie konnten Muster erkennen, aber nicht „verstehen“, was eine Applikation eigentlich tut.

Heute stehen drei Bausteine anders da:

  • Reife Telemetrie-Standards wie OpenTelemetry,
  • leistungsfähige LLMs, die Logfiles und Traces semantisch interpretieren können,
  • Workflows und APIs, über die Agenten Änderungen in Echtzeit ausführen.

Im Vergleich zum Wettbewerb:

  • Datadog bietet KI-Assistenten und Automationspipelines,
  • Dynatrace vermarktet seine Davis-KI als zentrales Analysehirn,
  • Elastic kombiniert Suche, Logging und KI in einer Plattform.

New Relic setzt mit MCP- und OTel-Betonung stärker auf Interoperabilität. Das deutet auf eine Rollenverteilung hin:

  • OTel standardisiert, wie Telemetrie erhoben wird.
  • MCP standardisiert, wie Agenten mit Tools und Daten sprechen.
  • Der Wettbewerb verlagert sich auf die Frage, welcher Anbieter die nützlichsten Agenten und Automationen liefert.

Kurz: Der Differenzierungsfokus wandert vom reinen Dateneinsammeln zur KI-gestützten Entscheidungsfindung.

  1. DIE EUROPÄISCHE / REGIONALE PERSPEKTIVE

Für Unternehmen in Deutschland, Österreich und der Schweiz ist die Kombination aus KI-Agenten und OTel vor allem aus drei Gründen spannend – und heikel.

Erstens steigen die regulatorischen Anforderungen. NIS2, die Digital-Operational-Resilience-Regeln (DORA) und branchenspezifische Vorgaben (BaFin-Rundschreiben, FINMA-Richtlinien) verlangen nach nachweisbarer Resilienz und schneller Incident-Reaktion. KI-Agenten, die Anomalien priorisieren, Incident-Reports mit Telemetrie anreichern und Playbooks auslösen, passen perfekt zu diesen Vorgaben – sofern sie kontrollierbar bleiben.

Zweitens ist die Datenschutz-Sensibilität im DACH-Raum besonders hoch. Telemetrie kann personenbezogene Daten enthalten. Ein US-zentrierter SaaS-Anbieter, der sämtliche OTel-Ströme einsammelt, wirft zwangsläufig Fragen zu GDPR, Schrems-II-konformen Übermittlungen und Datenlokalisierung auf. Viele Konzerne setzen bereits heute auf EU-Sovereign-Cloud-Regionen oder europäische Provider, um dieses Risiko zu reduzieren.

Drittens eröffnet sich ein Fenster für europäische Alternativen: Elastic (mit europäischen Wurzeln), deutsche Monitoring-Projekte wie Icinga oder Checkmk sowie lokale Cloud-Anbieter können sich als „KI-fähige, aber datensouveräne“ Observability-Plattformen positionieren. OTel sorgt dabei für die notwendige technische Anschlussfähigkeit.

Für IT-Verantwortliche in der Region lautet die operative Frage: Lässt sich New Relics Agentic Platform so betreiben oder regional einschränken, dass sie mit internen Compliance-Vorgaben und dem kommenden EU AI Act vereinbar ist?

  1. AUSBLICK

Was ist in den nächsten 12–24 Monaten zu erwarten?

1. Vertikale Agent-Ökosysteme.

Agent-Plattformen werden sich nach Domänen ausprägen: Observability, Security, CRM, ERP. New Relic positioniert sich klar als Spezialist für den Observability-Stack. Der Erfolg wird nicht an der Anzahl der Agenten gemessen, sondern daran, ob sie MTTR messbar senken und On-Call-Stress reduzieren.

2. Governance wird zum Verkaufsargument.

Sobald Agenten nicht nur Empfehlungen aussprechen, sondern Änderungen vollziehen – Deployments zurückrollen, Kapazitäten anpassen, Traffic umlenken –, werden Risikomanagement und Revision zentrale Stakeholder. Anbieter müssen liefern:

  • detaillierte Audit-Trails für KI-Entscheidungen,
  • fein granulare Berechtigungen und Safety-Mechanismen,
  • nachvollziehbare Modelle, um Anforderungen des EU-AI-Gesetzes zu erfüllen (Transparenz, menschliche Aufsicht, Risikoklassifizierung).

Wer das überzeugend adressiert, hat im regulierten europäischen Markt einen Vorteil.

3. OpenTelemetry wird zur Pflichtinfrastruktur.

Indem New Relic OTel in seine Agenten integriert und das Collector-Management übernimmt, macht das Unternehmen aus einem De-facto-Standard ein Einfallstor ins eigene Ökosystem. Andere werden folgen. Eigenwillige, proprietäre Telemetrie-Formate werden zunehmend zum Kosten- und Migrationsrisiko – insbesondere für Unternehmen mit Multi-Cloud-Strategien.

Eine offene Flanke bleibt: Wie viele Unternehmen sind bereit, einem einzelnen Anbieter sowohl die Observability-Datenebene als auch die KI-Steuerungsebene zu überlassen? Multi-Vendor-Ansätze – etwa OTel-Pipelines plus unabhängige Agent-Orchestrierung – könnten als Gegenmodell an Bedeutung gewinnen.

  1. FAZIT

New Relic setzt mit KI-Agenten und OpenTelemetry auf eine Kombination aus Offenheit und Lock-in: Standards am Rand, proprietäre Intelligenz im Kern. Das ist aus Unternehmenssicht ein kluger Schritt in einem hart umkämpften Markt – aber für Kunden bedeutet es, Architekturentscheidungen sehr bewusst zu treffen.

Wer experimentiert, sollte diese Agenten wie neue Mitarbeitende im SRE-Team behandeln: schrittweise Verantwortung übertragen, streng überwachen und nur dann befördern, wenn sie nachweisbar Mehrwert liefern. Die entscheidende Frage: Wollen Sie, dass bei Ihrem nächsten Major Incident zuerst ein Mensch das letzte Wort hat – oder ein KI-Agent, der schon längst an Ihren Schaltern dreht?

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