OpenAI holt die Beratungsgiganten: Warum der Kampf um die Enterprise‑Cloud jetzt mit AI neu startet
ChatGPT‑Demos sind schnell gebaut, echte Transformation in Konzernen nicht. Mit der neuen „Frontier Alliance“ signalisiert OpenAI, dass es diese Realität erkannt hat – und sich dafür Hilfe von vier der mächtigsten Beratungshäuser der Welt holt. Damit beginnt eine neue Phase des AI‑Wettlaufs: Nicht mehr nur Modellqualität zählt, sondern wer die CFOs, CIOs und Betriebsräte überzeugt. In diesem Beitrag ordnen wir die Ankündigung ein, beleuchten Gewinner und Verlierer und fragen, was das für den datensensiblen DACH‑Markt bedeutet.
Die Nachricht in Kürze
Wie TechCrunch berichtet, hat OpenAI die „Frontier Alliance“ vorgestellt – mehrjährige Partnerschaften mit Boston Consulting Group (BCG), McKinsey, Accenture und Capgemini. Ziel ist es, das Enterprise‑Geschäft von OpenAI im Jahr 2026 deutlich auszubauen.
OpenAIs Team für Forward Deployed Engineering soll eng mit diesen Beratungen zusammenarbeiten, um Unternehmenslösungen von OpenAI zu implementieren – darunter OpenAI Frontier, eine Anfang Februar eingeführte No‑Code‑Plattform zum Erstellen, Ausrollen und Verwalten von AI‑Agenten auf Basis von OpenAI‑Modellen und anderen Anbietern.
Laut TechCrunch geht es nicht nur um technische Integration. Die Beratungen sollen Kunden helfen, Strategien und Prozesse rund um die neuen AI‑Werkzeuge neu zu gestalten. Parallel dazu hat Wettbewerber Anthropic Abkommen mit Deloitte und Accenture geschlossen. OpenAI wiederum hat 2026 bereits Enterprise‑Deals mit Snowflake und ServiceNow verkündet und den Enterprise‑Vertrieb organisatorisch ausgebaut.
Warum das wichtig ist
Die Botschaft ist klar: OpenAI setzt auf Vertriebsmacht statt Direktverkauf. Technologisch ist das Unternehmen stark, aber es fehlt an jahrzehntelang gewachsenen Kundenbeziehungen, wie sie Microsoft, SAP oder die großen Cloud‑Hyperscaler pflegen. Diese Lücke sollen BCG, McKinsey, Accenture und Capgemini schließen.
Profiteure:
- OpenAI skaliert seine Reichweite massiv, ohne selbst Tausende Branchenvertriebler einzustellen. Die Beratungen sitzen bereits in Aufsichtsräten und Lenkungsausschüssen und steuern große Transformationsbudgets.
- Beratungshäuser erhalten ein attraktives Spielfeld für neue „AI‑Transformationen“, inklusive Dauerumsatz für Prozessdesign, Change Management, Schulungen und Integrationen.
- Top‑Managements bekommen das, was sie kennen: Programme mit Roadmaps, KPIs und Governance – nicht nur eine API, die intern irgendwie genutzt werden soll.
Verlierer:
- Mittelständische IT‑Dienstleister und Boutique‑AI‑Anbieter, die bislang als Implementierungspartner fungierten, werden es schwerer haben, in die strategische Planung vorzudringen.
- Interne IT‑ und Data‑Science‑Abteilungen drohen zum Erfüllungsgehilfen externer Roadmaps zu werden, anstatt selbst Gestalter der AI‑Strategie zu sein.
Zugleich wächst das Risiko starker Anbieterbindung: Wer Prozesse, Rollenprofile und Governance um eine bestimmte Plattform wie Frontier herum neu baut, wird sie später nur mit erheblichen Kosten und internen Konflikten austauschen können.
Im Kern geht es also um die Frage, wer die Deutungshoheit über „AI‑Transformation“ hat. Wer die Story im Vorstand erzählt und die Benchmarks setzt, beeinflusst massiv, welche Technologie sich durchsetzt – unabhängig davon, welcher Modellanbieter in einem Benchmark minimal besser abschneidet.
Der größere Zusammenhang
OpenAIs Schritt ist Teil einer breiteren Entwicklung: der Industrialisierung von Generative AI.
Bereits heute vertreiben Microsoft, Google und AWS ihre AI‑Angebote stark über Systemintegratoren und Beratungen. Etwa wird Microsofts Copilot über Accenture/Avanade und andere Partner in Unternehmen getragen. OpenAI übernimmt dieses Go‑to‑Market‑Modell nun direkt, statt sich nur über Microsofts Azure‑Vertrieb zu positionieren.
Gleichzeitig zeigt der Einstieg von Anthropic in ähnliche Partnerschaften mit Deloitte und Accenture, dass die Beratungen bewusst auf ein Multi‑Vendor‑Setup setzen. Sie wollen gegenüber Kunden neutral erscheinen, während sie im Hintergrund mit mehreren Anbietern enge Co‑Marketing‑ und Schulungsabkommen schließen.
Ein Blick zurück: Beim Cloud‑Shift der 2010er‑Jahre kamen viele kritische Workloads erst dann in AWS, Azure oder GCP an, als Beratungen mit Reifegradanalysen, Business Cases und Migrationsfahrplänen auftraten. Jetzt wiederholt sich dieses Muster – nur dass generative AI nicht nur die IT, sondern fast jede Wissensarbeitsfunktion betrifft.
Damit rücken Themen wie Arbeitsrecht, Mitbestimmung, Datenschutz und Haftungsfragen in den Vordergrund. In Deutschland etwa wird kein größerer AI‑Rollout ohne Einbindung von Betriebsräten und Datenschutzbeauftragten stattfinden. Genau hier bieten sich Beratungen als Vermittler zwischen US‑Techfirmen und europäischer Regulierungskultur an.
OpenAI versucht parallel, sich mit Frontier von einem reinen Modelllieferanten zu einer Plattformebene für AI‑Agents und Workflows zu entwickeln. Wenn große Beratungen Frontier als Standardwerkzeug nutzen, entsteht eine Art „Betriebssystem“ für AI‑gestützte Prozesse – mit OpenAI im Zentrum, selbst wenn einzelne Use Cases auf andere Modelle zurückgreifen.
Die europäische und DACH‑Perspektive
Für Europa – insbesondere für den DACH‑Raum – ist diese Entwicklung ambivalent.
Positiv ist, dass die beteiligten Beratungen den europäischen Markt, GDPR, die kommenden Anforderungen des EU AI Act sowie branchenspezifische Vorgaben (z. B. in Finanz- und Gesundheitswesen) gut kennen. Sie können OpenAI‑Lösungen so rahmen, dass Dokumentations‑, Transparenz- und Risikomanagement‑Pflichten erfüllt werden. Für viele Vorstände ist das eine Voraussetzung, um AI überhaupt in regulatorisch sensiblen Bereichen einzusetzen.
Kritisch ist jedoch die Gefahr, dass europäische AI‑Anbieter an den Rand gedrängt werden. Unternehmen wie Aleph Alpha oder verschiedene spezialisierte Nischenanbieter setzen auf „Made in Europe“, datenresidente Modelle und deutsche bzw. europäische Sprachausprägungen. Wenn globale Beratungen in ihren Standardangeboten primär US‑Plattformen vorsehen, werden solche Alternativen nur selten geprüft.
Hinzu kommt die Datensouveränität: Viele deutsche, österreichische und Schweizer Unternehmen bestehen auf klaren Zusagen zur Datenlokalisierung, zu Trainingsdaten und zu Modell‑Governance. Wenn OpenAI und seine Partner hier keine überzeugenden, EU‑konformen Antworten liefern, könnten sich Kunden eher zu europäischen oder Open‑Source‑Lösungen hingezogen fühlen – insbesondere im öffentlichen Sektor und bei sicherheitskritischen Anwendungen.
Für den typischen deutschen Mittelständler stellt sich zudem die Kostenfrage. Groß angelegte Beratungsprogramme im Stil US‑amerikanischer Konzerne passen selten zu den Margen eines klassischen Familienunternehmens. Hier ist Raum für spezialisierte DACH‑Beratungen und regionale Integratoren, die mit kleineren, zielgerichteten Projekten und größerer Nähe zur Produktion punkten können.
Ausblick
Wie geht es weiter? Einige Trends zeichnen sich ab:
- Weitere Allianzen: Neben den jetzigen Partnern werden auch Big‑Four‑Prüfgesellschaften und lokale Player ähnliche Deals mit OpenAI, Anthropic oder Open‑Source‑Anbietern suchen.
- Kampf um Glaubwürdigkeit: Beratungen müssen beweisen, dass sie nicht nur AI‑PowerPoint liefern, sondern messbare Effekte – etwa Produktivitätsgewinne, Qualitätsverbesserungen oder Risikoreduktion.
- Regulatorische Schärfung: Mit dem schrittweisen Inkrafttreten des EU AI Act werden Kunden vermehrt auf Auditierbarkeit, Dokumentation und Risiko‑Klassifizierung achten. Projekte ohne sauberes Governance‑Konzept werden schwerer genehmigt.
Unternehmen sollten in den nächsten 12–24 Monaten besonders darauf achten:
- Ob sich echte Referenzprojekte mit nachhaltigem ROI abzeichnen – nicht nur Labor‑Piloten.
- Wie Berater mit Modellvielfalt und Anbieterunabhängigkeit umgehen. Wird Frontier zur „alternativlosen“ Basis erklärt, oder werden Schnittstellen zu anderen Modellen aktiv gefördert?
- Ob intern AI‑Kompetenzzentren aufgebaut werden, die auf Augenhöhe mit externen Partnern agieren, statt alles auszulagern.
Das Risiko überdimensionierter Programme ist real: Teure, langlaufende AI‑Initiativen können versanden, wenn Business‑Einheiten nicht mitziehen oder die versprochenen Effekte ausbleiben. Gleichzeitig entsteht eine Chance für Unternehmen, die früh klare Leitplanken setzen, interne Ownership aufbauen und Beratungen gezielt – nicht flächendeckend – einsetzen.
Fazit
OpenAIs Frontier Alliance ist aus Sicht des Anbieters ein kluger Schachzug: Sie verbindet starke Technologie mit den einflussreichsten Vertriebskanälen im Enterprise‑Umfeld. Für europäische Unternehmen bedeutet sie jedoch auch wachsenden Druck, sich zu positionieren – zwischen US‑Plattformen, heimischen AI‑Alternativen und einer Beratungsbranche, die ihre eigene Agenda hat. Die entscheidende Frage lautet: Wer definiert Ihre AI‑Strategie – Sie selbst oder Ihre Lieferanten und Berater? Wer hier aktiv gestaltet, statt sich treiben zu lassen, wird am Ende die besseren Karten haben.



