Reliance investiert 110 Milliarden in KI: Weckruf für Europas Infrastrukturträume

19. Februar 2026
5 Min. Lesezeit
Großer Serverraum mit beleuchteten Racks in einem indischen KI-Rechenzentrum

1. Überschrift und Einstieg

110 Milliarden US‑Dollar für KI‑Infrastruktur – nicht von einem Staat, sondern von einem einzigen Konzern. Mit diesem Plan will Reliance Indien aus der Rolle des IT‑Dienstleisters in die Liga der globalen KI‑Infrastrukturgiganten katapultieren.

Wenn das gelingt, verschiebt sich die Landkarte der Rechenzentren – mit Folgen auch für deutsche und europäische Unternehmen, die verzweifelt nach GPU‑Kapazitäten suchen. In diesem Beitrag ordne ich ein, was Reliance konkret vorhat, warum das strategisch so bedeutend ist, wie es in die weltweite KI‑Rüstungsspirale passt und was das für Europas stark regulierten, aber infrastrukturell zögerlichen Markt bedeutet.


2. Die Nachricht in Kürze

Laut TechCrunch hat Mukesh Ambani, Vorstandschef des indischen Konglomerats Reliance Industries, auf dem India AI Impact Summit in Neu‑Delhi einen Investitionsplan von rund 10 Billionen Rupien (etwa 110 Milliarden US‑Dollar) vorgestellt. Innerhalb von sieben Jahren sollen damit KI‑Rechenzentren im Gigawatt‑Maßstab, ein landesweites Edge‑Computing‑Netzwerk und neue KI‑Dienste entstehen, die eng mit der Telekom‑Tochter Jio verzahnt sind.

TechCrunch berichtet, dass der Bau mehrerer Rechenzentren in Jamnagar (Bundesstaat Gujarat) bereits läuft und über 120 Megawatt Kapazität in der zweiten Jahreshälfte 2026 ans Netz gehen sollen.

Die Ankündigung reiht sich in eine Welle massiver KI‑Investitionen in Indien ein: Die Adani‑Gruppe plant laut TechCrunch ebenfalls rund 100 Milliarden US‑Dollar für KI‑Rechenzentren, die Regierung rechnet in den kommenden zwei Jahren mit über 200 Milliarden US‑Dollar an KI‑Infrastrukturinvestitionen landesweit. Internationale Player wie OpenAI kooperieren mit der Tata Group beim Aufbau von Kapazitäten; Jio hat mit Google einen Deal, um Gemini‑basierte KI‑Dienste anzubieten. Reliance will den Ausbau mit überschüssiger grüner Energie speisen und KI‑Funktionen in mehreren indischen Sprachen entwickeln.


3. Warum das wichtig ist

Hier geht es nicht um ein Prestigeprojekt für die PR‑Abteilung. Reliance versucht, das zu wiederholen, was Jio bereits im Mobilfunk geschafft hat: mit extremem Skaleneffekt und vertikaler Integration die Preiskurve nach unten zu drücken – diesmal bei KI‑Rechenleistung.

Wer profitiert?

  • Indische Startups und Unternehmen erhalten lokale, tendenziell günstigere KI‑Kapazitäten, eng verzahnt mit einem dominierenden Mobil- und Glasfasernetz. Das macht KI‑Funktionen zu einem Standard‑Baustein in Telekom‑, Finanz‑ und Handelsangeboten.
  • Globale KI‑Anbieter bekommen eine zusätzliche, geopolitisch attraktive Region für Hosting und Ausführung von Modellen – wichtig für alle, die nicht ausschließlich auf US‑ oder China‑Infrastruktur setzen wollen.
  • Halbleiter‑ und Energiebranche profitieren von einem neuen Megaabnehmer für GPUs, Serverhardware und Strominfrastruktur.

Wer verliert?

  • Kleinere indische Rechenzentrumsbetreiber, die bei Kapitalzugang, Einkaufsvorteilen und politischem Rückhalt kaum mithalten können.
  • Standorte, die auf KI‑Rechenzentren hoffen – darunter einige EU‑Länder –, geraten in einen harten Kosten- und Standortwettbewerb mit Indien, das günstige Flächen, Arbeitskräfte, Solarstrom und ein investitionsfreundliches Umfeld kombiniert.

Ambanis Botschaft, Indien könne sich nicht leisten, „Intelligenz zu mieten“, trifft einen wunden Punkt vieler Volkswirtschaften. KI ist nicht mehr nur Software – sie ist kritische Infrastruktur. Wer die GPUs und Rechenzentren kontrolliert, diktiert Tempo und Richtung der Innovation.

Reliance positioniert Indien damit zwischen den Blöcken: Die USA dominieren die Grundmodelle, China baut sein eigenes geschlossenes Ökosystem, der Golf investiert in KI‑Hubs – und Indien versucht, einen großen Teil der globalen Infrastruktur zu stellen. Wenn die angekündigten Gigawatt Realität werden, könnten die globalen Preise für KI‑Rechenleistung deutlich unter Druck geraten – ähnlich wie Jio einst die Mobilfunkpreise in Indien kollabieren ließ.


4. Das größere Bild

Reliance’ Vorstoß fügt sich nahtlos in drei zentrale Trends der aktuellen KI‑Entwicklung ein.

1. Vom Rechenzentrum zum „KI‑Kraftwerk“
US‑Hyperscaler wie Microsoft (mit OpenAI), Amazon und Google investieren bereits heute zweistellige Milliardenbeträge pro Jahr in KI‑optimierte Rechenzentren. Staaten wie die Vereinigten Arabischen Emirate bauen mit Akteuren wie G42 eigene KI‑Superknoten auf. Indien will mit Reliance und Adani in dieselbe Liga – nicht nur als Anwender, sondern als Exporteur von Rechenkapazität.

2. Souveräne KI – diesmal als Infrastruktur
Frankreich, Deutschland und andere EU‑Staaten sprechen von „souveräner KI“ – meist mit Fokus auf Modelle und Daten. Indien verschiebt das Thema auf die Infrastrukturebene: Souveräne Compute-Kapazitäten im privatwirtschaftlichen Gewand. Die Regierung setzt den Rahmen, die Konglomerate investieren und agieren faktisch als Industriechampions.

3. Historische Parallele: Jio als Schockwelle
Der Einstieg von Jio in den indischen Mobilfunkmarkt ist ein Lehrbuchbeispiel für disruptive Infrastrukturpolitik: massive Investitionen in ein modernes Netz, anschließend ruinös niedrige Preise. Die Folge waren eine Marktbereinigung – aber auch ein explosionsartiges Wachstum digitaler Dienste.

Übertragen auf KI heißt das: Sollte Reliance denselben Ansatz fahren, werden sie aggressiv versuchen, KI‑Inference (und perspektivisch vielleicht Training) zu kommoditisieren – zunächst für Indien, mittelfristig als Exportgut. Europäische Unternehmen könnten diese Preisdifferenz über Partner nutzen, sofern Regulierung und Datenschutz es zulassen.

In Summe zeigt sich: KI ist zur industriepolitischen Schicksalsfrage geworden. Energiepolitik, Netzinfrastruktur und Halbleiterbeschaffung sind plötzlich ebenso entscheidend wie Forschungsdurchbrüche in den Labs.


5. Die europäische / DACH‑Perspektive

Für Europa – und speziell den DACH‑Raum – ist Reliance’ Ankündigung ein unbequemer Spiegel.

Die EU diskutiert seit Jahren Projekte wie Gaia‑X, IPCEI Cloud/Edge, EuroHPC und den Chips Act, um sich aus der Abhängigkeit von US‑Hyperscalern zu lösen. Konkrete, breit verfügbare KI‑Infrastruktur bleibt jedoch begrenzt, oft fragmentiert nach Ländern und Fördertopf.

Nun zeigt ein einzelner indischer Konzern, was passiert, wenn Kapital, politische Priorität und unternehmerische Entscheidungsfreude zusammenkommen. Während in Deutschland über Strompreise, Flächenkonflikte und Bürgerproteste gegen Rechenzentren diskutiert wird, deklariert Indien KI‑Compute als nationale Priorität – inklusive Bereitstellung von Solarflächen und Netzkapazität.

Für europäische Unternehmen ergeben sich zwei Ebenen:

  • Strategische Abhängigkeit: Wer heute KI‑Workloads fährt, hängt meist an US‑Hyperscalern. Wenn Indien zu einem ernstzunehmenden Compute‑Hub wird, eröffnet das eine dritte Option – mit eigenen geopolitischen Risiken, aber auch Chancen für Diversifizierung.
  • Regulatorische Bremsen: Die Kombination aus DSGVO, Digital Services Act und dem kommenden EU‑AI‑Act schützt Verbraucher, erhöht aber die Hürde für Rechenzentren: Standortgenehmigungen, Datenschutz‑Folgenabschätzungen, Energieauflagen. Das ist politisch gewollt – hat aber einen Preis im globalen Standortwettlauf.

Gerade für datensensible Branchen in Deutschland, Österreich und der Schweiz – Banken, Versicherer, Gesundheitswesen, Industrie 4.0 – wird die Frage zentral, welche KI‑Workloads zwingend in der EU laufen müssen und welche mit klaren Schutzmechanismen ausgelagert werden können.

Gleichzeitig gibt es eine kulturelle Brücke: Indische IT‑Dienstleister arbeiten seit Jahrzehnten für deutschsprachige Konzerne. Wenn diese Partner künftig eigenen KI‑Compute in Indien kontrollieren, könnten daraus neue Kooperationsmodelle entstehen – etwa Training von Modellen auf synthetischen oder pseudonymisierten Daten in Indien bei anschließender Inferenz in europäischen Rechenzentren.


6. Ausblick

Ob Reliance seine 110‑Milliarden‑Vision wirklich materialisieren kann, hängt von mehreren offenen Punkten ab.

1. Hardwareverfügbarkeit und Exportkontrollen
Hochleistungs‑GPUs sind global knapp. US‑Hyperscaler und Käufer in China (im Rahmen der Exportauflagen) blockieren enorme Volumina bei Nvidia & Co. Reliance braucht langfristige Lieferverträge und politischen Rückhalt in Washington, um nicht am Flaschenhals der Chipversorgung zu scheitern.

2. Energie, Wasser, Akzeptanz
Rechenzentren im Gigawatt‑Bereich sind echte Großverbraucher. Reliance will auf 10 GW Überschuss aus Solarprojekten setzen – ein Pluspunkt gegenüber vielen EU‑Standorten. Dennoch bleiben Fragen nach Netzstabilität, Wasserverbrauch und lokaler Akzeptanz, zumal Indien bereits heute mit Hitzewellen und Infrastrukturengpässen kämpft.

3. Fachkräfte und Betriebs-Know‑how
Indien hat einen riesigen Pool an Entwicklern, aber der Betrieb von KI‑Superclustern auf Weltklasseniveau erfordert sehr spezielles Know‑how in Hardware‑Orchestrierung, Kühlung, Scheduling und Sicherheit. Ohne internationale Top‑Talente oder tiefe Partnerschaften mit etablierten Cloud‑Anbietern droht eine Lernkurve, die Zeit und Geld kostet.

4. Offenes Ökosystem oder geschlossene Infrastruktur?
Wird Reliance seine KI‑Kapazitäten primär intern nutzen (Jio, Retail, Finance), oder als Plattform für Drittanbieter öffnen und damit ein „indischer Hyperscaler“? Davon hängt ab, wie relevant diese Infrastruktur für europäische Nutzer überhaupt wird.

Meine Prognose: Bis Anfang der 2030er Jahre wird Indien zu den drei, vier wichtigsten Regionen für KI‑Rechenleistung gehören – neben den USA, Teilen Ostasiens und dem Golf. Die Preise für KI‑Inference werden global sinken, und Indien wird eine ähnliche Rolle spielen wie einst bei Offshoring‑IT: als globaler Kostenanker, diesmal aber auf Infrastrukturebene.

Für CIOs und CTOs im DACH‑Raum ist die Aufgabe der nächsten 24–36 Monate klar: Daten und KI‑Use‑Cases nach regulatorischer Kritikalität klassifizieren, Multi‑Region‑Strategien inklusive potenzieller Indien‑Option durchdenken und prüfen, wie sich Souveränitätsansprüche mit ökonomischen Zwängen vereinbaren lassen.


7. Fazit

Reliance’ 110‑Milliarden‑Dollar‑Plan für KI‑Infrastruktur ist ein Signal mit globaler Reichweite: Die nächste Runde im KI‑Wettlauf wird im Stromnetz, in Rechenzentren und in der Industriepolitik entschieden – nicht nur in Forschungslabs.

Indien positioniert sich damit als künftiger Preis- und Standortmaßstab für KI‑Compute. Für Europa heißt das: Entweder wir beschleunigen eigene Infrastrukturprojekte und definieren kluge Partnerschaften – auch mit Indien – oder wir akzeptieren, dass zentrale Teile der Wertschöpfung der KI‑Ära dauerhaft außerhalb der EU verankert werden.

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