Trotz Krieg: Wie ukrainische Startups Europas Tech-Ordnung verschieben

24. Februar 2026
5 Min. Lesezeit
Entwickler arbeiten bei Notbeleuchtung in einem Kiewer Coworking-Space während eines Stromausfalls

Ein Einhorn mit Kuchen in einem Kiewer Büro zu feiern, während draußen der Strom wegen Raketenangriffen ausfällt, ist mehr als eine emotionale Randnotiz. Es ist ein Indikator dafür, dass das ukrainische Startup-Ökosystem nicht nur überlebt, sondern skaliert. Für die Tech-Szene in Deutschland, der DACH-Region und der EU ist das von strategischer Bedeutung.

In diesem Beitrag geht es daher nicht um Romantisierung von Resilienz, sondern um Machtverschiebungen: Welche Rolle spielen ukrainische Startups für Europas Verteidigungsfähigkeit, den Arbeitsmarkt für Entwickler, die künftige EU‑Regulierung – und welche Chancen vergeben hiesige Investoren, wenn sie Ukraine weiterhin nur als Risiko betrachten?

Die Nachricht in Kürze

Wie TechCrunch berichtet, sind vier Jahre nach Beginn der russischen Vollinvasion zahlreiche ukrainische Startups weiterhin aktiv – sie bauen Produkte, stellen ein und holen neues Kapital.

Das Sprachlern‑Unternehmen Preply ist Anfang des Jahres zum Einhorn aufgestiegen und will rund 100 zusätzliche Entwickler:innen für seine globalen Teams einstellen; etwa ein Drittel seiner Engineering‑Belegschaft sitzt weiterhin in der Ukraine. Laut TechCrunch hat sich die Kiewer Tech‑Community an regelmäßige Stromausfälle angepasst – mit Generatoren, Powerbanks und Büros, die 24/7 als beheizte Zufluchtsorte dienen.

Ein weiteres Beispiel ist Aspichi: Das Unternehmen hat sich nach Kriegsbeginn komplett neu ausgerichtet und entwickelt nun mit Luminify eine Mixed‑Reality‑Plattform zur Behandlung von Kriegstraumata bei Soldaten, Veteranen und Zivilist:innen. Startups können in der Ukraine einen besonderen Status erhalten, der Schlüsseltalente vor der Einberufung schützt, sofern ihre Arbeit als sicherheitsrelevant eingestuft wird.

Neben Kiew etabliert sich Lwiw als zweites wichtiges Zentrum. Orte wie LEM Station und Konferenzen wie die IT Arena 2025 zogen laut TechCrunch über 6.000 Teilnehmende aus mehr als 40 Ländern an. Lokale VCs wie 1991, Flyer One Ventures und SMRK investieren weiter; ukrainische Delegationen sind trotz komplizierter Anreise regelmäßig auf europäischen Tech‑Events präsent.

Warum das wichtig ist

Aus deutscher Perspektive wird Ukraine in der Tech‑Debatte oft entweder als Nearshoring‑Standort oder als humanitäres Thema behandelt. Beides greift zu kurz.

Erstens wird der Tech‑Sektor zu einem tragenden Pfeiler der ukrainischen Kriegswirtschaft. Software‑Exporte und globale SaaS‑Umsätze bringen Devisen, zahlen Steuern und binden hochqualifizierte Fachkräfte an das Land. Jedes weitere Einhorn oder profitabel skalierende B2B‑Startup stärkt indirekt die finanzielle und politische Verhandlungsmacht Kiews – auch gegenüber europäischen Institutionen.

Zweitens verschiebt sich der Wettbewerb um Talente. Die Ukraine verfügt über einen der größten Pools an Senior‑Entwickler:innen in Europa. Unternehmen wie Preply, Grammarly oder GitLab (mit ukrainischen Wurzeln) zeigen, dass es nicht nur um Body‑Leasing geht, sondern um eigenständige Produktfirmen. Für Startups in Berlin, München oder Zürich bedeutet das: Sie konkurrieren nicht mehr nur mit US‑Konzernen um Köpfe, sondern zunehmend mit produktstarken ukrainischen Teams, die attraktive Remote‑Jobs anbieten.

Drittens sendet der Sonderstatus für „systemrelevante“ Startup‑Mitarbeitende ein starkes Signal: Kritische Infrastruktur ist nicht mehr nur Straße, Schiene und Stromnetz, sondern auch Software – von Drohnensteuerung bis Traumatherapie. Damit öffnet sich ein breites Feld für Dual‑Use‑Innovation, das weit über klassische Rüstung hinausgeht.

Wer dabei verliert? Vor allem diejenigen Investoren, die auf „klare Verhältnisse nach dem Krieg“ warten. Wenn der Waffenstillstand kommt, werden die spannendsten Cap‑Tables vermutlich bereits mit VCs aus Polen, dem Baltikum, Großbritannien oder den USA besetzt sein – also mit denen, die bereit waren, während der Blackouts zu investieren.

Der größere Kontext

Wissenschaft und Geschichte zeigen: Krieg beschleunigt bestimmte Innovationsfelder. Israels Cyber‑ und Defence‑Tech‑Kompetenz ist das prominenteste Beispiel. In der Ukraine fällt dieser Effekt jedoch in ein Zeitalter, in dem Remote‑Work, Cloud‑Infrastruktur und globale Developer‑Tools Standard sind. Ein Team in Lwiw kann heute weltweit verkaufen, ohne jemals ein klassisches „Headquarter“ in London oder San Francisco aufzubauen.

Gleichzeitig hat Russlands Angriffskrieg in der EU ein Umdenken bei „kritischen Technologien“ ausgelöst. Programme wie die NATO‑Initiative DIANA oder der Europäische Verteidigungsfonds wurden ausgebaut. Ukrainische Startups sind faktisch Live‑Laboratorien für Drohnen, elektronische Kriegführung, Sensorik, Logistik‑Software und KI‑gestützte Aufklärung. Die Feedback‑Schleifen aus dem Feld sind extrem kurz – ein Innovationsvorteil, den zivile Labore kaum nachbilden können.

Interessant ist auch der zivile Teil des Ökosystems. Produkte, die unter Bedingungen wie instabiler Stromversorgung, beschädigter Infrastruktur und millionenfacher Binnenflucht funktionieren müssen, werden zwangsläufig robust, offline‑fähig und ressourcenschonend gebaut. Solche Eigenschaften sind ebenso gefragt in afrikanischen Wachstumsmärkten oder ländlichen Regionen Lateinamerikas. Ukrainische Startups könnten damit in genau jene Märkte skalieren, in denen europäische Anbieter bislang schwer Fuß fassen.

Nicht zuletzt zeigt die Präsenz ukrainischer Delegationen auf Events von Web Summit bis Slush eine tektonische Verschiebung: Das Schwerkraftzentrum der Tech‑Welt verteilt sich. Neben Silicon Valley und den klassischen EU‑Metropolen entstehen Cluster in den baltischen Staaten, auf dem Balkan – und nun in der Ukraine. Wenn Gründer:innen in Kiew im Bunker ihre Einhörner aufzählen, dann positionieren sie sich als Teil dieser neuen Landkarte, nicht als Bittsteller.

Die europäische und DACH-Perspektive

Für die EU ist die Widerstandskraft der ukrainischen Startup‑Szene ein Blick in die eigene Zukunft. Sollte die Ukraine auf dem Weg zur Mitgliedschaft vorankommen, wird der Binnenmarkt schlagartig um einen großen Tech‑Knotenpunkt reicher – mit starker Defence‑Tech‑Komponente und großer Entwicklerbasis.

Damit prallen zwei Welten aufeinander: die sicherheitspolitische Realität eines Landes im Krieg und der europäische Regulierungsrahmen. Die DSGVO bestimmt schon heute, wie hochsensible Gesundheits‑ und Traumadaten verarbeitet werden dürfen. Der Digital Services Act (DSA) und der Digital Markets Act (DMA) adressieren Plattformhaftung und Gatekeeper – relevant für ukrainische Marktplätze und B2C‑Plattformen. Der EU AI Act wird Fragen aufwerfen, wie mit KI‑Systemen umzugehen ist, die zwischen ziviler und militärischer Nutzung oszillieren.

Für die DACH‑Region ergeben sich zwei Ebenen von Chancen:

  • Industrie & Mittelstand: Deutsche, österreichische und schweizerische Unternehmen, gerade aus Industrie 4.0, Automotive und Maschinenbau, können ukrainische Software‑ und Hardware‑Innovationen früh in eigene Produkte integrieren – etwa bei Drohnen für Inspektionen, Predictive Maintenance oder resilienten Energie‑Systemen.
  • VC & Corporate Venture: Für Fonds in Berlin, München oder Zürich ist die Ukraine eine der wenigen Regionen in Europa, in der sich noch „underpriced talent“ mit globalem Mindset finden lässt. Wer jetzt Strukturen aufbaut – etwa Satellitenbüros, Co‑Investment‑Vehikel oder thematische Fonds – kann sich einen nachhaltigen Dealflow sichern.

Gleichzeitig darf die europäische Politik das Thema Datenschutz und Ethik nicht als Randnotiz behandeln. Lösungen wie Luminify bewegen sich an der Schnittstelle von VR/AR, psychischer Gesundheit und möglicherweise biometrischen Daten – ein Feld, in dem die DSGVO und nationale Aufsichtsbehörden im DACH‑Raum traditionell besonders streng sind. Hier wird sich zeigen, ob Regulierung Innovation begleitet oder blockiert.

Ausblick

Kurzfristig (12–24 Monate) ist wenig Anlass zur Annahme, dass sich die Grunddynamik ändert: Die Ukraine bleibt Frontstaat, Tech bleibt Teil der Resilienzstrategie. Wir werden mehr spezialisierte Defence‑ und Dual‑Use‑Startups sehen, häufig mit Sitz in Kiew oder Lwiw und Verkaufs‑ und Funding‑Schwerpunkt in der EU und den USA. Parallel dazu werden etablierte Produktfirmen – von EdTech über FinTech bis zu B2B‑SaaS – ihre ukrainischen Engineering‑Teams ausbauen, nicht verkleinern.

Mittelfristig (3–5 Jahre) könnte die Rekonstruktion das dominierende Thema werden. Der Wiederaufbau von Energie‑, Verkehrs‑ und Wohn‑Infrastruktur in der Ukraine wird hunderte Milliarden Euro verschlingen – und zahllose digitale Lösungen erfordern: von Smart‑Grid‑Steuerung über digitale Bau- und Genehmigungsprozesse bis zu GovTech‑Plattformen für Verwaltung und Bürgerdienste. Startups, die heute in Notsituationen improvisieren, könnten morgen zu zentralen Technologiepartnern europäischer Bau‑, Energie‑ und Logistik‑Konzerne werden.

Die Risiken liegen vor allem im Humankapital: Dauerhafte Mobilisierung, Traumatisierung und die Versuchung, dauerhaft nach Berlin, Wien oder Zürich auszuwandern, bedrohen die kritische Masse an Talenten. Für Politik und Investoren gleichermaßen stellt sich die Frage: Wie gestaltet man Programme, die temporäre Migration zulassen, aber die Rückkehr und den Aufbau vor Ort attraktiv halten?

Für DACH‑Investoren und Unternehmen bedeutet das: Wer „auf Sicht“ fährt und nur punktuell Projekte mit Ukraine‑Bezug unterstützt, wird strukturell abgehängt. Es braucht langfristige Vehikel – Fonds mit Ukraine‑Mandat, Co‑R&D‑Programme mit Hochschulen, strategische Partnerschaften zwischen Mittelstand und ukrainischen Scale‑ups.

Fazit

Die ukrainische Startup‑Szene ist längst kein Randthema mehr, sondern ein entstehender Machtfaktor im europäischen Tech‑Gefüge. Krieg und Knappheit zwingen Teams zu Produkten, die robuster, effizienter und globaler gedacht sind als vieles, was in saturierten Märkten entsteht. Für die DACH‑Region lautet die eigentliche Frage daher nicht, ob man „Solidarität zeigt“, sondern ob man die Ukraine als strategischen Tech‑Partner anerkennt – oder ob andere Akteure diese Rolle übernehmen.

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