Überschrift & Einstieg
Die neuen Epstein‑Akten sind mehr als ein weiterer Skandal aus der Welt der Superreichen. Sie werfen ein grelles Licht auf eine unangenehme Wahrheit: Hinter einigen der gefeiertsten Tech‑Geschichten der letzten Jahre – etwa dem Boom der Elektrofahrzeuge – standen Geldströme und Akteure, über die man lieber nicht so genau gesprochen hat. Zwischen glänzenden Prototypen und Klimarettungs‑Rhetorik agierten Mittelsmänner wie David Stern, Offshore‑Strukturen und Investoren, deren Vergangenheit zweitrangig war – solange der Scheck groß genug war. Dieser Beitrag ordnet die TechCrunch‑Berichte ein und fragt, was sie über die Risikokultur des Silicon Valley verraten – und was Investoren und Gründer im DACH‑Raum daraus lernen sollten.
Die Nachricht in Kürze
Laut TechCrunch enthalten kürzlich veröffentlichte Unterlagen des US‑Justizministeriums zu Jeffrey Epstein umfangreiche E‑Mail‑Wechsel zwischen Epstein und einem bislang kaum bekannten Geschäftsmann namens David Stern. TechCrunch‑Reporter Sean O’Kane zeichnete nach, wie Stern – ein deutscher Geschäftsmann mit Verbindungen nach China und zu Prinz Andrew – zwischen etwa 2014 und 2018 versuchte, Epstein in mehrere Investments im Bereich Elektrofahrzeuge hineinzuziehen.
Stern bot Epstein Beteiligungen an Faraday Future, Lucid Motors und Canoo an. Aus den Mails geht hervor, dass er Epstein bat, über Banken wie Morgan Stanley an Hintergrundinformationen zu Lucids Finanzierungsrunde und einem möglichen Einstieg bzw. Übernahmeinteresse von Ford zu kommen, um dann Anteile günstig zu erwerben und rasch weiterzuverkaufen. Epstein investierte letztlich in keines dieser Unternehmen; Stern selbst wurde jedoch Frühinvestor bei Canoo, das inzwischen insolvent ist.
All dies geschah Jahre nach Epsteins Verurteilung 2008 wegen Sexualstraftaten an Minderjährigen – eine Verurteilung, die in Tech‑Kreisen bekannt war und trotzdem vielfach ignoriert wurde.
Warum das wichtig ist
Auf der Oberfläche wirkt dies wie eine weitere Episode in der Endlossaga „Epstein und die Eliten“. Für Technologie, Mobilität und Klimapolitik steckt jedoch mehr dahinter.
Die EV‑Branche gehört zu den kapitalintensivsten Wettläufen unserer Zeit. Wer ein neues Autounternehmen aufbauen will, braucht Milliarden, langen Atem und politischen Rückhalt. Genau diese Mischung macht den Sektor attraktiv für diskrete Intermediäre: Personen, die Geld über Grenzen bewegen, Beteiligungen bündeln und Informationsvorsprünge in Rendite verwandeln. Nach TechCrunchs Recherchen tritt Stern exakt als solcher Akteur am Rand des EV‑Booms auf.
Profitieren von diesem System tun vor allem Mittelsmänner und Investoren, die bereit sind, moralische Bedenken gegen Aussicht auf schnellen Gewinn einzutauschen. Verlieren tun Beschäftigte, Zulieferer und Kleinanleger – etwa bei Canoo –, die lange nicht wussten, wer im Hintergrund welche Fäden zog und ob es überhaupt um den Aufbau eines Industrieunternehmens ging oder nur um kurzfristige Spekulation.
Hinzu kommt die Reputationsfrage: Dass Epstein trotz einschlägiger Verurteilung weiterhin als nützlicher Knotenpunkt im Deal‑Netzwerk des Silicon Valley galt, entlarvt die Branche. In der Praxis hieß die Regel offenbar: Wenn der erwartete IRR stimmt, wird über den Charakter des Geldgebers hinweggesehen.
Weder Lucid noch Faraday oder andere EV‑Startups werden dadurch automatisch „kontaminiert“ – Epstein ist nie eingestiegen. Alarmierend ist vielmehr, dass das damalige Finanzierungsumfeld solche Figuren problemlos zuließ. Für Gründer, Fonds und auch für OEMs in Deutschland ist das ein Warnsignal: Die Infrastruktur des Innovationskapitals ist anfälliger und moralisch fragiler, als die Hochglanzpräsentationen vermuten lassen.
Der größere Kontext
Um zu verstehen, wie jemand wie Stern in so viele EV‑Deals geraten konnte, muss man das Muster hype‑getriebener Kapitalwellen betrachten.
Der Mobilitäts‑Hype der Mitte der 2010er – autonome Fahrzeuge, E‑Autos, Ride‑Hailing – funktionierte ähnlich wie der heutige AI‑Boom oder die Krypto‑Welle zuvor. Wird ein Bereich als „die Zukunft“ ausgerufen, fließt Kapital schneller, als sich Standards für Due Diligence entwickeln. Neue Player mit schicken Pitch‑Decks und verschachtelten Holding‑Strukturen können sich in späten Finanzierungsrunden neben Blue‑Chip‑Investoren setzen, insbesondere wenn Banken händeringend nach Wachstumsstorys suchen.
Vergleichbare Muster sah man schon während der Dot‑Com‑Blase, bei Solarherstellern oder 3G‑Frequenzauktionen. Und stets galt: Intransparenz bei Eigentümerstrukturen wurde als legitimer Preis des Wachstums hingenommen – bis der Crash kam.
Im Unterschied zu Detroit oder den deutschen OEMs ist das Silicon Valley besonders anfällig, weil der Mythos vom genialen „Disruptor“ dazu führt, dass man ungern nachfragt, wer tatsächlich die Kontrollrechte hält. TechCrunch beschreibt Jahre, in denen chinesische Staatskonzerne, taiwanische Industriebosse und westliche Fixer parallel in EV‑Firmen investierten – häufig über schwer durchschaubare Vehikel. Für Stern und Epstein, so legen die Mails nahe, ging es nicht um Industriepolitik, sondern um Finanztechnik: günstig einsteigen, teurer an einen Strategen wie Ford verkaufen.
Genau das sollte heute auch Gründer im Bereich KI, Halbleiter oder Verteidigungstechnologie alarmieren – gerade in Europa, wo diese Sektoren politisch sensibel sind. Je lauter eine Branche als „systemrelevant“ gefeiert wird, desto stärker zieht sie Kapital an, das sich nicht für Technologie, wohl aber für Exit‑Szenarien interessiert. Die Epstein‑EV‑Geschichte ist kein Ausreißer, sondern ein Musterbeispiel.
Die europäische / DACH‑Perspektive
Aus europäischer Sicht treffen diese Enthüllungen auf einen regulatorischen Paradigmenwechsel. Die EU verschärft mit dem neuen Anti‑Geldwäsche‑Paket, dem geplanten AMLA, Transparenzregistern und der FDI‑Screening‑Verordnung systematisch die Kontrolle über grenzüberschreitende Investitionen – gerade in strategischen Sektoren.
Dennoch spielt Transparenz über Kapitalherkunft im Tech‑Alltag oft eine Nebenrolle. GDPR, Digital Services Act und der kommende AI Act dominieren die Diskussion – es geht um Daten, Inhalte, Algorithmen. Wer hinter den Cap Tables steckt, interessiert vor allem die Rechtsabteilung, selten die Produkt‑ oder Strategiechefs.
Für europäische Mobilitäts‑ und Klima‑Tech‑Startups – von Batteriefirmen in Schweden bis zu E‑Truck‑Anbietern aus Bayern – ist das riskant. Viele sind auf asiatische Partner, staatliche Fonds oder vermögende Familien angewiesen. Die Frage lautet also nicht, ob man mit globalem Kapital arbeitet, sondern unter welchen Bedingungen. Gerade im DACH‑Raum, wo Datenschutzkultur hochgehalten wird, wäre es inkonsequent, bei Kapitalflüssen weghzuschauen.
Deutsche, österreichische und Schweizer OEMs haben hier – ausnahmsweise – einen Vorteil: Ihre Compliance‑Apparate, Mitbestimmungsgremien und die traditionell skeptische Öffentlichkeit erschweren es fragwürdigen Mittelsmännern, heimlich große strategische Beteiligungen zu drehen. Der Preis ist weniger Tempo, der Gewinn ist Resilienz.
Für VCs in Berlin, München, Zürich oder Wien bedeutet das: Wer langfristig ernst genommen werden will, muss auch die eigene LP‑Struktur kritisch prüfen. Fonds, die bereitwillig Gelder aus undurchsichtigen Offshore‑Vehikeln akzeptieren, laufen Gefahr, eines Tages in ähnlichen Dokumenten aufzutauchen – unabhängig davon, ob formell gegen Gesetze verstoßen wurde.
Ausblick
Was ist in den kommenden Jahren zu erwarten?
Erstens wird die Due Diligence bei großen Tech‑Runden härter werden. KYC und Anti‑Geldwäsche‑Prüfungen, wie sie Banken standardmäßig durchführen, werden sich schrittweise auch in Wachstumsrunden durchsetzen – insbesondere in Bereichen, die politisch als kritisch gelten: Energie, Mobilität, KI, Rüstung, Chips.
Zweitens dürften Journalisten und Aufseher die Vergangenheit stärker durchleuchten. Die Epstein‑Mails liefern Anknüpfungspunkte, um Cap Tables, SPAC‑Prospekte und alte Finanzierungsrunden gegenzuprüfen. Es wäre naiv zu glauben, dass Stern der einzige Grenzgänger dieser Art war.
Drittens zeichnet sich regulatorischer Druck ab. Die EU diskutiert bereits über strengere Offenlegungspflichten für Investitionen in sensible Infrastrukturen; es ist nur ein kleiner Schritt, das auf Schlüsseltechnologien auszuweiten. Im Zusammenspiel mit dem AI Act und dem Data Act entsteht ein Rahmen, in dem nicht nur Daten‑, sondern auch Kapitalherkunft zur Governance‑Frage wird.
Für Gründer eröffnet sich paradoxerweise eine Chance: Wer Transparenz zur Marke macht – klare Offenlegung der Geldgeber, der Stimmrechte und der Exit‑Vereinbarungen – kann sich positiv abheben. In einem Markt, der nach einer Dekade Skandale unter Vertrauensverlust leidet, wird „sauberes Geld“ zum Verkaufsargument. Aufsichtsräte und Beiräte in europäischen Startups sollten deshalb Ethik nicht länger als PR‑Thema behandeln, sondern als Teil des Risikomanagements.
Fazit
Die Epstein‑EV‑Enthüllungen verurteilen nicht Elektroautos oder Innovation, sondern eine Kultur, die Schattenkapital als harmlosen Wachstumsbeschleuniger behandelte. Dass das Silicon Valley bereit war, selbst nach einer Verurteilung weiter in Epsteins Orbit zu kreisen, zeigt: Ohne aktives Kapital‑Governance wird Moral zur Verfügungsmasse. Für Gründer und Investoren im DACH‑Raum ist das ein klarer Auftrag: Lieber heute selbst kritisch prüfen, wer am Cap Table sitzt, als morgen in fremden Akten Erwähnung finden. Die offene Frage bleibt, ob der aktuelle KI‑Hype diese Lektion verinnerlicht – oder sie erneut verdrängt.



