Freeform zeigt, wie KI-Fabriken den Werkzeugbau aus dem Zentrum drängen

19. Februar 2026
5 Min. Lesezeit
Nahaufnahme eines industriellen Metall-3D-Druckers mit mehreren Lasern, die Metallpulver verschmelzen

Freeform zeigt, wie KI-Fabriken den Werkzeugbau aus dem Zentrum drängen

Wenn Software „die Welt frisst“, dann beginnt sie jetzt ernsthaft an den Fabrikhallen zu knabbern. Das US‑Startup Freeform hat 67 Millionen Dollar frisches Kapital eingesammelt, um eine Metall‑3D‑Druckplattform aufzubauen, die mehr wie ein Rechenzentrum als wie eine klassische Werkhalle funktioniert. Hunderte Laser, überwacht von Nvidia‑GPUs, sollen tonnenweise Metallteile pro Tag produzieren. In diesem Beitrag betrachten wir, was Freeform technisch und strategisch anders macht, wie das in den Trend zur „Fertigung als Service“ passt – und warum diese Entwicklung für die Industrie in Deutschland, Österreich und der Schweiz hochrelevant ist.

Die Nachricht in Kürze

Laut einem Bericht von TechCrunch hat Freeform aus Los Angeles eine Series‑B‑Finanzierungsrunde in Höhe von 67 Millionen US‑Dollar abgeschlossen. Zu den Investoren zählen Apandion, AE Ventures, Founders Fund, Linse Capital, Nvidias Beteiligungsarm NVentures, Threshold Ventures und Two Sigma Ventures. PitchBook taxiert die Unternehmensbewertung nach der Runde auf rund 179 Millionen Dollar.

Freeform betreibt derzeit ein System namens GoldenEye, das mit 18 Lasern Metallpulver zu komplexen Bauteilen verschmilzt. Mit dem neuen Kapital soll die nächste Generation – Skyfall – entwickelt und skaliert werden. Diese Plattform soll statt Dutzenden gleich Hunderte von Lasern einsetzen und damit mehrere Tausend Kilogramm Metallteile pro Tag liefern können.

Gegründet wurde Freeform 2018 von den ehemaligen SpaceX‑Ingenieuren Erik Palitsch und Thomas Ronacher. Das Unternehmen versteht sich als „KI‑nativ“: Sensoren im Drucksystem erzeugen große Datenmengen, die auf Nvidia‑H200‑GPU‑Clustern vor Ort in physikalischen Simulationen und Optimierungsalgorithmen verarbeitet werden. Freeform gibt an, bereits Hunderte sicherheitskritische Bauteile zu liefern, rund 100 neue Mitarbeitende einstellen und seine Produktionsfläche erweitern zu wollen.

Warum das wichtig ist

Freeform ist kein weiteres Prototyping‑Startup, das hübsche Metallteile druckt. Hier wird der Versuch unternommen, das eigentliche Nadelöhr der modernen Fertigung – die Prozessbeherrschung – zum Softwareproblem zu machen.

Klassische Metall‑3D‑Drucker sind teuer, langsam und heikel. Sie eignen sich hervorragend für Einzelstücke und Kleinserien, scheitern aber an den Stückzahlen und Kostenstrukturen der Automobil‑, Maschinenbau‑ oder Energieindustrie. Freeform argumentiert implizit: Wenn man massiv in Sensorik, Simulationsmodelle und Regelalgorithmen investiert – und diese auf ernstzunehmende GPU‑Power setzt –, lässt sich die Technologie in Richtung Großserie drücken.

Wer profitiert, wenn das gelingt?

  • Branchen mit komplexen, sicherheitskritischen Teilen wie Luft‑ und Raumfahrt, Verteidigung, Energieanlagen, Robotik und E‑Mobilität. Sie gewinnen an Flexibilität und reduzieren Abhängigkeiten von fragmentierten Lieferketten.
  • Nvidia und die KI‑Infrastruktur: Ein weiterer Beleg, dass GPUs nicht nur für Sprachmodelle, sondern auch für industrielle Physik‑Workloads ein Wachstumsfeld sind.
  • Software‑getriebene Fertigungsdienstleister wie Hadrian, VulcanForms oder Divergent. Das Narrativ „Cloud‑ähnliche Fertigung mit KI“ wird durch weitere Kapitalzuflüsse validiert.

Auf der Verliererseite könnten stehen:

  • Klassische Lohnfertiger, die primär über Stundensätze und langjährige Beziehungen konkurrieren.
  • Maschinenbauer, deren Geschäftsmodell im Verkauf proprietärer, abgeschotteter Anlagen liegt, nicht im Betrieb datengetriebener Produktionsplattformen.

Kurzfristig ist das wichtigste Signal: Wagniskapital ist wieder bereit, teure Hardware mit langen Amortisationszeiten zu finanzieren – sofern der eigentliche Burggraben aus Daten, Modellen und Software besteht.

Der größere Kontext

Freeform sitzt genau dort, wo sich drei Bewegungen treffen: KI‑beschleunigtes Engineering, die „Entbündelung“ von Fabriken in Cloud‑ähnliche Services und der politische Druck, Wertschöpfungsketten zu verkürzen.

In den letzten Jahren sind Simulationen und digitale Zwillinge in der Industrie zum Standard geworden. OEMs in der Auto‑ und Luftfahrtindustrie, Energieversorger und Logistiker simulieren Bauteile und Anlagen, bevor sie überhaupt gebaut werden. Der Schritt, den Freeform gehen will, ist radikaler: Die Simulation läuft nicht nur in der Konstruktionsphase, sondern in Echtzeit während der Produktion – gespeist von Sensoren direkt im Prozess. Das verschiebt den Fokus von der Optimierung von Designs zur Optimierung der Fertigung selbst.

Parallel dazu professionalisiert sich das Feld „Manufacturing‑as‑a‑Service“. Unternehmen wie Hadrian (CNC für Verteidigung und Luftfahrt), VulcanForms und Divergent (metallische additive Fertigung) agieren zunehmend wie AWS oder Azure für Präzisionsteile: CAD‑Datei rein, zertifiziertes Bauteil raus. Freeform will in dieser Logik der Anbieter für hochperformante Metallkomponenten werden, bei denen KI die Prozessparameter, Qualitätssicherung und Auslastung dynamisch steuert.

Historische Vorbilder gibt es durchaus: In den 1980er und 1990er Jahren bauten japanische und später deutsche Fabriken mit Lean‑Produktion, Just‑in‑Time‑Logistik und statistischer Prozesskontrolle ihre Vorsprünge aus. Der Unterschied heute liegt in der Granularität. Wo früher wenige Kennzahlen überwacht wurden, können KI‑basierte Systeme Tausende Signale pro Bauteil verfolgen – von Laserleistung und Schmelzbadtemperatur bis zu Mikrobewegungen der Bauplattform.

Im Vergleich zu Wettbewerbern fällt auf, dass Freeform die Rolle der Recheninfrastruktur deutlich offensiver in den Mittelpunkt stellt. VulcanForms verfolgt ebenfalls einen datenintensiven Ansatz, Divergent geht noch weiter und baut komplette digitale Fabriken. Das Rennen entscheidet sich am Ende daran, wem es gelingt, aus Terabytes an Prozessdaten robuste, reproduzierbare Margenvorteile zu destillieren.

Die europäische und DACH-Perspektive

Für die DACH‑Region ist diese Entwicklung alles andere als akademisch. Sie trifft den Kern des industriellen Geschäftsmodells.

Deutschland, Österreich und die Schweiz leben zu einem großen Teil von präziser Metallbearbeitung – vom Automobil über den Maschinenbau bis zur Energietechnik. Gleichzeitig stehen diese Branchen unter Druck: Dekarbonisierung, Fachkräftemangel, zunehmende Konkurrenz aus Asien und politische Unsicherheit in globalen Lieferketten. Eine KI‑gestützte, hochflexible Metallfertigung könnte genau das Werkzeug sein, um komplexe, margenstarke Teile in Europa zu halten, auch wenn Standardkomponenten abwandern.

Regulatorisch wird es spannend. Die EU‑KI‑Verordnung stuft KI‑Systeme, die an sicherheitskritischen Produkten beteiligt sind, als Hochrisiko ein. Eine Plattform nach Freeform‑Vorbild müsste in Europa nicht nur technische Exzellenz, sondern auch Transparenz, Dokumentation und menschliche Aufsicht nachweisen. Hinzu kommt die Datenschutzgrundverordnung: Sobald Prozessdaten auch Rückschlüsse auf einzelne Beschäftigte zulassen – etwa über Video‑Monitoring oder Leistungskennzahlen – sind strenge Regeln zu beachten.

Auf der strategischen Ebene stellt sich die Frage, ob Europa eigene KI‑Fertigungsplattformen aufbauen will oder sich langfristig auf US‑Anbieter verlässt. Förderprogramme wie IPCEI, das europäische Chips‑Gesetz oder nationale Industrie‑4.0‑Initiativen zeigen, dass der Wille da ist, Schlüsseltechnologien im Kontinent zu halten. Metall‑3D‑Druck mit KI‑Prozessführung könnte die logische nächste Säule nach Halbleitern und Batterien sein.

Die guten Nachrichten: Mit Firmen wie EOS, Trumpf, SLM Solutions (inzwischen Teil von Nikon) und Software‑Spezialisten wie Materialise verfügt Europa bereits über starke Akteure in der additiven Fertigung. Die offene Frage lautet, ob sie den Sprung vom Maschinen‑ und Softwareverkauf zum Betrieb eigener, cloudartiger Fertigungsnetzwerke schaffen – oder ob diese Lücke von US‑Startups wie Freeform geschlossen wird.

Ausblick

Die nächsten Jahre werden zeigen, ob das Freeform‑Modell eine Blaupause für die Industrie ist oder eine ambitionierte Nische bleibt.

Technisch gesehen ist der Übergang von GoldenEye zu Skyfall der Lackmustest. Hunderte Laser in einem System zu orchestrieren, ohne dass die Qualitätskennzahlen einbrechen, ist eine enorme Herausforderung. Gelingt das und lassen sich stabile Durchsätze im Tonnenbereich nachweisen, rückt additive Fertigung in Bereiche vor, die heute noch fest in der Hand von Gießereien und Zerspanern sind.

Geschäftlich wird entscheidend sein, ob Freeform langfristige Verträge mit konservativen Industriekunden abschließen kann: Tier‑1‑Automobilzulieferer, Turbinen‑ und Anlagenbauer, Bahn‑ und Medizintechnik. Wenn solche Akteure Kapazität in KI‑Fabriken buchen wie heute Rechenleistung in der Cloud, dann verändert sich die Struktur der Lieferketten grundlegend.

Offen bleibt, wie schnell Wettbewerber aufholen. Sensorik ist kein Alleinstellungsmerkmal mehr, und auch GPU‑Kapazitäten lassen sich mieten. Der eigentliche Vorsprung dürfte in proprietären Datensätzen, domänenspezifischen Modellen und dem organisatorischen Know‑how liegen, eine hochautomatisierte Fabrik 24/7 stabil zu betreiben.

Für die DACH‑Region ist jetzt der Zeitpunkt, zu handeln: Kooperationen zwischen etablierten Maschinenbauern, Automobilzulieferern und KI‑Startups – von Berlin über München bis Zürich – könnten eigene KI‑Fertigungsplattformen hervorbringen. Andernfalls droht ein Szenario, in dem hiesige Werke nur noch die „verlängerte Werkbank“ sind, während die wirklich wertschöpfende Produktionsintelligenz in kalifornischen Rechenzentren sitzt.

Fazit

Freeforms Series‑B‑Runde steht sinnbildlich für eine Machtverschiebung in der Industrie: weg von Hardwareverkäufern und klassischen Lohnfertigern hin zu daten‑ und KI‑getriebenen Produktionsplattformen. Wenn sich dieses Modell durchsetzt, werden diejenigen Volkswirtschaften und Unternehmen im Vorteil sein, die solche KI‑Fabriken kontrollieren – nicht nur die physischen Hallen, sondern vor allem die Modelle und Datensätze dahinter. Die zentrale Frage für die DACH‑Industrie lautet deshalb: Wollen wir die Intelligenz der Produktion selbst aufbauen oder sie künftig als Service aus Übersee einkaufen?

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