1. Überschrift und Einstieg
Mit der Übernahme des pakistanischen Quick‑Commerce‑Startups Krave Mart betritt inDrive eine Bühne, auf der sich schon viele West‑Player die Finger verbrannt haben: ultraschnelle Lebensmittellieferungen über ein Netz von Dark Stores. Für das international aktive Mitfahrunternehmen ist der Deal kein Nebenprojekt, sondern ein zentraler Baustein seiner Super‑App‑Strategie in Schwellenländern. Für Leserinnen und Leser in Deutschland, Österreich und der Schweiz ist das relevant, weil sich hier die nächste Wettbewerbsrunde für Konzerne wie Delivery Hero ankündigt – und weil sich entscheidet, ob das Quick‑Commerce‑Modell vielleicht nicht tot ist, sondern nur in Europa falsch skaliert wurde.
2. Die Nachricht in Kürze
Wie TechCrunch berichtet, hat das globale Ride‑Hailing‑Unternehmen inDrive das pakistanische Quick‑Commerce‑Startup Krave Mart vollständig übernommen. Der im Jahr 2025 vereinbarte Aktiendeal wurde inzwischen von der pakistanischen Wettbewerbsbehörde genehmigt, sodass die Integration nun offiziell starten kann.
Krave Mart wurde 2021 gegründet, betreibt Dark Stores in Karatschi, Rawalpindi und Lahore und verspricht Lebensmittellieferungen in etwa 30 Minuten. inDrive war bereits seit Dezember 2024 als Investor an Bord, über eine im November 2023 gestartete Corporate‑Venture‑ und M&A‑Einheit, die bis zu 100 Millionen US‑Dollar für die Umsetzung der Super‑App‑Pläne bereitstellen soll.
inDrive hat Lebensmittellieferungen erstmals im September 2025 in Kasachstan gestartet und ist im Januar 2026 über eine Kooperation mit Krave Mart in den pakistanischen Markt eingetreten. Nun wird der Dienst unter der Marke inDrive.Groceries ausgebaut, während in Karatschi vorerst sowohl die Marke Krave Mart als auch inDrive parallel sichtbar bleiben.
Laut den von TechCrunch zitierten Daten dominiert derzeit Foodpanda, unterstützt vom Berliner Konzern Delivery Hero, den pakistanischen Markt. Zahlen von Sensor Tower zufolge ist inDrive seit 2022 die weltweit zweithäufigst heruntergeladene Ride‑Hailing‑App und eine der vier meistgeladenen Travel‑Apps, mit über 400 Millionen Downloads.
3. Warum das wichtig ist
Der strategische Kern ist klar: Ride‑Hailing allein wird auch für inDrive keine Goldgrube. Die Branche kämpft weltweit mit niedrigen Margen, hoher Preissensibilität und regulatorischem Druck. Wer überleben will, braucht zusätzliche, häufig genutzte Services im selben Ökosystem – genau hier kommen Lebensmittellieferungen ins Spiel.
inDrive versucht, seinen Download‑Vorsprung in Schwellenländern zu monetarisieren, indem es aus Gelegenheitsnutzern Stammkunden macht, die die App mehrmals pro Woche öffnen – nicht nur für Fahrten, sondern auch für Einkäufe. Je höher die Nutzungshäufigkeit, desto besser lassen sich Marketingausgaben und Fixkosten verteilen. Krave Mart liefert dafür die operative Basis: Lager, Lieferketten, lokale Einkaufskompetenz.
Aus Sicht von Krave Mart ist der Deal fast eine Rettung: Der Quick‑Commerce‑Sektor hat seit den Boomjahren 2020/2021 weltweit viele Opfer gefordert. Zahlreiche Startups wurden unter Wert übernommen oder eingestellt. Die Integration in eine Plattform mit Hunderten Millionen Nutzern verschafft Krave Mart eine Zukunft, die als Stand‑alone‑Player schwer erreichbar gewesen wäre.
Die Verliererseite ist ebenfalls klar umrissen. Foodpanda steht in Pakistan erstmals einem Wettbewerber gegenüber, der nicht nur ein paar zusätzliche Kurierfahrer mitbringt, sondern eine komplette, vertikal integrierte Infrastruktur. Für Delivery Hero bedeutet das: Man muss Kapital und Managementaufmerksamkeit in einem Markt binden, der bislang relativ komfortabel war.
Für Verbraucherinnen und Verbraucher könnte das kurzfristig ein Segen sein – mehr Auswahl, Promotions, schnellere Expansion über die drei Metropolen hinaus. Mittel‑ bis langfristig hängt alles davon ab, ob sich ein nachhaltiges Gleichgewicht aus Preis, Lieferzeit und Arbeitsbedingungen finden lässt. Die europäische Erfahrung zeigt, wie schnell die anfängliche Euphorie in Ernüchterung umschlagen kann.
4. Das grössere Bild
Die inDrive‑Krave‑Mart‑Transaktion ist Teil einer breiten Branchenbewegung hin zur Super‑App. In Südostasien haben Grab und Gojek vorgemacht, wie sich aus Ride‑Hailing eine universelle Plattform für Mobilität, Essen, Einkäufe und Finanzservices entwickeln lässt. Im Nahen Osten versucht Careem Ähnliches. In Europa expandiert Bolt schrittweise vom Fahrdienst in Richtung Food‑Delivery und Mikromobilität.
inDrive ist ein Sonderfall: Der Hauptsitz liegt im Silicon Valley, der Fokus aber klar auf Märkten wie Pakistan, Peru, Ägypten oder Marokko. Dort ist die App häufig beliebter als Uber. Ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal ist das Gebotsmodell, bei dem Fahrgäste und Fahrer sich auf einen Preis einigen. In Kulturen, in denen Verhandeln alltäglich ist, schafft das Vertrauen und Bindung.
Genau dieses Vertrauen versucht inDrive nun auf den Handel zu übertragen. Wenn Nutzer das Gefühl haben, dass sie bei Fahrten faire Preise erzielen, ist die Hemmschwelle niedriger, auch den wöchentlichen Einkauf über dieselbe App zu erledigen. In Kombination mit Dark Stores entsteht so ein hybrides Modell aus Marktplatz und vertikal integrierter Logistik.
Spannend ist der Kontrast zu Europa: Zwischen Berlin, Wien und Zürich hat die Quick‑Commerce‑Blase sichtbare Spuren hinterlassen. Gorillas wurde geschluckt, Getir baute massiv ab, kleinere Anbieter verschwanden. Der Tenor vieler Investoren: Zu teuer, zu kompliziert, zu viel Regulierung. Dass inDrive jetzt in Pakistan den entgegengesetzten Weg geht, kann man als Gegenhypothese lesen: Vielleicht ist das Modell nicht grundsätzlich defekt, sondern in Hochlohnländern kaum tragfähig.
In Megastädten des globalen Südens sind Löhne, Mieten und Kundenerwartungen anders. Motorroller‑Logistik ist etabliert, und viele Haushalte haben wenig Lagerkapazität zu Hause – schnelle Nachlieferung kleiner Mengen macht dort eher Sinn als im deutschen Einfamilienhaus mit grossem Vorratsraum.
5. Die europäische und DACH‑Perspektive
Für den deutschsprachigen Raum ist der Deal aus mehreren Gründen interessant.
Zum einen steht mit Delivery Hero ein DAX‑Konzern direkt im Feuer: Foodpanda ist im pakistanischen Markt der Platzhirsch. Ein stärkerer Wettbewerber wie inDrive kann Margen und Wachstumsfantasie drücken – mit potenziellen Folgen für die Bewertung und Investitionsentscheidungen in anderen Regionen, etwa in Mittel‑ und Osteuropa.
Zum zweiten spiegelt Pakistan eine zentrale Frage der EU‑Politik wider: Wo und unter welchen Arbeitsbedingungen entstehen eigentlich die Services, die wir in Europa nutzen? Während in Berlin oder Madrid die Regulierung von Plattformarbeit, Algorithmus‑Transparenz und Dark‑Store‑Zonen verschärft wird, könnten Konzerne versucht sein, Wertschöpfung und Risiko in Länder mit schwächerem Regelwerk zu verlagern. Das gilt für Delivery Hero ebenso wie perspektivisch für inDrive, sollte das Unternehmen in EU‑Märkte expandieren wollen.
Drittens sendet der Fall ein Signal an Gründerinnen und Gründer in der DACH‑Region: Die nächste Welle von Innovation im Handel findet nicht zwingend in Berlin‑Mitte, sondern in Karatschi oder Lagos statt. Wer Quick‑Commerce hierzulande vorschnell als erledigt abstempelt, übersieht, dass sich das Modell global differenziert weiterentwickelt. Für Deutschland, Österreich und die Schweiz eröffnet das Chancen im B2B‑Bereich – etwa mit Software für Last‑Mile‑Optimierung oder Compliance‑Tools, die international einsetzbar sind.
6. Ausblick
Wie geht es weiter? Drei Entwicklungspfade sind besonders plausibel.
Erstens wird inDrive seine Grocery‑Strategie zügig in weitere Kernmärkte ausrollen, sofern die pakistanischen Kennzahlen stimmen. Kasachstan und Pakistan sind offensichtlich nur der Auftakt. Zentralasien, Nordafrika und Teile Lateinamerikas bieten ähnliche Rahmenbedingungen: wachsende, junge Bevölkerung, hohe Smartphone‑Durchdringung, oftmals ineffizienter stationärer Handel.
Zweitens dürfte der Wettbewerb in Pakistan deutlich härter werden. Foodpanda wird kaum zuschauen, wie ein neuer Player Marktanteile frisst. Preiskämpfe, exklusive Händlerpartnerschaften und Marketingschlachten sind vorprogrammiert. Für Verbraucher klingt das zunächst attraktiv, doch die entscheidende Frage lautet: Wer hat den längeren Atem – und wie sieht der Markt nach einer Konsolidierungswelle aus?
Drittens ist absehbar, dass Regulierung auch in Schwellenländern anzieht, wenn Quick‑Commerce eine gewisse Grössenordnung erreicht. Themen wie Verkehr, Arbeitsrechte und Stadtplanung machen vor Pakistan nicht halt. Für europäische Beobachter ist spannend, ob sich dort ein leichterer, unternehmensfreundlicherer Regulierungsstil durchsetzt – oder ob internationale Normen, inspiriert von EU‑Regeln wie der Plattformarbeitsrichtlinie und dem Digital Services Act, nach und nach übernommen werden.
Für Investoren ist die Übernahme ein Lackmustest: Gelingt es inDrive, Dark‑Store‑Ökonomie profitabel zu betreiben, könnte das den Glauben in Asset‑intensive Modelle in Emerging Markets stärken. Scheitert der Versuch, dürfte Kapital noch stärker in leichte Plattform‑ und SaaS‑Modelle abfliessen.
7. Fazit
Die Übernahme von Krave Mart ist für inDrive ein mutiger Schritt hin zum Super‑App‑Status – ausgerechnet über ein Geschäftsmodell, das in Europa als verbrannte Erde gilt. Gelingt in Pakistan der Nachweis profitabler Quick‑Commerce‑Ökonomie, werden Konzerne wie Delivery Hero und auch europäische Gründer ihre Strategien neu justieren müssen. Die spannende Frage für die DACH‑Region lautet: Wollen wir diese Entwicklungen nur beobachten – oder aus der Position eines regulativ anspruchsvollen, aber technologisch starken Standorts aktiv mitgestalten?



