Im KI-Goldrausch verlernen VCs die Loyalität – und werden zu Indexfonds

24. Februar 2026
5 Min. Lesezeit
Grafische Darstellung zweier konkurrierender KI-Logos mit überlappenden Investorennamen

Im KI-Goldrausch verlernen VCs die Loyalität – und werden zu Indexfonds

In der klassischen Erzählung des Silicon Valley steht der VC auf der Seite »seiner« Gründer: Er kämpft mit ihnen gegen Wettbewerber, öffnet Türen und sitzt loyal im Board. Im Zeitalter der Foundation Models wirkt diese Story zunehmend nostalgisch. Wenn renommierte Häuser wie Sequoia, Founders Fund oder Iconiq gleichzeitig in OpenAI und Anthropic investiert sind, verschwimmt die Grenze zwischen engagiertem Partner und passivem Indexfonds auf den KI-Sektor. Für europäische und insbesondere deutschsprachige Gründer ist das mehr als eine Fußnote – es verändert, wie man Investoren auswählt, welche Informationen man teilt und wem man im Zweifel vertrauen kann.


Die Nachricht in Kürze

Laut TechCrunch steht OpenAI kurz davor, eine neue Finanzierungsrunde in der Größenordnung von rund 100 Milliarden US‑Dollar abzuschließen. Anthropic hat zeitgleich einen gigantischen Deal über etwa 30 Milliarden US‑Dollar verkündet. Besonders brisant: Mindestens ein Dutzend Direktinvestoren von OpenAI tauchen auch auf der Liste der neuen Anthropic‑Geldgeber auf. Genannt werden unter anderem Founders Fund, Iconiq, Insight Partners und Sequoia Capital sowie Hedgefonds und Vermögensverwalter wie D1, Fidelity und TPG.

TechCrunch hebt einen Fall hervor, in dem mit Anthropic verbundene BlackRock‑Fonds beteiligt sind, obwohl ein hochrangiger BlackRock‑Manager im Board von OpenAI sitzt. Der Artikel erinnert zudem an frühere Berichte, wonach Sam Altman Investoren informell signalisiert haben soll, dass aktive Engagements bei bestimmten Rivalen – darunter Anthropic, xAI und Safe Superintelligence – Konsequenzen für den Zugang zu vertraulichen Informationen von OpenAI haben könnten; später habe er diese Position relativiert.

Nicht alle Wagniskapitalgeber spielen beide Seiten: TechCrunch nennt etwa Andreessen Horowitz, das in OpenAI, aber nicht in Anthropic investiert ist, sowie Menlo Ventures, das bei Anthropic, nicht aber bei OpenAI an Bord ist.


Warum das wichtig ist

Im traditionellen VC‑Modell kaufen Gründer nicht nur Kapital, sondern auch einen Bündnispartner. Ein Investor, der in beide marktbeherrschenden Player einer Kategorie investiert, sendet ein anderes Signal: Er kauft Exposure auf einen Sektor, nicht Loyalität zu einem Unternehmen.

Aus Portfolioperspektive ist das nüchtern betrachtet sinnvoll. Wer davon ausgeht, dass sowohl OpenAI als auch Anthropic langfristig enorme Werte schaffen, minimiert das Klumpenrisiko, indem er in beide investiert. Für einzelne Startups entstehen daraus jedoch konkrete Probleme.

Zum einen geht es um Informationsasymmetrien. Frühphasen‑ und Growth‑Investoren erhalten in der Regel detaillierte Einblicke in Produkt-Roadmaps, Forschungsfortschritt, Sicherheitsvorfälle, Go‑to‑Market‑Strategien und interne Kennzahlen. Selbst bei strengen »Chinese Walls« innerhalb eines Fonds steigt die Gefahr, dass implizites Wissen – etwa Einschätzungen zu technischen Hürden oder regulatorischen Risiken – beim nächsten Investmentgespräch auf der anderen Seite des Tisches mitschwingt.

Zum anderen verschieben sich Anreizstrukturen. Ein VC, der wirtschaftlich sowohl an OpenAI als auch an Anthropic hängt, hat wenig Interesse daran, dass einer der beiden vollständig verliert. Er wird tendenziell Maßnahmen bevorzugen, die den Gesamtwert des Sektors steigern, anstatt kompromisslos die Marktführerschaft eines einzelnen Portfoliounternehmens zu erzwingen. Das kann sich in weichgespülten Wettbewerbsstrategien, lauwarmen Empfehlungen gegenüber Partnern oder in der Priorisierung »neutraler« Allianzen äußern.

Gewinner dieser Entwicklung sind die großen Häuser, die ihr KI‑Exposure massiv ausbauen können, ohne sich offen auf einen Champion festzulegen. Verlierer sind kleinere Fonds und Gründer, die weiterhin auf den klassischen Deal setzen: weniger Diversifikation, dafür klare Parteinahme. In einem Umfeld, in dem das Produktkapital extrem teuer und konzentriert ist, wird Vertrauen zum knappsten Gut.


Der größere Kontext

Die KI‑Entwicklung der letzten Jahre hat die Investitionslogik verschoben. Foundation Models verschlingen immense Summen für Rechenleistung, Datenzentren und Spezialchips. Strategische Deals wie Microsoft–OpenAI oder die großen Engagements von Google und Amazon bei Anthropic zeigen: Diese Unternehmen werden eher wie Infrastrukturprojekte finanziert als wie traditionelle Software‑Startups.

In früheren Technologiewellen war die Norm eine andere. In den Dot‑Com‑Jahren oder im Plattformkrieg zwischen Uber und Lyft bzw. ihren internationalen Pendants suchten sich die meisten VCs früh eine Seite aus. Überschneidungen entstanden meist erst nach Börsengängen über die öffentlichen Märkte. Dass heute die gleichen Firmen aktiv an mehreren direkten Rivalen im privaten Wachstumssegment beteiligt sind, markiert einen qualitativen Sprung.

Parallel dazu wandelt sich die Rolle der großen Fonds. Viele agieren längst nicht mehr als hochkonzentrierte Company Builder, sondern als Manager thematischer Körbe: KI, Climate Tech, Fintech, Defence. Die Denkweise ähnelt stark der eines Multi‑Strategy‑Hedgefonds. Beteiligungen an mehreren KI‑Basismodellen passen perfekt in dieses Bild – auch wenn sie frontal gegen das lange propagierte Narrativ der »Founder‑Friendliness« laufen.

Schaut man auf die Hyperscaler, wird das Muster deutlich: Microsoft, Google, Amazon und Nvidia sind gleichzeitig Cloud‑Anbieter, Hardwarelieferanten, Kunden und Investoren diverser KI‑Labs. Ihr Geschäftsmodell ist explizit portfoliobasiert: jedem Rechenleistung verkaufen, sich aber über Equity die Upside bei den wahrscheinlichsten Gewinnern sichern. VCs nähern sich dieser Logik an – mit allen damit verbundenen Interessenkonflikten.

Langfristig droht so eine hohe Machtkonzentration: Ein kleiner Kreis von Tech‑Konzernen und Finanzinvestoren hält Beteiligungen an fast allen kritischen KI‑Infrastrukturanbietern. Das kann zwar systemische Risiken reduzieren, erschwert aber Regulierung, Wettbewerbsschutz und die strategische Positionierung neuer Marktteilnehmer.


Die europäische / DACH-Perspektive

Für Gründer in Deutschland, Österreich und der Schweiz ist die Botschaft ambivalent.

Auf der einen Seite verstärkt sich die strukturelle Schwäche Europas: An Kapitaltiefe für 10‑ oder 30‑Milliarden‑Runden kommt die Region nicht heran. Die entscheidenden Governance‑Debatten um Foundation Models finden damit in San Francisco, Seattle und im globalen Finanzsektor statt, nicht in Berlin oder Zürich. Wer in Europa ein ambitioniertes KI‑Unternehmen baut, wird kaum um große US‑Investoren und Hyperscaler‑Partnerschaften herumkommen – nimmt damit aber auch deren Konflikte mit ins Boot.

Auf der anderen Seite hat Europa einen kulturellen und regulatorischen Vorteil. Datenschutz‑Sensibilität, Corporate Governance und Mitbestimmung sind in der DACH‑Region tief verankert. Viele Fonds achten traditionell strenger auf Interessenkonflikte – nicht zuletzt, weil ihre eigenen Investoren (Versicherer, Pensionskassen, öffentliche Einrichtungen) das einfordern. In Kombination mit dem EU‑Regelwerk – von der DSGVO über den Digital Markets Act bis hin zur anstehenden KI‑Verordnung – kann daraus ein eigenständiges Wertangebot entstehen: Kapital, das nicht überall mitmischt, sondern klare Grenzen zieht.

Für KI‑Startups in Berlin, München oder Zürich kann das ein Differenzierungsmerkmal sein: »Wir holen uns Geld von Fonds, die nicht gleichzeitig auch unsere direkten US‑Konkurrenten finanzieren.« Gerade in sensiblen Bereichen wie Gesundheitswesen, Verwaltung oder Industrie 4.0, in denen Vertrauen in Datensouveränität und Compliance entscheidend ist, kann ein solcher sauberer Cap Table handfester sein als das glamouröse Logo eines US‑Top‑Fonds.

Gleichzeitig werden europäische Wettbewerbsbehörden genau hinsehen müssen, wie sich die Beteiligungsnetze über dem KI‑Sektor spannen. Wenn dieselben Finanzakteure Anteile an mehreren »systemischen« Basismodellen halten, könnte das früher oder später als horizontale Wettbewerbsbeschränkung gewertet werden – mit Folgen für Fusionskontrolle, Beihilferecht und gegebenenfalls sektorale Aufsicht.


Blick nach vorn

Kurzfristig spricht wenig dafür, dass der Trend zu Doppel‑Investments abebbt. Solange die Kapitalanforderungen der führenden Labs so hoch sind, werden sie große Konsortien brauchen – und die Fonds werden die Chance nutzen, sich an möglichst vielen potenziellen Gewinnern zu beteiligen.

Spannend wird, wie Gründer und Regulatoren darauf reagieren. Auf Gründerseite ist zu erwarten, dass Konflikt‑ und Informationsklauseln in Term Sheets deutlich wichtiger werden. Denkbar sind etwa:

  • vertraglich fixierte Grenzen für Investments in direkte Wettbewerber;
  • abgestufte Informationsrechte, die im Konfliktfall eingeschränkt werden können;
  • Beschränkungen bei Board‑Sitzen, wenn ein Fonds mehrere Marktführer derselben Kategorie hält.

Auf regulatorischer Seite könnte insbesondere die EU aktiv werden. Wenn Foundation Models in der Praxis als kritische Infrastruktur behandelt werden – eine Diskussion, die spätestens mit dem KI‑Gesetz Fahrt aufgenommen hat –, dann geraten auch Eigentümerstrukturen stärker in den Fokus. Für den DACH‑Raum wäre das Chance und Herausforderung zugleich: Einerseits kann man so faire Wettbewerbsbedingungen einfordern, andererseits könnte zusätzliche Regulierung heimische Investoren noch zögerlicher machen.

In den nächsten 12 bis 24 Monaten lohnt es sich, auf drei Dinge zu achten: Erstens, ob ein großer internationaler Fonds öffentlich ein »No direct competitors«‑Versprechen als Differenzierungsmerkmal abgibt. Zweitens, ob es einen Skandal um weitergegebene vertrauliche Informationen zwischen konkurrierenden KI‑Labs gibt. Drittens, ob institutionelle Investoren anfangen, ihren Fonds strengere Grenzen für KI‑Exposure und Konflikte zu setzen.


Fazit

Die KI‑Welle entzaubert den Mythos des bedingungslos loyalen VCs. Wer zugleich in OpenAI und Anthropic investiert, verhält sich rational – aber nicht wie der exklusive Verbündete, den viele Gründer sich wünschen. Für Unternehmer in Europa heißt das: Alignment mit Investoren ist kein weicher Faktor, sondern ein harter Due‑Diligence‑Punkt. Die zentrale Frage lautet künftig nicht nur »Wer finanziert mich?«, sondern »Wer sitzt im Zweifel wirklich auf meiner Seite – und wer nur auf der meines Sektors?«

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