Wenn KI den Jahresabschluss trifft: Was InScope über die Zukunft des Finanzwesens verrät

20. Februar 2026
5 Min. Lesezeit
Finanzteam arbeitet mit KI-Software an detaillierten Jahresabschlussberichten auf Laptops

Wenn KI den Jahresabschluss trifft: Was InScope über die Zukunft des Finanzwesens verrät

Wer einmal eine größere Kapitalmarktgesellschaft durch den Jahresabschluss begleitet hat, weiß: Der eigentliche Feind ist selten die Bilanz – es sind Word‑Vorlagen, Excel‑Höllen und Last‑Minute‑Änderungen per E‑Mail. Während Vertrieb, Marketing und Entwicklung längst mit modernen SaaS‑Tools und KI‑Assistenten arbeiten, kämpfen Finanzabteilungen und Wirtschaftsprüfer immer noch mit Copy‑Paste. Dass nun ausgerechnet dieser Bereich verstärkt Wagniskapital anzieht, ist ein Signal. Der jüngste Finanzierungsrunde des US‑Startups InScope zeigt, wohin sich das Finanzreporting entwickelt – und welche Chancen und Risiken das für den DACH‑Raum mit sich bringt.


Die Nachricht in Kürze

Wie TechCrunch berichtet, hat InScope eine Series‑A‑Finanzierungsrunde über 14,5 Millionen US‑Dollar abgeschlossen. Angeführt wurde sie vom Investor Norwest, beteiligt waren außerdem Storm Ventures sowie die bestehenden Geldgeber Better Tomorrow Ventures und Lightspeed Venture Partners. Das Unternehmen wurde 2023 von den erfahrenen Buchhalterinnen Mary Antony und Kelsey Gootnick gegründet, die zuvor u. a. beim Logistik‑Unicorn Flexport sowie bei Miro, Hopin und Thrive Global Führungsfunktionen im Finanzbereich innehatten.

InScope entwickelt eine KI‑gestützte Plattform, die die Erstellung von Finanzberichten – etwa 10‑K‑ und 10‑Q‑Reports – automatisieren soll. Die Lösung generiert derzeit noch keine vollständigen Abschlüsse, übernimmt aber große Teile der manuellen Fleißarbeit: Plausibilitäts‑ und Rechenprüfungen, einheitliche Formatierung, konsistente Verwendung von Währungszeichen und Tausendertrennzeichen. Laut Unternehmen lassen sich damit bis zu 20 % der auf Finanzberichte entfallenden Arbeitszeit einsparen.

In den vergangenen zwölf Monaten hat InScope seinen Kundenstamm nach eigenen Angaben verfünffacht. Unter den Kunden befindet sich mit CohnReznick auch eine der 15 größten Wirtschaftsprüfungsgesellschaften der USA.


Warum das relevant ist

Finanzberichterstattung ist einer der letzten großen Unternehmensbereiche, in dem hochqualifizierte Fachkräfte noch immer massenhaft manuelle Tätigkeiten ausführen. Der Grund ist trivial: Das Fehlerrisiko ist enorm. Ein falsch gesetztes Komma kann im Zweifel zu Ad‑hoc‑Mitteilungen, Korrekturberichten, Bußgeldern und massiven Reputationsschäden führen. Entsprechend konservativ agieren CFOs und Prüfer, wenn es um Automatisierung geht.

InScope setzt genau hier an – und zwar an der richtigen Stelle der Wertschöpfungskette. Statt vollmundig zu versprechen, „die KI schreibt den Geschäftsbericht“, nimmt das Unternehmen gezielt jene 20–30 % des Prozesses ins Visier, die niemand mag, die aber bisher niemand konsequent industrialisiert hat: Formatierungsorgien, Abgleich von Tabellen und Fließtext, Korrektur von Rundungsdifferenzen, Pflege von Querverweisen. Genau dort lässt sich Automatisierung mit vergleichsweise geringem Risiko einführen.

Kurzfristige Gewinner sind Mittelstands‑WPs und interne Finanzabteilungen, die schon heute an Kapazitätsgrenzen stoßen. Eine Effizienzsteigerung von 20 % über mehrere Abschlusszyklen hinweg kann entscheiden, ob ein Team zusätzliche Mandate annehmen oder ohne weitere Einstellungen wachsen kann. Für Partner in Prüfungs‑ und Beratungsgesellschaften bedeutet das: höhere Auslastung pro Kopf und bessere Margen.

Auf der Verliererseite stehen potenziell Legacy‑Anbieter von Disclosure‑Management‑Software sowie Near‑/Offshore‑Dienstleister, die auf manueller Arbeit basierende Reporting‑Services anbieten. Lösungen wie Workiva oder Donnelley Financial Solutions haben den Übergang von lokalen Dateien in kollaborative Cloud‑Umgebungen vorangetrieben, doch der Prozess bleibt weitgehend menschzentriert. Wenn KI‑native Wettbewerber die Anzahl der nötigen Handgriffe halbieren, geraten bestehende Geschäftsmodelle unter Druck.

Bemerkenswert ist zudem die starke »Founder‑Market‑Fit«: Die Gründerinnen kommen selbst aus der Zielgruppe. Gerade im hochregulierten Finanzumfeld ist das entscheidend. Prüfer und Bilanzbuchhalter vertrauen eher einem Tool, das von Personen gebaut wurde, die den Stress der „Last Mile“ im Reporting und die Anforderungen an Dokumentation und Prüfpfade aus eigener Erfahrung kennen.


Der größere Kontext

Die InScope‑Runde passt in einen breiteren Trend: KI wandert von allgemeinen Textassistenten hin zu tief verankerten Fachanwendungen. Die erste Welle von „AI in Finance“ bestand häufig aus Chatbots über BI‑Dashboards oder generischen Dokumenten‑Zusammenfassern. Nett, aber selten geschäftskritisch. Die nächste Generation geht in die Tiefe: automatisiertes Buchen, Monats‑ und Jahresabschluss, Steuerthemen – und eben externe Finanzberichterstattung.

Ähnliche Entwicklungen sehen wir im Rechtsmarkt (Vertragsanalyse mit KI), im Code‑Umfeld (GitHub Copilot & Co.) oder im Kundendienst (spezialisierte Bots für bestimmte Prozesse). Überall zeigt sich das gleiche Muster: Die Tools ersetzen die Experten nicht, sie nehmen ihnen die repetitive Arbeit ab und verschieben den Fokus auf wertschöpfende Entscheidungen.

In der Finanzberichterstattung gab es bereits eine erste Digitalisierungswelle: von Papier und Einzeldateien hin zu XBRL‑basierten Reports und kollaborativen Cloud‑Lösungen. Heute geht es weniger um die Frage „digital oder analog“, sondern um semantisches Verständnis. Eine wirklich smarte Lösung erkennt, dass eine Änderung der Umsatzrealisierung nicht nur eine Note im Anhang betrifft, sondern Kennzahlen, Tabellen und Risikoausweise – und aktualisiert diese konsistent.

Die großen ERP‑Hersteller – SAP, Oracle, Microsoft – bauen zwar KI‑Funktionen ein, fokussieren aber überwiegend auf Buchungsebene: Belegerkennung, Anomalie‑Detektion, Forecasts. Die „letzte Meile“ hin zum externen Bericht ist oft noch Handarbeit. Genau hier setzen spezialisierte Anbieter wie InScope an – und senden damit auch ein Warnsignal an etablierte DACH‑Player im Konsolidierungs‑ und Reporting‑Umfeld.


Der europäische und DACH‑Blick

Für Europa – und gerade für Deutschland, Österreich und die Schweiz – ist das Thema noch komplexer als für den US‑Markt. Hier treffen IFRS, lokale Rechnungslegung (HGB, UGB, OR), ESEF‑Pflichten, Branchenregulierung (etwa BaFin‑Vorgaben, GoBD, MaRisk, BAIT) und künftig umfangreiche Nachhaltigkeitsberichterstattung nach CSRD aufeinander. Viele Unternehmen kämpfen heute schon eher mit Regulierungsdichte als mit Datenmangel.

Die EU‑Regulierung wirkt dabei ambivalent. Auf der einen Seite zwingen GDPR und die künftige EU‑AI‑Verordnung Anbieter zu genau dem, was Finanzabteilungen fordern: Transparenz, Datenminimierung, klare Verantwortlichkeiten, Erklärbarkeit von Modellen. Auf der anderen Seite steigen die Hürden: Wer Finanzdaten unkontrolliert zum Training nutzt oder Black‑Box‑Systeme ohne Audit‑Trail anbietet, dürfte schnell Probleme bekommen.

Für den DACH‑Markt kommen kulturelle Aspekte hinzu: hohe Sensibilität für Datenschutz, starke Rolle etablierter Akteure wie DATEV, LucaNet und spezialisierter Konsolidierungsanbieter, die tief in die Prozesse von Steuerberatern und Konzernen eingebettet sind. US‑Startups wie InScope können hier durchaus erfolgreich sein, müssen aber Themen wie Datenresidenz, Rechenzentrumsstandort und Integration in bestehende Ökosysteme sehr ernst nehmen.

Gleichzeitig eröffnet sich eine Chance für europäische Wettbewerber: KI‑gestützte Reporting‑Tools, die IFRS, lokale GAAPs, ESEF‑Tagging und Nachhaltigkeitskennzahlen in einem regulierungskonformen Workflow vereinen, könnten zu unverzichtbaren Infrastruktur‑Bausteinen werden – insbesondere für kapitalmarktorientierte Mittelständler im deutschsprachigen Raum.


Ausblick

In den kommenden 12–24 Monaten dürfte sich der Fokus solcher Lösungen klar auf „Copilot für Finanzteams“ richten, nicht auf den vollautomatischen Bericht. Menschliche Kontrolle bleibt Pflicht – schon aus Sicht von Aufsichtsräten, Prüfern und internen Kontrollsystemen (SOX, IKS). Entscheidend wird sein, wie gut sich KI‑gestützte Workflows in bestehende Freigabe‑ und Dokumentationsprozesse integrieren lassen.

Der spannende Bruchpunkt kommt, wenn KI nicht nur formale Aspekte korrigiert, sondern inhaltliche Vorschläge macht: Textpassagen im Lagebericht umformuliert, alternative Gliederungen im Anhang anregt oder die Klassifizierung einzelner Posten verändert. Dann braucht es klare Governance‑Regeln: Welche Änderungen darf das System eigenständig vornehmen? Was erfordert explizite Freigabe? Wie wird das für eine spätere Prüfung nachvollziehbar dokumentiert?

Hinzu kommt eine wahrscheinliche Konsolidierungswelle. Große Softwarehäuser mit starker Vertriebsstruktur, aber technologischem Rückstand, werden KI‑Spezialisten zukaufen wollen. Umgekehrt werden manche KI‑Startups an der Realität langer Sales‑Zyklen und hoher Integrationsanforderungen scheitern.

Für Finanzleiter und Wirtschaftsprüfer im DACH‑Raum bedeutet das: Jetzt ist der richtige Zeitpunkt für kontrollierte Pilotprojekte. Wählen Sie eng umrissene Anwendungsfälle (z. B. Anhangs‑Erstellung, ESEF‑Prüfung, Konsistenzchecks zwischen HGB‑ und IFRS‑Bericht), definieren Sie klare Qualitätskriterien und bauen Sie internes Know‑how im Umgang mit KI‑gestützten Tools auf. Wer wartet, bis sich „der Markt sortiert hat“, riskiert, gegenüber agileren Wettbewerbern ins Hintertreffen zu geraten.


Fazit

InScope steht stellvertretend für eine größere Bewegung: KI wandert vom Marketing‑Buzzword in den Maschinenraum der Finanzabteilung. Ob sich aus dem frischen Kapital ein neuer Standard für Finanzberichterstattung entwickelt, ist offen – sicher ist nur, dass sich die Spielregeln ändern. Die entscheidende Frage für CFOs und Prüfer im deutschsprachigen Raum lautet daher: Gestalten Sie diese Entwicklung aktiv mit, oder lassen Sie sich von ihr überrollen?

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