1. Überschrift und Einstieg
Der klassische Accelerator-Deal – ein ordentlicher Anteil am Unternehmen für etwas Startkapital und ein Logo auf der Website – gerät unter Druck. Ali Partovis Neo stellt in Silicon Valley eine unangenehme Frage: Was wäre, wenn Accelerator-Programme aufhörten, pauschal 7–10 % zu verlangen, und stattdessen nur bei ganz wenigen Ausnahmeteams einen kleinen Anteil nähmen?
In diesem Artikel analysieren wir, wie das neue Programm Neo Residency die Ökonomie von Acceleratoren verschiebt, warum das für Neo rational, für Wettbewerber aber gefährlich ist – und welche Folgen das speziell für Gründerinnen und Gründer im DACH-Raum und in Europa hat.
2. Die Nachricht in Kürze
Wie TechCrunch berichtet, hat Investor Ali Partovi – bekannt durch frühe Investments in Facebook, Cursor und Kalshi – das Programm seines Venture-Fonds unter dem Namen Neo Residency neu aufgesetzt. Das Besondere sind extrem gründerfreundliche Konditionen.
Neo will ab diesem Sommer pro Startup 750.000 US‑Dollar über ein uncapped SAFE investieren. Anstatt sofort einen festen Prozentsatz zu erhalten, wird Neos Anteil erst bei der nächsten klassischen Finanzierungsrunde berechnet. Liegt die Bewertung dann bei 15 Millionen US‑Dollar, landet Neo bei rund 5 %; steigt sie auf 100 Millionen US‑Dollar, schrumpft der Anteil auf etwa 0,75 %.
Parallel dazu gibt es eine Studenten-Schiene: Pro Kohorte will Neo 5–8 Studierende oder Teams auswählen und ihnen 40.000 US‑Dollar als Zuschuss für ein Urlaubssemester zur Verfügung stellen – ohne jegliche Beteiligung. Geplant sind zwei Kohorten pro Jahr mit jeweils maximal 20 Teams. Das Programm kombiniert Zeit im Neo-Büro in San Francisco, ein zweiwöchiges Bootcamp sowie Mentoring durch rund 30 erfahrene Operator.
3. Warum das wichtig ist
Neo greift den heikelsten Punkt des Accelerator-Geschäftsmodells an: den sicheren, relativ hohen Equity-Anteil.
Laut TechCrunch nimmt Y Combinator weiterhin etwa 7 % für 125.000 US‑Dollar, plus zusätzlichen Betrag über ein uncapped SAFE mit MFN-Klausel. a16z Speedrun bewegt sich in Richtung 10 % für 500.000 US‑Dollar. Die Botschaft ist ähnlich: Wir wollen einen spürbaren Anteil an jedem Unternehmen, das unser Programm durchläuft.
Neo sendet das Gegenmodell: Wir wollen nur eine kleine, flexible Beteiligung an einer winzigen Elite.
Das verschiebt einiges:
Für Top-Gründer verschiebt sich die Machtbalance weiter. Wer als starkes AI- oder Dev‑Tool‑Team ohnehin Seed‑Runden bei Bewertungen von 20–50 Millionen US‑Dollar einsammeln kann, gibt nur ungern 7–10 % allein für das Label eines Accelerators ab. Das Neo‑Modell erlaubt eine deutlich saubere Cap‑Table-Struktur.
Für Neo ist es eine reine „Outlier“-Strategie. 0,75–5 % wirken mager – es sei denn, man ist überzeugt, regelmäßig Cursor‑Kaliber zu finden, die später zig Milliarden wert sind. Dann sind diese Anteile faktisch sehr günstige Call‑Optionen auf Extremtalente.
Für andere Acceleratoren ist es eine unliebsame Preisschlacht. YC, Techstars & Co. haben Kostenstrukturen, Personal und Alumni‑Programme auf der Basis planbarer Equity‑Zuflüsse aufgebaut. Wenn die begehrtesten Teams plötzlich Neo‑ähnliche Konditionen fordern, gerät die gesamte „hohes Volumen, fester Anteil“-Logik ins Wanken.
Das Risiko für Neo liegt auf der Hand: Wenn die Auswahl nicht extrem treffsicher ist, sind die Beteiligungen so klein, dass es schwer wird, auf Fondsebene signifikante Renditen zu erwirtschaften. Partovi setzt darauf, dass seine Track‑Record – etwa durch den sehr frühen Einstieg bei Cursor – zeigt, dass Neo genau diese Outlier-Erkennung beherrscht. Sollte er recht behalten, müssen andere Programme ihre Modelle überdenken.
4. Der größere Kontext
Neos Schritt passt in eine breitere Verschiebung am Frühphasemarkt: Kapital ist reichlich vorhanden, glaubwürdiger „Signal“-Effekt dagegen knapp.
Vor zehn Jahren waren Acceleratoren vor allem Eintrittskarte zu Geld und Basis-Know-how. Heute werden exzellente Teams, insbesondere in AI, Infrastruktur und Developer‑Tools, oft schon während der Masterarbeit oder Promotion von VCs umworben, bevor sie überhaupt an Y Combinator denken. Geld allein ist kein Differenzierungsmerkmal mehr.
Daraus entwickeln sich mehrere Trends:
- Programmschienen wie a16z Speedrun, die eher als Sourcing- und Signalmaschinen fungieren denn als klassische Gründer-Schulen.
- „Micro‑Acceleratoren“ in Fonds, die intern Talente bündeln, ohne ein eigenständiges Geschäftsmodell zu haben.
- Community-orientierte Formate wie On Deck (in seiner frühen Phase), die Netzwerk und Bildung von Equity‑Strukturen entkoppeln wollten.
Neo treibt diese Entwicklung auf die Spitze. Residency ist im Kern ein kuratierter Qualitätsstempel. Wer aufgenommen wird, signalisiert dem Markt: Dieses Team hat den Neo‑Filter bestanden. Genau diesen Filter kaufen nachgelagerte Seed‑ und Series‑A‑Investoren mit.
Historisch hatte Y Combinator eine ähnliche Funktion – allerdings in seinen Anfangsjahren mit kleinen, extrem selektiven Batches. Mit steigenden Kohortengrößen ist dieser Signal‑Effekt verwässert. Neo versucht nun, diese Frühphase neu zu erfinden – in einem Markt, in dem insbesondere AI‑Bewertungen so hoch sind, dass ein Prozentpunkt am richtigen Unternehmen ganze Fonds zurückzahlen kann.
Sollte das funktionieren, sind Nachahmer wahrscheinlich: große Fonds mit eigenen, sehr kleinen „Residencies“, minimaler Verwässerung und starkem Markenfokus, die weniger wie klassische Acceleratoren und mehr wie Talentagenturen für Deep‑Tech‑Gründer wirken.
5. Die europäische / DACH-Perspektive
Für Europa – und speziell den DACH‑Raum – ist Neo Residency zugleich Chance und Alarmzeichen.
Die Chance: Exzellente Teams aus Berlin, München, Zürich, Wien oder aus Tech‑Zentren wie Aachen, Karlsruhe, ETH Zürich oder TUM bekommen einen weiteren Zugang zum US‑Kapitalmarkt, ohne früh große Anteile abzugeben. Drei Monate in San Francisco bei überschaubarer Verwässerung sind für viele leichter zu rechtfertigen als 7–10 % Equity an einen generischen Accelerator vor Ort.
Das Alarmzeichen: Es verstärkt den ohnehin existierenden Talentabfluss Richtung USA und UK. Während die EU mit Regulierungsrahmen wie GDPR, Digital Services Act, Digital Markets Act und dem kommenden AI Act versucht, faire und sichere Märkte zu schaffen, ziehen Programme wie Neo die ambitioniertesten Deep‑Tech‑Gründer ins Silicon Valley – inklusive Holding‑Strukturen in Delaware und späteren IPOs an US‑Börsen.
Dazu kommt ein juristischer und kultureller Aspekt: SAFEs sind im DACH‑Raum noch kein voll standardisiertes Instrument. In Deutschland gelten sie oft als Wandeldarlehen mit entsprechend komplexer steuerlicher Behandlung. In Österreich und der Schweiz ist die Praxis heterogen. Für Neo könnte das bedeuten, dass viele europäische Teams früh ein US‑Mutterunternehmen gründen – mit allen Konsequenzen für Governance, Steuern und IP‑Standort.
Auf der Wettbewerbsseite existieren zwar Programme wie Entrepreneur First (Berlin, Paris), Antler (u. a. Berlin), Station F in Paris oder lokale Acceleratoren in Berlin, München, Hamburg, Zürich und Wien. Einige experimentieren bereits mit geringerer Verwässerung und stärkerer Community‑Orientierung. Aber ein Paket aus winzigen Kohorten, globalem Signal und so geringen Equity‑Anteilen gibt es in dieser Form bislang nicht.
Für politisch Verantwortliche, die europäische „Tech-Souveränität“ ernst meinen, ist das ein Hinweis: Kapitalmodelle und Talentprogramme sind mindestens so wichtig wie Regulierung, wenn man Wertschöpfung in Europa halten will.
6. Ausblick
Entscheidend wird sein, ob Neo das Modell mit klaren Erfolgsstorys unterfüttern kann.
Wahrscheinlich ist Folgendes:
Akzeptanzquoten auf Ivy-League-Niveau. Mit maximal 40 Teams pro Jahr und diesen Konditionen kann Neo extrem selektiv sein. Für Gründer aus dem DACH‑Raum bedeutet das: nur Teams mit globalem Anspruch und Substanz haben überhaupt eine Chance.
Experimentierfreude bei anderen Top-Fonds. Einige europäische und US‑VCs werden testweise ähnliche Residencies launchen – etwa fokussiert auf AI, Climate oder B2B‑SaaS. Zunächst als Ergänzung zu bestehenden Modellen, mittelfristig mit dem Potenzial, klassische Accelerator‑Strukturen zu verdrängen.
Indirekter Druck auf YC & Co. Y Combinator muss sein Modell nicht sofort ändern. Aber wenn in zwei, drei Jahren die sichtbarsten neuen AI‑Unicorns eher „Neo Alumni“ als „YC Alumni“ sind, wird die Frage nach Anpassungen unausweichlich.
Offen bleibt aus europäischer Sicht:
- Können hiesige Fonds und Programme – etwa in Berlin, München, Zürich oder Wien – vergleichbar attraktive, aber rechtlich saubere Modelle anbieten, die mit europäischen Regularien kompatibel sind?
- Nutzen Gründer die Chance, transatlantisch zu denken – also beispielsweise Neo Residency mit europäischer F&E‑Basis und lokaler Förderung (z. B. EXIST, Innosuisse, FFG) zu kombinieren?
Wenn Neo in den kommenden Jahren mehrere sehr große Exits oder Bewertungs-Sprünge vorweisen kann, wird sich die Debatte um Gründerkonditionen im DACH‑Raum deutlich beschleunigen.
7. Fazit
Neo Residency ist eine Wette darauf, dass im überliquiden Frühphasemarkt die Qualität des Signals wichtiger ist als die Höhe des Equity-Anteils. Für eine kleine Elite an Gründer:innen ist das Angebot herausragend attraktiv – und ein weiterer Grund, klassische Accelerator-Deals zu hinterfragen.
Für Europa und den DACH‑Raum stellt sich die strategische Frage: Reagieren wir mit eigenen, mutigen Modellen – oder akzeptieren wir, dass die wertvollsten Tech‑Talente ihre stärksten Signale weiterhin aus San Francisco und nicht aus Berlin, München oder Zürich beziehen?



