OpenAIs 100-Milliarden-Dollar-Runde: Die stille Aufteilung der KI-Macht

19. Februar 2026
5 Min. Lesezeit
OpenAI-Logo vor aufsteigendem Börsengrafen und Datenzentrums-Silhouetten

OpenAIs 100-Milliarden-Dollar-Runde: Die stille Aufteilung der KI-Macht

Ein Bewertungsniveau von über 850 Milliarden US‑Dollar für ein noch nicht dauerhaft profitables KI-Unternehmen wäre historisch – selbst im Silicon Valley. Doch die spannendste Frage an der kolportierten 100‑Milliarden-Runde von OpenAI ist nicht, ob die Zahl übertrieben ist, sondern wer hier gemeinsam investiert. Amazon, Microsoft, Nvidia, SoftBank und später wohl Staatsfonds: Das sieht weniger nach klassischem Venture Capital aus und mehr nach einer stillen Aufteilung der zentralen KI‑Infrastruktur. In diesem Beitrag ordnen wir die Meldung ein, beleuchten die Folgen für den Wettbewerb und fragen, was das für Europa und den DACH‑Raum bedeutet.

Die Nachricht in Kürze

Laut TechCrunch, das sich auf einen Bericht von Bloomberg beruft, steht OpenAI kurz vor dem Abschluss einer neuen Finanzierungsrunde von mehr als 100 Milliarden US‑Dollar. Die Gesamtbewertung könnte dabei über 850 Milliarden US‑Dollar liegen, bei einer angeblichen Pre‑Money‑Bewertung von rund 730 Milliarden.

Die ersten Tranchen sollen von vertrauten Schwergewichten stammen: Amazon (im Gespräch sind bis zu 50 Milliarden US‑Dollar), SoftBank (rund 30 Milliarden), Nvidia (etwa 20 Milliarden) sowie Microsoft. Später sollen Venture‑Capital‑Gesellschaften und Staatsfonds hinzukommen, was das Gesamtvolumen weiter erhöhen könnte.

Hintergrund: OpenAI verbrennt weiterhin sehr viel Kapital, nähert sich aber der Profitabilität. Um die Erlöse zu steigern, testet das Unternehmen Werbung in der kostenlosen Version von ChatGPT – ein riskanter Schritt, der entweder deutliche Mehreinnahmen oder spürbare Nutzerabwanderung bedeuten kann. TechCrunch betont, dass die jetzt erwartete Bewertung bereits über früher kursierenden Zahlen liegt.

Warum das wichtig ist

Eine Bewertung jenseits der 850‑Milliarden‑Marke würde OpenAI in eine Liga mit den wertvollsten Tech‑Konzernen aller Zeiten katapultieren – nur neun Jahre nach Gründung und ohne stabile Profitabilität. Doch die eigentliche Bedeutung liegt im strategischen Zuschnitt der Investoren.

Für OpenAI selbst ist die Runde ein Befreiungsschlag:

  • nahezu unbegrenzter Zugriff auf GPUs und Rechenzentren,
  • die Möglichkeit, die besten Forscher und Entwickler weltweit zu rekrutieren,
  • ein gewaltiger M&A‑Spielraum, um potenzielle Wettbewerber frühzeitig zu übernehmen.

Für die Investoren ist es eine Machtsicherung über die gesamte KI‑Wertschöpfungskette:

  • Microsoft verankert OpenAI noch tiefer in Windows, Office, GitHub und Azure und hält konkurrierende Clouds auf Distanz.
  • Amazon sichert AWS eine enge Beziehung zu einem der führenden Modellanbieter und kann das Portfolio neben eigenen Modellen und den Investments in andere Labs breiter aufstellen.
  • Nvidia schließt de facto einen langfristigen Absatzvertrag für seine Hochleistungs‑Chips ab.
  • SoftBank versucht, nach durchwachsenen Vision‑Fund‑Erfahrungen wieder in ein potenzielles Jahrhundertasset einzusteigen.

Verlierer dieser Entwicklung sind kleinere KI‑Labs, offene Alternativen und am Ende auch viele Unternehmenskunden: Je stärker sich Compute, Modelle und Distribution in der Hand weniger US‑Konzerne bündeln, desto geringer werden die Verhandlungsspielräume anderer Marktteilnehmer.

Kurzfristig dürfte der Deal dazu führen, dass OpenAI die Monetarisierung deutlich verschärft: mehr Enterprise‑Pakete, engere Kopplung an Azure und andere Clouds, Experimente mit Werbung und kostenpflichtigen Premium‑Stufen.

Das größere Bild

Die mögliche 100‑Milliarden-Runde markiert den Übergang von der „Experimente im Forschungslabor“-Phase zur industriellen Phase der KI. Foundation‑Modelle auf Spitzen­niveau zu trainieren ist heute ein Infrastruktur‑Projekt in der Größenordnung von Großkraftwerken oder Mobilfunknetzen.

Die Vorläufer kennen wir: Microsofts mehrjährige Milliardenpartnerschaft mit OpenAI, Amazons mehrmilliardenschwere Beteiligung an Anthropic, der Aufstieg Nvidias zum Börsenstar dank GPU‑Boom. OpenAIs neuer Deal ist die logische Eskalationsstufe dieser Entwicklung.

Historische Parallelen zum Dot‑Com‑Boom drängen sich auf – mit einem Unterschied: Damals war die Überbewertung über viele börsennotierte Unternehmen und Kleinanleger verteilt. Heute wird der Großteil des Kapitals von wenigen Tech‑Giganten und Staatsfonds allokiert. Das Risiko ist weniger ein plötzlicher Crash durch Panik an den Märkten, sondern eine langfristige Verfestigung von Oligopolen.

Im Wettbewerbsvergleich:

  • Anthropic und andere Labs haben Milliarden aufgenommen, bleiben aber deutlich hinter diesen Dimensionen.
  • Neue Herausforderer wie xAI verfügen zwar über prominente Einzelinvestoren, aber nicht über dieselbe strategische Allianz aus Cloud, Chips und Kapital.
  • Open‑Source‑Projekte holen qualitativ auf, doch in Sachen Infrastruktur und Datenzugang können sie mit einem 100‑Milliarden‑Budget kaum mithalten.

Wir laufen auf einen zweistufigen KI‑Markt zu: Oben eine Handvoll Anbieter mit globaler, kapitalintensiver Infrastruktur. Darunter ein breites Ökosystem von Startups, Mittelständlern und Konzernen, die ihre Produkte zwar innovativ gestalten, technisch aber weitgehend von diesen Plattformen abhängen.

Es geht deshalb nicht nur um Modellqualität. Es geht um Kontrolle über Betriebssysteme, Suche, Office‑Software, Cloud‑Infrastruktur, Halbleiter – und immer stärker auch über Regulierung und Standards, die durch intensive Lobbyarbeit geprägt werden.

Die europäische und DACH-Perspektive

Für Europa und speziell den DACH‑Raum ist die Meldung ambivalent. Einerseits profitieren Unternehmen von immer leistungsfähigeren, teils günstigeren KI‑Diensten, die sie schnell in eigene Produkte integrieren können. Andererseits wird deutlich, wie wenig Souveränität die EU beim Fundament dieser Technologie besitzt.

Die Runde fällt in eine Phase, in der gleich mehrere Rechtsakte wirksam werden oder vor der Tür stehen: der AI Act, der Digital Markets Act (DMA), der Digital Services Act (DSA) und natürlich die seit Jahren etablierte DSGVO. OpenAIs rasante Skalierung wird auf diese Regime treffen – mit absehbaren Konflikten.

Fragen, die sich europäische Behörden stellen werden:

  • Fällt eine durchkapitalisierte OpenAI, eng verflochten mit Microsoft, in den DMA‑Status eines „Gatekeepers“ – direkt oder indirekt?
  • Wie lassen sich personalisierte Werbung in ChatGPT mit der DSGVO und der ePrivacy‑Richtlinie vereinbaren?
  • Entstehen durch die enge technische Kopplung an Windows, Office und Azure neue Missbrauchspotenziale marktbeherrschender Stellungen, die das Bundeskartellamt oder die EU‑Kommission interessieren müssen?

Für den deutschen Mittelstand, österreichische und Schweizer Unternehmen ist die Lage widersprüchlich: Sie erhalten extrem mächtige Werkzeuge für Automatisierung, Produktentwicklung und Kundenservice – oft ohne hohe Anfangsinvestitionen. Gleichzeitig wächst die Abhängigkeit von nicht‑europäischen Plattformen, was langfristig Preis‑, Daten‑ und Lock‑in‑Risiken birgt.

Europäische Alternativen wie Aleph Alpha, DeepL, Mistral oder regionale Cloud‑Anbieter bekommen damit keinen Todesstoß, aber eine klare Botschaft: Sie müssen sich entweder sehr spitz positionieren (Branchenspezialisierung, Datenschutz, On‑Premise‑Fähigkeit) oder mit öffentlichen Geldern deutlich größer gedacht werden, wenn sie mehr sein wollen als Nischenplayer.

Ausblick

Unter der Annahme, dass die Runde in etwa wie berichtet zustande kommt, zeichnen sich für die nächsten 18–24 Monate mehrere Entwicklungslinien ab:

  1. Massiver Infrastrukturausbau. OpenAI wird sich langfristige GPU‑Kontingente sichern, Rechenzentren (über Partner‑Clouds) ausbauen und stark in Effizienzoptimierung investieren. Davon profitieren indirekt auch AWS, Azure und Co.
  2. Beschleunigte Kommerzialisierung. Neue Enterprise‑Pakete, branchenspezifische Lösungen, fein granulierte Preismodelle und eine stärkere Verzahnung mit Microsoft‑Produkten sind zu erwarten. Werbung in ChatGPT dürfte – sofern rechtlich durchsetzbar – ausgebaut werden.
  3. Regulatorische Gegenbewegung. In Brüssel, Bonn und Berlin dürfte die Verflechtung von Big Tech und KI‑Labs genau studiert werden. Wettbewerbs‑ und Aufsichtsbehörden werden versuchen, Exklusivitätsklauseln und Datenflüsse zu verstehen – und gegebenenfalls einzugreifen.

Offen bleibt:

  • Gelingt OpenAI der Weg in eine nachhaltige Profitabilität, ohne das Vertrauen von Nutzern und Geschäftskunden zu verspielen?
  • Wie stabil ist die Allianz der Großinvestoren, falls Wachstum oder regulatorische Freiräume hinter den Erwartungen zurückbleiben?
  • Werden europäische Konzerne und Regierungen akzeptieren, dass zentrale KI‑Infrastruktur de facto in US‑Hand ist – oder wächst der Druck, eigene Alternativen massiv zu fördern?

Für Unternehmen im DACH‑Raum ergibt sich daraus ein klarer Handlungsauftrag: die Chancen der Plattformen nutzen, aber bewusst Multi‑Vendor‑Strategien fahren, offene Schnittstellen fordern und sensible Daten nicht ohne Exit‑Strategie in proprietäre Silos kippen.

Fazit

Die kolportierte 100‑Milliarden‑Finanzierung von OpenAI ist weniger ein Startup‑Märchen als ein koordiniertes Machtprojekt von Big Tech und Großinvestoren. Sie wird Innovation und Produktivitätsschübe bringen, aber zugleich Marktmacht und Abhängigkeiten verschärfen – besonders in Europa, das regulatorisch stark, technologisch im Kern der KI aber abhängig ist. Die entscheidende Frage für Politik und Wirtschaft lautet: Wollen wir diese neue KI‑Oligopolstruktur hinnehmen und nur regulieren – oder sind wir bereit, eigene, ernstzunehmende Gegenpole aufzubauen?

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