Panasonic überlässt Skyworth das TV-Geschäft: Abschied von Japans Wohnzimmer-Dominanz
Für viele, die sich früher nach Panasonic‑Plasmas sehnten, wirkt diese Meldung wie ein Schlusspunkt unter ein Stück Technikgeschichte. Die letzten großen japanischen TV‑Hersteller ziehen sich faktisch aus der Fertigung zurück und überlassen die Fabriken chinesischen und koreanischen Konzernen. Doch es geht um mehr als Nostalgie. Die Entscheidung zeigt brutal klar, wie sehr TV‑Hardware zur Niedrigmargen‑Ware geworden ist – und wie sich Macht hin zu Software, Daten und Skaleneffekten verschoben hat. In diesem Artikel beleuchten wir, was der Panasonic‑Skyworth‑Deal wirklich bedeutet, wer profitiert, wie sich das Kräfteverhältnis verschiebt und was das speziell für den DACH‑Markt heißt.
Die Nachricht in Kürze
Laut einem Bericht von Ars Technica wird Panasonic künftig keine eigenen Fernseher mehr herstellen. Stattdessen übernimmt das chinesische Unternehmen Skyworth mit Sitz in Shenzhen die Produktion, das Marketing und den Vertrieb von Fernsehern unter der Marke Panasonic.
Skyworth zählt bereits zu den größeren TV‑Anbietern weltweit. Das Marktforschungsunternehmen Omdia führte die Firma im ersten Quartal 2025 unter den fünf umsatzstärksten TV‑Marken. Das neue Bündnis umfasst die USA und Europa; dort streben die Partner nach eigenen Angaben einen zweistelligen Marktanteil an.
Panasonic will weiterhin sein Know‑how bei Bildverarbeitung und Qualitätssicherung einbringen und die Spitzenmodelle im OLED‑Segment gemeinsam mit Skyworth entwickeln. Support zugesagt ist sowohl für alle bis März 2026 verkauften Panasonic‑Fernseher als auch für die neuen, von Skyworth gefertigten Modelle ab April.
Der Schritt ist die logische Fortsetzung eines langen Rückzugs. Panasonic hatte 2014 die Plasma‑Produktion eingestellt, den US‑TV‑Markt bis 2016 verlassen, 2021 die Fertigung ausgelagert und sich erst kürzlich mit Premium‑Modellen in den USA zurückgemeldet.
Warum das wichtig ist
Panasonic gesteht damit offen ein, dass sich klassische TV‑Fertigung für das Unternehmen nicht mehr rechnet. Der TV‑Markt ist extrem kompetitiv, die Margen sind dünn und das Geschäft wird von einigen wenigen Akteuren mit enormer Skalierung beherrscht. Koreaner wie Samsung und LG sowie chinesische Gruppen wie TCL, Hisense und eben Skyworth kontrollieren heute den Großteil des weltweiten Absatzes.
Kurzfristig gewinnt Panasonic Spielraum, indem man sich von kapitalintensiven Fabriken trennt, aber die Marke und die Bildqualitäts‑Reputation weiter monetarisiert. Das Unternehmen wird faktisch zu einem Premium‑Label, hinter dem chinesische Fertigung steht. Skyworth erhält im Gegenzug sofortigen Zugang zu etablierten Vertriebskanälen und Konsumentenvertrauen in Europa und den USA – zwei Märkten, in denen die Marke Skyworth bislang kaum verankert ist.
Verlierer sind vor allem diejenigen, die „Made in Japan“ bislang mit echter japanischer Entwicklung und Fertigung gleichgesetzt haben. Faktisch gibt es so gut wie keine TV‑Massenproduktion in Japan mehr. Industriearbeitsplätze sind verloren, und kleine Marken ohne große Stückzahlen oder starke Brand‑Power geraten weiter unter Druck.
Strukturell zementiert der Deal die Spaltung der Branche in zwei Lager: auf der einen Seite Marken‑ und UX‑Eigentümer, auf der anderen Fertigungsspezialisten und Panelhersteller. Panasonic positioniert sich klar in der ersten Gruppe und verabschiedet sich vom Anspruch, noch ein echter TV‑Produzent zu sein.
Der größere Kontext
Wer den Schritt verstehen will, muss ihn in drei größere Entwicklungen einordnen.
Erstens steckt der TV‑Markt seit Jahren in einer Mischung aus stagnierender Nachfrage und permanentem Preisverfall. Größere Diagonalen, 4K, 8K, HDR – jede dieser Wellen brachte kurzzeitig Ersatzkäufe, doch die Technologien wurden immer schneller zur Massenware. Spätestens wenn solide 65‑Zoll‑4K‑HDR‑Geräte chinesischer Marken im unteren Preissegment auftauchen, wird es für traditionelle Hersteller mit höheren Kosten schwer, allein über Hardware einen nennenswerten Aufpreis durchzusetzen.
Zweitens hat sich das Machtzentrum vom Panel zur Plattform verschoben. Betriebssysteme wie Android TV / Google TV, webOS, Tizen oder Roku OS bestimmen heute, welche Apps verfügbar sind, wie komfortabel die Bedienung ist – und wie sich mit Werbung, Empfehlungslogiken und Daten Geld verdienen lässt. Für viele Anbieter sind Werbeumsätze und Datenmonetarisierung mittlerweile wichtiger als die Marge auf das Gerät. Davon profitieren Akteure, die Software‑Roadmaps, Adtech und Datenpartnerschaften beherrschen, nicht primär die klassischen Hardware‑Spezialisten.
Drittens erleben wir eine Neuordnung der japanischen Unterhaltungselektronik insgesamt. Wie Ars Technica erinnert, haben Sharp, Toshiba, Hitachi und Pioneer die TV‑Fertigung bereits früher an Lizenzpartner abgegeben. Sony hat dieses Jahr 51 Prozent seines Geschäfts mit Fernsehern und Home Entertainment an TCL verkauft. Der Panasonic‑Skyworth‑Deal ist somit kein Ausreißer, sondern der letzte große Baustein eines Strukturwandels.
In Summe verschiebt sich der industrielle Schwerpunkt der TV‑Produktion klar nach China und Südkorea, während Japans Rolle sich auf Nischen, professionelle Displays, Komponenten und Markenlizenzierung reduziert.
Die europäische und DACH-Perspektive
Für europäische und speziell deutschsprachige Verbraucher bedeutet das: Ein Panasonic‑Logo garantiert künftig nicht mehr zwangsläufig eine andere Wertschöpfungskette als ein Gerät von Skyworth, TCL oder Hisense. Viele Fernseher werden sich Panel‑Technik, SoCs und Betriebssysteme teilen; Unterschiede liegen in Tuning, Design, Servicequalität – und in der Frage, wie verantwortungsvoll mit Daten umgegangen wird.
Aus regulatorischer Sicht rücken chinesische Fertigung und europäische Datenschutzregeln enger zusammen. Smart‑TVs gehören zu den datenhungrigsten Geräten im Haushalt. Nach DSGVO, Digital Services Act (DSA) und künftiger EU‑KI‑Verordnung unterliegt jede Form von Tracking, Profiling oder personalisierter Werbung in Europa strengen Vorgaben, unabhängig vom Produktionsland. Da Panasonic weiterhin Software‑ und Qualitätsverantwortung trägt, kann sich der Konzern nicht auf die Rolle eines bloßen Lizenzgebers zurückziehen.
Für den hiesigen Handel – von MediaMarkt/Saturn über Expert bis zu Online‑Händlern wie Otto oder Digitec – eröffnet die Kooperation die Chance auf attraktiv bepreiste Panasonic‑Modelle mit guter Marge. Gleichzeitig beschleunigt sie die Konsolidierung: Viele Marken im Regal, aber nur noch wenige tatsächliche Hersteller im Hintergrund.
Besonders relevant ist das für ein datenschutzsensibles Publikum in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Hier wird sich Skyworth an höheren Erwartungen messen lassen müssen: klare Opt‑Ins, transparente Datenschutzhinweise, Updates über Jahre hinweg. Das ist ein Punkt, an dem einige günstigere Marken in der Vergangenheit gescheitert sind.
Blick nach vorn
In den nächsten zwei bis drei Jahren werden wir sehen, ob das Modell „japanische Marke + chinesische Fertigung“ bei europäischen Käufern verfängt. Wahrscheinlich wird Panasonic im High‑End‑Bereich mit gemeinsam entwickelten OLED‑Spitzenmodellen versuchen, seinen Ruf für Bildqualität zu verteidigen, während Skyworth im Mittelklasse‑Segment über aggressive Preise Marktanteile erobern will.
Gelingt es, Qualität, Software‑Pflege und Datenschutz überzeugend zu liefern, könnte Panasonics TV‑Sparte als leichtgewichtiges, margenstärkeres Geschäft überleben – ähnlich wie manche europäische Traditionsmarken im Haushaltsgerätebereich, die längst nicht mehr selbst produzieren. Scheitert das Konzept, etwa durch Qualitätsprobleme, schleppende Updates oder politische Spannungen, die die Lieferketten aus China treffen, dürfte der Weg zu einem reinen Lizenzmodell ohne operative Verantwortung nicht mehr weit sein.
Für Skyworth ist Europa ein Prüfstein. Das Unternehmen konkurriert nicht nur mit TCL und Hisense, sondern auch mit koreanischen Herstellern und mit neuen Formfaktoren wie Projektoren und Gaming‑Monitoren, die einen Teil der „Wohnzimmer‑Zeit“ abgreifen. Entscheidend wird sein, ob Skyworth es schafft, sich nicht als reiner Billiganbieter, sondern als ernstzunehmende Plattform mit verlässlichem Support zu positionieren.
Spannend bleibt zudem, wie sich die EU‑Regulierung weiterentwickelt. Denkbar ist, dass Smart‑TV‑Plattformen künftig ähnlich wie mobile Betriebssysteme behandelt werden – Stichwort Digital Markets Act: strengere Vorgaben zu vorinstallierten Diensten, Default‑Einstellungen, App‑Stores und Tracking‑Mechanismen. Das könnte die Karten zwischen US‑, koreanischen und chinesischen Playern neu mischen.
Fazit
Panasonics Entscheidung, die TV‑Produktion an Skyworth abzugeben, markiert das Ende einer japanischen Ära im Wohnzimmer – und den endgültigen Sieg von Skaleneffekten und Plattformökonomie über Fertigungsstolz. Für Verbraucher bedeutet das vermutlich bessere Preise und funktionsreiche Geräte, aber auch mehr Intransparenz darüber, wer Hardware, Software und Datenströme tatsächlich kontrolliert. Die entscheidende Frage lautet künftig weniger „Welche Marke steht auf dem Rahmen?“, sondern: „Wessen Ökosystem – und wessen Regeln – laufen hinter dem Bildschirm?“



