Samsung begräbt Ballie: Warum der Heimroboter zur internen Spielwiese wurde

7. Januar 2026
5 Min. Lesezeit
Der gelbe Heimroboter Samsung Ballie in einem Präsentationsvideo auf der CES

Die gelbe Kugel von Samsung hat ihren Weg aus dem Labor offenbar nicht gefunden.

Sechs Jahre nach der CES‑Premiere 2020 ist Samsungs Heimroboter Ballie laut Bloomberg „auf unbestimmte Zeit auf Eis gelegt“. Statt Verkaufsstart spricht Samsung heute von einer internen „active innovation platform“ – ein deutliches Downgrade vom versprochenen Massenprodukt.

Vom CES‑Star 2020 zum internen Testobjekt

Auf der CES 2020 war Ballie der unerwartete Star der Samsung‑Keynote. Ars Technica bezeichnete den Roboter damals als das „am weitesten fortgeschrittene Konzept“ des Unternehmens.

Die Vision:

  • Eine rollende Kugel mit Kamera, die per Gesichtserkennung ihrer Besitzerin oder ihrem Besitzer folgt
  • Steuerung von Smart‑Home‑Geräten, etwa das Starten eines Saugroboters, wenn etwas verschüttet wurde
  • Funktion als mobiler Smart Speaker

Auf der Bühne und in Marketingvideos wirkte Ballie wie die logische Weiterentwicklung von Sprachassistenten und vernetzten Lautsprechern hin zu echten Heimrobotern.

CES 2024: größeres Design, Lichtring, Projektor

Zur CES 2024 präsentierte Samsung eine deutlich überarbeitete Version:

  • Größere, noch sphärischere Form
  • Drei innenliegende Räder
  • Leuchtender Ring um das Gehäuse

Der neue Blickfang war ein integrierter Projektor. Samsung versprach „zwei bis drei Stunden ununterbrochene Projektornutzung“, bevor Ballie wieder an die Steckdose muss, und zeigte Videos, in denen der Roboter Inhalte an Wände projiziert.

Ballie wurde außerdem als Begleiter fürs Smartphone inszeniert – als bewegliche Schnittstelle zu Kalender, Medien und Smart‑Home‑Funktionen.

CES 2025: Demos, Weintipps und ein fest zugesagter Marktstart

Auf der CES 2025 rückte Samsung Richtung Markteinführung vor. In begrenzten Live‑Demos zeigte Ballie unter anderem:

  • das Versenden von Wegbeschreibungen auf ein Telefon,
  • Empfehlungen für Wein.

Vor Ort hieß es, Ballie solle im Laufe des Jahres 2025 in den Handel kommen.

Im April 2025 folgte eine klare Ankündigung: Samsung werde den Roboter im Sommer 2025 in den USA und Südkorea verkaufen. In der Pressemitteilung versprach man: „Available to consumers this summer“, Ballie solle zudem natürliche, konversationelle Interaktionen bieten.

Der Roboter wurde als eine Art mobiler KI‑Hausmanager auf Basis von Google Gemini positioniert. Geplant waren Funktionen wie:

  • Lichtsteuerung,
  • Personen an der Tür begrüßen,
  • individuelle Zeitpläne erstellen,
  • Erinnerungen setzen
    und weitere Aufgaben rund ums smarte Zuhause.

Auf dem Papier war Ballie damit endgültig vom Konzept zum bald verfügbaren Produkt aufgestiegen.

Stand 2026: kein Produkt, „auf unbestimmte Zeit auf Eis gelegt“

Der Sommer 2025 verstrich – ohne Ballie im Handel.

Anfang 2026 meldet Bloomberg jetzt, das Gerät sei „auf unbestimmte Zeit auf Eis gelegt“. Einen klareren Gegensatz zu der früheren Sommer‑2025‑Zusage kann es kaum geben.

Gegenüber Bloomberg erklärte eine Samsung‑Sprecherin bzw. ein Sprecher, Ballie sei nun vor allem eine interne „active innovation platform“. Das ist weit entfernt von einem Produkt, das „bald erhältlich“ ist.

In der zitierten Stellungnahme heißt es, dass Ballie nach mehreren Jahren Praxistests vor allem dabei helfe, „räumlich bewusste, kontextgesteuerte Erlebnisse“ zu gestalten – insbesondere in den Bereichen:

  • Smart‑Home‑Intelligenz,
  • Ambient AI,
  • Privacy‑by‑design.

Anders formuliert: Die Ideen, Software‑Module und Sensorik von Ballie sollen in andere Samsung‑Produkte einfließen, auch wenn der Roboter selbst nie offiziell erscheint.

Website noch online, aber die Chancen schrumpfen

Verwirrend ist, dass die Website, auf der Interessierte sich weiterhin registrieren können, um „als Erste Ballie kennenzulernen“, noch erreichbar ist. Theoretisch könnte Samsung die Entscheidung revidieren und einen späteren Start versuchen.

Aktuell spricht jedoch vieles dagegen. Offensichtlich ist Samsung entweder nicht sicher, dass:

  • Ballie seine versprochenen Funktionen dauerhaft zuverlässig erfüllt, und/oder
  • genug Käufer bereit sind, einen vermutlich hohen Preis für einen Heimroboter zu zahlen.

Die strategisch risikoärmere Variante: Man extrahiert die besten Teile – räumliches Bewusstsein, Ambient‑AI‑Verhalten, datenschutzfreundlichere Architektur – und verbaut sie in etablierteren Produktkategorien wie TVs, Haushaltsgeräten oder Smart‑Home‑Hubs.

Ballie als Mahnung für die Heimrobotik

Ballie reiht sich damit in eine ganze Serie ambitionierter Heimroboter ein, die auf Messen und in Hochglanzvideos überzeugten, den Sprung in den Mainstream‑Markt aber nie geschafft haben.

Samsung hat die Marke nicht offiziell eingestellt. Doch die Einstufung als interne „innovation platform“ und die auf unbestimmte Zeit verschobene Markteinführung kommen einem faktischen Aus sehr nahe. Bis auf Weiteres ist Ballie für Verbraucherinnen und Verbraucher schlicht Vaporware – eine gelbe Kugel, die zeigt, wie schwierig ernsthafte Heimrobotik selbst für einen globalen Technologiekonzern bleibt.

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