Netflix versucht, die US‑Politik davon zu überzeugen, dass die Übernahme der Streaming- und Studiosparten von Warner Bros. Discovery (HBO Max) ein Gewinn für Nutzerinnen und Nutzer wäre. Im Kartellrechtsausschuss des Senats setzte Co‑CEO Ted Sarandos auf eine simple Botschaft: mehr Inhalte für weniger Geld – und falls es zu teuer wird, könne man mit einem Klick kündigen. Das klingt verbraucherfreundlich, geht aber am Kern vorbei. Die eigentliche Frage lautet nicht, ob Sie kündigen können, sondern wie viel echte Wahlfreiheit nach einer solchen Fusion überhaupt bleibt. Es geht um Marktmacht, nicht um UX.
2. Die Nachricht in Kürze
Wie Ars Technica berichtet, musste Netflix‑Co‑CEO Ted Sarandos vor dem Kartellrechts-Unterausschuss des US‑Senats die geplante Übernahme der Streaming-Dienste und Filmstudios von Warner Bros. Discovery (WBD) verteidigen, darunter HBO Max und Discovery+. Netflix ist mit rund 301,6 Millionen Abonnentinnen und Abonnenten (Stand Januar 2025) der größte SVOD‑Anbieter der Welt, WBD liegt mit etwa 128 Millionen Streaming-Kunden auf Platz drei.
Sarandos betonte, die beiden Dienste seien „komplementär“; etwa 80 Prozent der HBO‑Max‑Kundschaft hätten ohnehin Netflix. Für den Zusammenschluss versprach er mehr Inhalte zu einem niedrigeren effektiven Preis pro gesehener Stunde und verwies auf eine Kennzahl von etwa 0,35 US‑Dollar pro Streaming-Stunde bei Netflix, während ein Konkurrent wie Paramount+ deutlich teurer sei. Zugleich spielte er Monopolsorgen herunter und verwies auf den hohen TV‑Nutzungsanteil von YouTube sowie auf finanzstarke Rivalen wie Google, Apple und Amazon. Netflix bietet laut Ars Technica rund 72 Milliarden US‑Dollar in bar für WBD‑Assets (Unternehmenswert etwa 82,7 Milliarden), während Paramount einen feindlichen Komplettübernahmeversuch im Wert von rund 108,4 Milliarden US‑Dollar gestartet hat.
3. Warum das wichtig ist
Das zentrale Netflix‑Narrativ lautet: Wenn der Preis nicht passt, können Sie jederzeit kündigen. Niedrige Wechselkosten gelten in der Wettbewerbsökonomie tatsächlich als Schutzmechanismus. Im Streaming-Markt ist der entscheidende Wechselkostenfaktor jedoch nicht der Kündigungsbutton, sondern der Verlust kultureller Teilhabe.
Wer Netflix und HBO kontrolliert, kontrolliert einen erheblichen Teil der Serien und Filme, über die global gesprochen wird – von Prestige‑Dramen bis zu Event‑Blockbustern. Das ist weiche Macht: Der Konzern entscheidet, was produziert wird, welche Inhalte im Katalog bleiben, in welchen Regionen sie verfügbar sind und zu welchen Konditionen Kreative bezahlt werden. Selbst wenn Sie theoretisch monatlich aussteigen können, ist es praktisch sehr schmerzhaft, aus einem so dominanten Ökosystem auszutreten.
Interessanterweise liefert Sarandos den Gegenbeweis zu seiner eigenen These gleich mit: Wenn 80 Prozent der HBO‑Max‑Kundschaft bereits Netflix haben, reduziert die Fusion die Wahlfreiheit genau jener Vielseher, die heute mehrere Abos parallel finanzieren. Beherrscht ein Unternehmen deren unverzichtbare Inhalte aus zwei führenden Marken, steigt der Anreiz, Preise schrittweise zu erhöhen und riskantere Produktionen zusammenzustreichen.
Verloren geht auch Verhandlungsmacht auf der Angebotsseite: Drehbuchautorinnen, Schauspieler, unabhängige Studios, aber auch Gerätehersteller und Pay‑TV‑Plattformen. Je weniger Großabnehmer es für Premiuminhalte gibt, desto leichter lassen sich Honorare drücken und Konditionen diktieren. Das Ergebnis spürt das Publikum erst mit Verzögerung: mehr Franchise‑Fortsetzungen, weniger Experimente; mehr Algorithmus‑Optimierung, weniger kreative Ausreißer.
4. Der größere Kontext
Die geplante Fusion fällt in die zweite große Konsolidierungswelle des Streaming‑Markts. Die erste Welle bestand darin, dass alle großen Studios ihre eigenen Dienste gestartet haben – Disney+, HBO Max, Paramount+, Peacock. Die zweite Welle besteht aus Aufräumarbeiten: zu viele Apps, zu hohe Schulden, ein abgeflauter Abo‑Boom nach der Pandemie.
WBD selbst ist bereits das Produkt einer harten Integration nach der Abspaltung von AT&T – inklusive massiver Kostenschnitte, Content‑Streichungen und verwirrender Lizenzwechsel. Eine Übernahme durch Netflix würde nun den weltweit größten SVOD‑Dienst mit einem der traditionsreichsten Studios verketten. Das Szenario erinnert fatal an die US‑Kabelbranche, als Mega‑Deals wie Comcast–NBCUniversal mit Versprechungen zu günstigeren Bündeln und Innovation verkauft wurden. Die Realität: steigende Rechnungen, zähe Programmstreitigkeiten, Stagnation bei der Kundenzufriedenheit.
Streaming sollte die bessere Alternative sein. Stattdessen erleben wir eine Re‑Erfindung des Kabelpakets als App‑Cluster: mehrere Abos, intransparente Preisstaffelungen, exklusive Inhalte hinter immer neuen Paywalls. Disney bündelt Disney+, Hulu und ESPN+, Amazon verschmilzt Prime Video mit dem Gesamtpaket Prime, Apple stützt Apple TV+ über Hardware-Margen und Apple‑One‑Pakete, YouTube frisst sich über klassische Werbung und YouTube TV in die Wohnzimmer.
Vor diesem Hintergrund wirkt Netflix’ Behauptung, man sei wegen YouTubes Reichweite eigentlich der Underdog, wenig überzeugend. Faktisch steuern wir auf einen Oligopolmarkt zu, in dem wenige vertikal integrierte Tech‑Medien‑Konzerne als Gatekeeper fungieren. Eine Netflix‑HBO‑Fusion würde diesen Trend nicht bremsen, sondern massiv beschleunigen.
5. Die europäische und DACH-Perspektive
Für Europa – und insbesondere für die datenschutz‑sensiblen Märkte in Deutschland, Österreich und der Schweiz – ist der Fall mehr als ein US‑Industriekrimi. Es geht um kulturelle Vielfalt, Datenmacht und die Frage, wer künftig die Standards für audiovisuelle Inhalte setzt.
Mit einer Fusion würde ein einziger US‑Konzern in vielen EU‑Ländern zum dominanten Premium‑Anbieter aufsteigen; in Deutschland konkurriert Netflix heute schon nur noch mit wenigen ernstzunehmenden Alternativen wie Disney+, Sky/Wow oder RTL+. Gleichzeitig verlangt das EU‑Recht – etwa die AVMD‑Richtlinie – Investitionen in europäische Produktionen und Sichtbarkeit lokaler Inhalte. Ein übermächtiger Player könnte diese Pflichten zwar erfüllen, aber sehr stark nach eigenen, algorithmusgetriebenen Kriterien auslegen.
Hinzu kommt der Digital Markets Act (DMA). Sollte Netflix durch die Fusion in den Gatekeeper‑Status rutschen, wären zusätzliche Auflagen möglich: Transparenzanforderungen für Empfehlungsalgorithmen, Diskriminierungsverbote für Drittanbieter‑Inhalte, Restriktionen bei der Bündelung mit anderen Diensten. Für deutsche Produzenten in Berlin oder München könnte die Fusion bedeuten, dass sie zwar einen finanzstarken Abnehmer haben – aber einen, dessen Vertragsbedingungen kaum verhandelbar sind.
Auch nationalen Medienregulierern dürfte die Sache nicht egal sein. Die KEK in Deutschland prüft bereits heute medienkonzentrationsrechtliche Fragen; eine Netflix‑HBO‑Struktur, die wesentliche Teile der Serien‑Landschaft bündelt, würde hier zwangsläufig auf den Tisch kommen. Die EU‑Kommission und nationale Kartellbehörden könnten Verhaltens‑ oder sogar Strukturauflagen fordern – etwa Zusagen zur Rechtevergabe an europäische Plattformen oder Mindestinvestitionen in unabhängige Produktionen.
6. Blick nach vorn
Kurzfristig ist vor allem eines sicher: ein langer regulatorischer Prozess. Die US‑Justizbehörde (DOJ) und die Federal Trade Commission (FTC) werden sich den Deal ebenso anschauen wie die EU‑Kommission und voraussichtlich auch britische und andere europäische Kartellbehörden. Die Wahrscheinlichkeit, dass der Zusammenschluss ohne jegliche Auflagen durchgewinkt wird, ist gering.
Realistischer ist ein Bedingungskatalog. In den USA wären das typischerweise verhaltensbezogene Zusagen: keine abrupten Preissprünge, kein sofortiger Entzug von HBO‑Inhalten von Konkurrenzplattformen, gewisse Garantien für unabhängige Produzenten. In Europa könnten strengere Auflagen folgen – bis hin zu Quasi‑Verpflichtungen, bestimmte Inhalte auch Dritten zu lizenzieren oder europäische Daten getrennt zu verarbeiten und besser zu schützen.
Für Nutzerinnen und Nutzer im DACH‑Raum dürfte die kurzfristige Folge eher Verwirrung als Ersparnis sein: Umbenennungen, neue Apps, wandernde Kataloge, zusätzliche Tarifstufen mit und ohne Werbung. Die Erfahrung mit früheren Medienfusionen legt nahe, dass Preise nicht fallen, sondern in kleinen Schritten steigen, sobald der Integrationsstaub sich gelegt hat.
Spannend wird, ob Paramoutts höheres, aktienbasiertes Gegenangebot doch noch eine Rolle spielt. Ein anderer Eigentümer von WBD würde den Markt erneut durcheinanderwirbeln und könnte weitere Übernahmen auslösen – etwa von kleineren europäischen Streamern oder Sendergruppen, die in der neuen Größenordnung nicht mehr mithalten können.
7. Fazit
Netflix verkauft die HBO‑Max‑Übernahme mit dem Versprechen, dass Kündigung simpel ist – und lenkt damit vom entscheidenden Punkt ab: Die Zahl der relevanten Alternativen schrumpft. Die Fusion des größten Streamers mit einem der wichtigsten Studios würde einen Gatekeeper stärken, in einem Markt, der ohnehin zu einem Oligopol driftet. Regulierer in den USA und in Europa sollten das „Ein‑Klick‑Kündigen“ als rhetorische Nebelkerze betrachten und sich auf Preisgestaltung, Datenmacht und kulturelle Vielfalt konzentrieren. Die Frage, die bleibt: Wie viele Konzerne wollen wir zwischen uns und unsere Bildschirme schalten?



