Das nächste Nadelöhr der KI: Wie Mesh Optical die Rechenzentren neu verdrahten will

17. Februar 2026
5 Min. Lesezeit
Reihen von Serverracks, verbunden mit leuchtenden Glasfaserkabeln

Überschrift und Einstieg

Die Branche diskutiert über fehlende GPUs, doch der eigentliche Flaschenhals der KI könnte längst an anderer Stelle liegen: in den Glasfasern zwischen den Chips. Drei ehemalige SpaceX‑Ingenieure wollen genau dort ansetzen. Ihr Startup Mesh Optical Technologies hat frisches Kapital eingesammelt, um hochperformante optische Module in den USA in Großserie zu fertigen – explizit außerhalb der heute stark China‑dominierten Lieferketten.

Das ist mehr als nur »Ex‑SpaceX gründet Startup«. Es ist ein Signal, dass die nächste Phase des KI‑Wettlaufs von Energieeffizienz, Interconnects und Geopolitik geprägt sein wird, nicht nur von Modellgrößen. Für Europa und den DACH‑Raum stellt sich damit die Frage: Sind wir vorbereitet – oder sitzen wir in der nächsten Abhängigkeit fest?

Die Nachricht in Kürze

Laut einem Bericht von TechCrunch hat das in Los Angeles ansässige Unternehmen Mesh Optical Technologies eine Series‑A‑Finanzierungsrunde über 50 Millionen US‑Dollar abgeschlossen, angeführt von Thrive Capital. Gegründet wurde Mesh von drei ehemaligen SpaceX‑Ingenieuren – Travis Brashears (CEO), Cameron Ramos (Präsident) und Serena Grown‑Haeberli (VP Product) –, die zuvor an den optischen Verbindungen gearbeitet haben, die die Starlink‑Satelliten im All miteinander vernetzen.

Mesh entwickelt und produziert optische Transceiver: Module, die Lichtsignale aus Glasfasern oder Laserstrecken in elektrische Signale für Server und Beschleuniger umwandeln. Diese Bausteine sind entscheidend, um große GPU‑Cluster für das Training und Inferenz moderner KI‑Modelle zusammenzuschalten. TechCrunch verweist darauf, dass ein etablierter US‑Anbieter, AOI, im vergangenen Jahr einen Auftrag über rund 4 Milliarden US‑Dollar für die Belieferung von AWS‑Rechenzentren erhalten hat.

Mesh plant, innerhalb eines Jahres etwa 1.000 Module pro Tag zu fertigen, um sich damit für Volumenaufträge ab den Jahren 2027/2028 zu qualifizieren. Das Unternehmen will eine Lieferkette außerhalb Chinas aufbauen und dabei stark automatisierte »Lights‑out«‑Fertigung in den USA nutzen. Die aktuelle Modularchitektur verzichtet zudem auf eine gängige, aber besonders energiehungrige Komponente und soll so den Stromverbrauch großer GPU‑Cluster um einige Prozentpunkte senken.

Warum das wichtig ist

In der öffentlichen Debatte dominiert der Mangel an NVIDIA‑GPUs. In der Praxis verschiebt sich das einzige echte System‑Nadelöhr großer Rechenzentren jedoch zunehmend von der reinen Rechenleistung hin zur Vernetzung: Bandbreite, Latenz und Energiebedarf pro Bit. Optische Transceiver sitzen genau an diesem Kreuzungspunkt.

Jeder große KI‑Cluster benötigt mehrere Transceiver pro Beschleuniger. TechCrunch zitiert die Einschätzung der Gründer, wonach ein Verbund mit einer Million GPUs mehrere Millionen optische Module erfordern könnte. Selbst wenn also alle benötigten GPUs verfügbar wären, bleibt die Frage: Wie schnell und wie effizient können diese Chips miteinander kommunizieren?

Hier setzt Mesh an. Wenn es gelingt, den Energiebedarf eines Clusters um wenige Prozentpunkte zu senken, ist das im Maßstab der Hyperscaler enorm. Moderne Rechenzentren erreichen Anschlussleistungen von mehreren hundert Megawatt. Drei bis fünf Prozent weniger Stromverbrauch entscheiden schnell darüber, ob ein Standort politisch und regulatorisch genehmigungsfähig ist – ein Thema, das Betreiber in Deutschland oder den Niederlanden bereits gut kennen.

Die Gewinner dieses Trends:

  • Hyperscaler und KI‑Labore, die mehr Performance pro Watt und eine etwas breitere Lieferantenbasis im optischen Bereich erhalten;
  • US‑Politik und Sicherheitsbehörden, die kritische KI‑Infrastruktur lieber in heimischen als in chinesischen Fabriken sehen.

Die potenziellen Verlierer:

  • etablierte Modulhersteller, insbesondere chinesische Anbieter, die heute den Volumenmarkt dominieren;
  • Cloud‑Kunden, die kurzfristig mit höheren Kosten rechnen müssen, falls »geopolitisch sichere« Lieferketten teurer sind.

Im Kern geht es um Industriepolitik im Gewand eines Startups. Der technische Anspruch – vollautomatisierte Photonikfertigung – ist anspruchsvoll. Gleichzeitig ist der Zeitpunkt des Markteintritts klar von geopolitischen Sorgen um KI‑Souveränität geprägt.

Der größere Kontext

Mesh passt in mehrere aktuelle Entwicklungen der KI‑ und Rechenzentrumswelt.

Erstens verschiebt sich der KI‑Wettbewerb in tiefere Infrastrukturschichten. Nach der GPU‑Welle kamen spezialisierte KI‑Chips (TPU, Trainium, eigene ASICs der Hyperscaler). Die nächste Schlacht findet im Netzwerk statt: hochradige Switches, Co‑Packaged Optics, neuartige optische Module. Die Leistungsfähigkeit großer Sprachmodelle hängt zunehmend davon ab, wie gut sich Tausende von Beschleunigern wie ein einziger logischer Rechner betreiben lassen – und das ist vor allem ein Vernetzungsproblem.

Zweitens erleben wir einen klaren Shift von Funk zu Photonik. Innerhalb von Rechenzentren ersetzt Glasfaser Kupfer inzwischen überall dort, wo es über wenige Meter hinausgeht. Zwischen Rechenzentren treten neben Glasfaserkabeln zunehmend freie Laser‑Strecken. Genau diese Technologie haben die Mesh‑Gründer bereits im Weltraum für Starlink eingesetzt – jetzt übertragen sie diese Expertise in den Rack‑zu‑Rack‑Bereich.

Drittens ist Mesh Teil einer breiteren Bewegung zu Reshoring und »Friend‑Shoring«. Der US‑amerikanische CHIPS Act zielt primär auf Halbleiter, doch die Verwundbarkeit des KI‑Stacks liegt oft bei den Komponenten: optische Module, Power‑Electronics, Advanced Packaging, die heute in hochspezialisierten chinesischen Fabriken entstehen. Diese Segmente rücken nun ins Fadenkreuz von Politik und Investoren.

Historisch erinnert das an die frühen 2000er, als Technologien wie DWDM die Telekom‑Netze radikal verändert haben. Damals verschoben sich die Engpässe von der reinen Glasfaser zur intelligenten optischen Schicht. Heute bauen wir KI‑Supercomputer aus Standardbausteinen, und die optische Fabric dazwischen setzt die Geschwindigkeitsgrenze.

Gegenüber Branchengrößen wie Broadcom, Marvell oder Intels Siliziumphotonik ist Mesh winzig. Aber gerade deshalb ist das Projekt interessant. Wenn es einem neuen Startup‑Jahrgang gelingt, den »SpaceX‑Ansatz« – schnelle Hardware‑Iterationen, enge Verzahnung von Entwicklung und Produktion – auf Photonik zu übertragen, könnte die Kostenkurve für High‑End‑Optik deutlich steiler nach unten zeigen als bisher.

Die europäische / regionale Perspektive

Für Europa – und besonders für den datenschutzsensiblen DACH‑Markt – ist Meshs Erzählung ambivalent.

Einerseits betont die EU seit Jahren digitale und KI‑Souveränität: vom GAIA‑X‑Projekt über die IPCEI‑Vorhaben bis hin zum kommenden EU‑AI‑Act und dem Digital Markets Act (DMA). Andererseits werden die Rechenzentren, auf denen europäische KI‑Modelle laufen, überwiegend mit US‑Chips und asiatischen Komponenten aufgebaut.

Europa verfügt eigentlich über starke Photonik‑Kompetenzen: Forschungszentren wie Fraunhofer und imec, Konzerne wie Nokia, Ericsson, STMicroelectronics, Infineon oder Jenoptik, Cluster in Berlin‑Brandenburg, Eindhoven oder in der Schweiz. Der Fokus liegt aber traditionell auf Telekom, Sensorik, Medizintechnik und Automotive – weniger auf der extrem volumenstarken, margenschwachen Welt der Hyperscaler.

Wenn US‑Startups wie Mesh optische Module als sicherheitskritische Infrastruktur framen, steht Europa vor einer strategischen Weichenstellung:

  • Entweder die EU verknüpft den Chips Act und die Green‑Deal‑Industriestrategie explizit mit Förderungen für optische Interconnect‑Technologien und baut eigene Kapazitäten auf;
  • oder wir akzeptieren eine neue Form der Abhängigkeit – diesmal nicht von chinesischen Fabriken, sondern von US‑gesteuerten, »China‑freien« Lieferketten.

Regulierungen wie GDPR, DSA und der EU‑AI‑Act begünstigen indirekt energieeffizientere Infrastrukturen: strengere Transparenz‑ und Berichtspflichten zu Energie‑ und Umweltauswirkungen erhöhen den Druck auf Betreiber. Ein Modul, das den Stromverbrauch von KI‑Clustern messbar senkt, wird damit auch zu einem Compliance‑Werkzeug.

Für Betreiber in Frankfurt, Berlin, Zürich oder Wien sowie für Colocation‑Anbieter, die heute schon mit Netzbetreibern und Kommunen über Leistungsgrenzen verhandeln, sind Lösungen wie die von Mesh potenziell hochrelevant. Die politische Frage in Brüssel lautet: Bedeutet »vertrauenswürdiger Anbieter« künftig explizit europäische Wertschöpfung – oder reicht es, wenn die Produktion nicht in China steht?

Ausblick

Ob Mesh Optical zu einem Schlüsselspieler oder »nur« zu einem weiteren Komponentenlieferanten wird, hängt von mehreren Faktoren ab.

  1. Skalierbare, vollautomatisierte Fertigung: Photonik in Lights‑out‑Fabriken zu produzieren ist deutlich komplexer als klassische Elektronik. Gelingt dies bis 2027/2028, wäre das ein Blaupausen‑Projekt für westliche Reindustrialisierung.

  2. Zahlungsbereitschaft der Hyperscaler: Cloud‑Anbieter sind extrem preissensibel. Effizienzgewinne und geopolitische Argumente müssen stark genug sein, um einen möglichen Preisaufschlag gegenüber etablierten Anbietern zu rechtfertigen.

  3. Tempo des Architekturwandels: Wenn Co‑Packaged Optics und neue Netzwerktopologien schneller Realität werden als erwartet, muss Mesh sein Portfolio in kurzen Zyklen anpassen – ein Umfeld, in dem die SpaceX‑Erfahrung mit schnellem Hardware‑Iterieren ein echter Vorteil ist.

  4. Rolle der Regulierung: Exportkontrollen für KI‑Hardware werden strenger. Optische Transceiver könnten leicht in den gleichen Regulierungsrahmen wie High‑End‑GPUs fallen. Das würde Mesh im Westen schützen, aber gleichzeitig internationale Expansion und europäische Beschaffung komplizierter machen.

In den kommenden 12–24 Monaten ist zu erwarten:

  • mehr Wagniskapital für Startups rund um optische Interconnects und KI‑Netzwerke,
  • eine Verschiebung der Marketing‑Narrative der Cloud‑Anbieter von »GPU‑Zahlen« hin zu Bandbreite und Energieeffizienz,
  • EU‑Diskussionen über die Ausweitung des 5G‑»Trusted Vendor«‑Konzepts auf Rechenzentrumskomponenten.

Für deutsche, österreichische und Schweizer Unternehmen mit wachsendem KI‑Footprint heißt das: Die Wahl der optischen Ebene ist kein rein technischer Einkaufsposten mehr, sondern eine strategische Entscheidung mit Auswirkungen auf Kosten, Compliance und Resilienz.

Fazit

Mesh Optical Technologies ist ein vergleichsweise kleines Unternehmen mit einer großen These: Die Zukunft der KI hängt nicht nur von besseren Modellen ab, sondern davon, wer die Glasfasern und Laser zwischen den Chips kontrolliert. Die von TechCrunch gemeldete 50‑Millionen‑Finanzierung ist eine Wette darauf, dass Photonik, Energieeffizienz und Geopolitik das nächste Nadelöhr definieren werden. Für Europa stellt sich die Frage, ob optische Interconnects weiterhin als austauschbare Ware gelten – oder endlich als kritische Infrastruktur begriffen werden, die eigene industriepolitische Antworten verlangt.

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