Offiziell ist Windows 10 seit 2025 Geschichte. In der Praxis ist das Bild deutlich komplizierter.
Microsoft hat den Support wie angekündigt am 14. Oktober 2025 beendet. Trotzdem können Privatnutzer mit etwas Aufwand ein weiteres Jahr kostenlose Sicherheitsupdates aktivieren, Schulen und Unternehmen zusätzliche zwei Jahre kostenpflichtig anhängen. Und zentrale Systemkomponenten wie Edge und Windows Defender werden mindestens bis 2028 weiter gepflegt.
Trotzdem war 2025 ein Wendepunkt.
Laut StatCounter hat Windows 11 Windows 10 in den USA bereits im Februar 2025 und weltweit im Juli 2025 überholt. In Valves Steam Hardware Survey fiel der Anteil von Windows 10 von etwas über 44 Prozent auf knapp unter 31 Prozent. Erste Spiele, Anwendungen und Treiber streichen die offizielle Unterstützung oder stufen sie zurück.
Zeit also für zwei Fragen:
- Was hat Windows 10 wirklich gut gemacht?
- Und warum fühlt sich Windows 11 im Vergleich so übergriffig an?
Was Windows 10 richtig gemacht hat
Die wichtigste Aufgabe von Windows 10 war schlicht: nicht Windows 8 zu sein.
Windows 8 brachte zwar zahlreiche technische Verbesserungen gegenüber Windows 7, scheiterte aber am vollflächigen, touch‑zentrierten Startbildschirm. Für klassische Notebooks und Desktops wirkte die Oberfläche wie aus einer anderen Welt. Windows 10 machte den entscheidenden Schritt zurück: ein traditionelleres Startmenü, modernisiert, aber vertraut genug, um niemanden abzuschrecken.
Daneben übernahm Microsoft einige Dinge, die Nutzer von Smartphones schätzen, ohne den Desktop zu zerbrechen:
- Kostenloses Upgrade: Nutzer von Windows 7 und 8 konnten gratis auf Windows 10 wechseln.
- Weitreichende Hardware‑Kompatibilität: Wer 7 oder 8 betreiben konnte, konnte in der Regel auch 10 problemlos nutzen.
- Regelmäßige Feature‑Updates: Ein planbarer Update‑Rhythmus erlaubte es, neue Funktionen schneller auszuliefern, statt jahrelang auf eine „nächste große Version“ zu warten.
- Ausgebautes Insider‑Programm: Enthusiasten und Entwickler testeten Vorabversionen, meldeten Fehler und gaben Feedback.
Windows 10 fiel in eine Phase des kulturellen Umbaus bei Microsoft. Satya Nadella übernahm von Steve Ballmer, und das Unternehmen begann, Nutzer dort abzuholen, wo sie tatsächlich waren, statt sie in ein reines Microsoft‑Ökosystem zu drängen.
Beispiele dafür:
- Office für iOS und Android, nicht nur für Windows.
- Neuer Edge auf Chromium‑Basis, der einen schwachen Eigenbau‑Renderer zugunsten besserer Web‑Kompatibilität und einer vorhandenen Erweiterungswelt aufgab.
- Windows Subsystem for Linux (WSL), mit dem sich Linux‑Tools direkt unter Windows ausführen lassen.
Das alles verlieh Windows 10 den Ruf, eine Version zu sein, die auf echte Kritik reagierte und Verbesserungen möglichst vielen Nutzern zugänglich machen wollte. Es ist kein Zufall, dass es zur meistgenutzten Windows‑Version seit XP wurde.
Wie Windows 10 den Boden für Windows 11 bereitet hat
Gleichzeitig wurden viele Probleme von Windows 11 bereits unter Windows 10 angelegt.
Von Anfang an wollte Windows 10 mehr Telemetrie – offiziell, um das System zu verbessern und Werbung sowie Empfehlungen zu „personalisieren“. Für viele wirkte es jedoch wie eine weitere Datenschleuder.
Der Schritt zu „Windows as a Service“ beschleunigte die Entwicklung, aber er brachte auch deutlich mehr Brüche mit sich. Funktionsupdates erschienen im festen Takt – und sorgten immer wieder für gravierende Fehler, obwohl große Teile der Community sie vorab testeten.
Hinzu kam der Produkt‑Drang von Microsoft:
- Neue Technologien wie der ursprüngliche Edge‑Browser und Cortana wurden aggressiv beworben und eng in das System integriert – und dann fallen gelassen, als sie sich nicht durchsetzten.
- Spät im Lebenszyklus von Windows 10 tauchte ein Nachrichten‑ und Wetter‑Widget in der Taskleiste auf, das zusätzlichen Lärm und Promotion‑Flächen mitbrachte.
- Der Sperrbildschirm füllte sich mit optisch ansprechenden, aber werbelastigen Inhalten.
- Das Startmenü wurde mit Icons von Drittanbieter‑Apps aus dem Microsoft Store bestückt – häufig simplen, werbefinanzierten Casual‑Games, die der Nutzer nie aktiv installiert hatte.
Auch die oft kritisierte Pflicht zur Anmeldung mit einem Microsoft‑Konto begann nicht mit Windows 11. Unter Windows 10 Home wurden Nutzer bereits in diese Richtung gedrängt – damals noch leichter zu umgehen, aber klar als strategische Linie erkennbar.
Und wer sich an die Upgrade‑Phase von Windows 7/8 auf 10 erinnert, kennt das Muster: Installationsdateien, die sich automatisch herunterladen, hartnäckige Hinweise, die schwer dauerhaft zu deaktivieren sind. Die Grundhaltung „wir wissen es besser, klicken Sie einfach weiter“ war schon vorhanden.
Windows 11: Ein OS, das immer noch mehr will
Windows 11 baut genau auf diesen Fundamenten auf – und setzt noch eine Schicht oben drauf.
Das Microsoft‑Konto steht nun im Zentrum. Seit Version 22H2 erfordern sowohl Home‑ als auch Pro‑Edition bei der Ersteinrichtung eine Internetverbindung und ein Microsoft‑Konto. Umgehungen sind möglich, aber nur für jene, die gezielt nach Workarounds suchen. Der Setup‑Prozess bietet keinen klaren, einfachen Offline‑Weg mehr.
Nach der Anmeldung greift das Upselling: Hinweise auf Microsoft 365, Game Pass und andere Abodienste. Selbst vollständig konfigurierte Systeme werden regelmäßig mit der sogenannten „Second Chance Out‑Of‑Box Experience“ (SCOOBE) konfrontiert – einem weiteren „Einrichtungs“-Dialog, der vor allem weitere Dienste und Features anpreist.
SCOOBE lässt sich deaktivieren, aber nur über eine versteckte Option tief in den Benachrichtigungseinstellungen. Microsoft hat bereits normale System‑Pop‑ups für Produkthinweise – SCOOBE ist eine zusätzliche, explizit darauf ausgerichtete Ebene.
Parallel treibt Microsoft seine generative KI‑Strategie mit voller Kraft voran.
Copilot ist nicht nur ein Icon in der Taskleiste. Microsoft hat die Standard‑Belegung von Windows‑Tastaturen zum ersten Mal seit rund 30 Jahren geändert, um eine eigene Copilot‑Taste unterzubringen. Copilot‑Funktionen sind in Word, Paint, Edge, Notepad und weiteren Anwendungen gelandet. Ein Teil davon lässt sich deinstallieren oder deaktivieren, anderes bleibt dauerhaft präsent.
Besonders umstritten war die Recall‑Funktion für neuere PCs: Sie fertigt in kurzen Abständen Screenshots der Nutzeraktivitäten an und speichert sie, um sie später durchsuchbar zu machen. In ihrer ursprünglichen Ausgestaltung war sie derart unsicher, dass massiver Druck von Nutzern, Medien und Sicherheitsforschern zu einer grundlegenden Überarbeitung führte. Ausgerollt wird sie trotzdem.
Zudem testet Microsoft „agentische“ KI‑Funktionen, die im Betriebssystem aktiv werden und eigenständig handeln können. Schon die offizielle Dokumentation nennt Sicherheits‑ und Datenschutzrisiken – doch auf Management‑Ebene wird die Vision eines „agentic OS“ als beschlossene Sache behandelt.
Die Grenze zwischen „neuer, optionaler Funktion“ und „Zwangsausstattung“ verschwimmt zunehmend.
Strengere Hardware‑Anforderungen und der Eindruck geplanter Obsoleszenz
Parallel dazu schließt Windows 11 viele funktionsfähige PCs schlicht aus.
Das System besteht auf modernen Prozessoren, TPM‑Unterstützung und Funktionen wie Secure Boot. Technisch lässt sich Windows 11 zwar auf deutlich älterer, offiziell nicht unterstützter Hardware installieren, wenn man die Kontrollen umgeht und Risiken akzeptiert. Für typische Anwender lautet die Botschaft aber: Sie brauchen einen neuen Rechner.
Der Sicherheits‑Case ist nicht völlig aus der Luft gegriffen. TPM erleichtert etwa transparente Laufwerksverschlüsselung. Secure Boot erschwert bestimmte Low‑Level‑Angriffe. Prozessorhersteller liefern Firmware‑Patches für Sicherheitslücken nur begrenzt lange, was in Zeiten von Hardware‑Exploits relevant ist.
In der Praxis sehen Nutzer jedoch vor allem eines: Ganzseitige Hinweise auf Windows‑10‑Systemen, die neue Copilot+‑PCs bewerben – selbst dort, wo ein direktes Upgrade auf Windows 11 möglich wäre. Für alle, die ohnehin an „geplante Obsoleszenz“ glauben, bestätigt sich damit das Vorurteil, dass Hard‑ und Software bewusst auf Neukauf getrimmt werden.
Windows 11 hat gute Grundlagen – aber das Drumherum vergrault Nutzer
Das Bittere daran: Windows 11 ist im Kern kein schlechtes Betriebssystem.
In der Enterprise‑Edition tritt es deutlich entschlackter auf: weniger vorinstallierte Apps, weniger Experimente. Genau dort weiß Microsoft, dass es sich zu viel Spielerei nicht leisten kann – Großkunden zahlen für Stabilität, nicht für aggressive Produktplatzierung.
Auch technisch gibt es substanzielle Fortschritte:
- Windows auf Arm hat in Performance und Kompatibilität deutlich aufgeholt.
- WSL ist für Entwickler leistungsfähiger denn je.
- Microsoft reagiert endlich ernsthaft auf den Boom von Handheld‑Gaming‑PCs und baut gezielt Funktionen dafür ein.
Für viele langjährige Windows‑Nutzer fühlt sich die aktuelle „Copilot‑Phase“ dennoch wie ein Tiefpunkt an. Die „Zähmung“ einer frischen Installation – das Entfernen von Ballast, das Abschalten von Hinweisen und fragwürdigen Features – ist inzwischen fester Bestandteil des Einrichtungsprozesses, fast so selbstverständlich wie das Erstellen eines USB‑Installers oder das Nachrüsten von Treibern.
Windows 10 war nie perfekt. Es sammelte Daten, brachte fehlerhafte Updates und drängte Nutzer ebenfalls in Microsoft‑Dienste. Aber es entstand als Antwort auf echtes Nutzerfeedback, wurde breit, günstig und auf vorhandener Hardware verfügbar gemacht – und baute so Vertrauen auf.
Wenn Microsoft die verbliebenen Windows‑10‑Nutzer überzeugen möchte, dass Windows 11 den Wechsel lohnt, ist der Weg klar: weniger Dark Patterns, weniger erzwungene Experimente und mehr Respekt vor der Idee, dass ein Betriebssystem sich möglichst aus dem Weg halten sollte.
Satya Nadellas Microsoft hat schon mehrfach gezeigt, dass es strategisch umsteuern kann. Ein solcher Kurswechsel bei Windows selbst – hin zu einer ruhigeren, aufgeräumteren Standard‑Erfahrung – würde für das Verhältnis zu den Nutzern wahrscheinlich mehr bewirken als jede künftige KI‑Keynote.



