Europas Universitäten haben sich 2025 zu einer Deeptech-Fabrik im Wert von 398 Milliarden US‑Dollar entwickelt.
Laut dem European Spinout Report 2025 von Dealroom haben 76 Deeptech- und Life-Sciences-Spin-offs aus europäischen Hochschulen und Forschungslabors entweder:
- eine Bewertung von 1 Milliarde US‑Dollar oder mehr erreicht oder
- 100 Millionen US‑Dollar oder mehr Jahresumsatz erzielt –
oder beides.
Dieses Portfolio im Wert von 398 Milliarden US‑Dollar zieht massiv Wagniskapital an – obwohl der übrige europäische VC-Markt deutlich unter dem Niveau von 2021 liegt.
Unicorns aus dem Forschungslabor
Auf der Liste stehen Namen, die in der europäischen Tech-Szene längst bekannt sind, unter anderem:
- Iceye (Satellitenbildgebung)
- IQM (Quantencomputing)
- Isar Aerospace (Trägerraketen)
- Synthesia (KI-Video)
- Tekever (Luft- und Raumfahrt/Verteidigung)
Diese Spin-offs haben entweder Unicorn-Status oder den sogenannten Centaur-Status (mehr als 100 Millionen US‑Dollar Umsatz) erreicht und dienen nun als Blaupause für neue, spezialisierte Spin-off-Fonds.
Neue Fonds setzen auf den Campus-Dealflow
Lange dominierten universitätsnahe Vehikel wie Cambridge Innovation Capital und Oxford Science Enterprises den Markt. Diese Pioniere sind inzwischen etablierte Player – und bekommen Gesellschaft.
Allein in diesem Monat sind zwei neue Fonds gestartet:
- PSV Hafnium aus Dänemark hat einen überzeichneten Erstfonds über 60 Millionen Euro für nordische Deeptech-Startups geschlossen.
- U2V (University2Ventures) peilt ebenfalls 60 Millionen Euro für seinen ersten Fonds an und hat das erste Closing bereits abgeschlossen. Die Gesellschaft sitzt in Berlin, London und Aachen.
PSV Hafnium ist selbst ein Spin-off der Technischen Universität Dänemark (DTU) und hat bereits neun Investments in den nordischen Ländern getätigt. Eines davon ist SisuSemi, ein finnisches Startup, das auf Basis von zehn Jahren Forschung an der Universität Turku neue Reinigungstechnologien für die Halbleiterindustrie entwickelt.
In einer Mitteilung heißt es dazu: „The Nordic’s research institutions hold extraordinary, untapped potential.“
Jenseits von Oxbridge und ETH
Der klassische Spin-off-Dealflow in Europa wird zwar weiter von Cambridge, Oxford und der ETH Zürich angeführt, doch Dealrooms Daten zeigen einen langen „Tail“ an Standorten quer durch den Kontinent.
Spezialisierte Labors auch abseits der offensichtlichen Hotspots wandeln ihre Forschungsarbeit zunehmend in Unternehmen um – und Fonds wie PSV Hafnium und U2V versuchen, genau dort frühzeitig Zugang zu bekommen.
Für Gründerteams bedeutet das neben Förderprogrammen, Technologietransfer und besseren Lizenzkonditionen vor allem eins:
- leichteren Zugang zu Seed- und Frühphasen-Kapital und
- Investoren, die die langen Entwicklungszyklen in Deeptech und Life Sciences verstehen.
Kapitalzufluss trotz schwachem Markt
Während der übrige VC-Markt in Europa schwächelt, steigt der Kapitalzufluss in Spin-offs weiter an.
Dealroom erwartet, dass europäische Deeptech- und Life-Sciences-Spin-offs im Jahr 2025 rund 9,1 Milliarden US‑Dollar einwerben – nahe einem Allzeithoch. Gleichzeitig liegt das gesamte VC-Volumen in Europa fast 50 % unter dem Höchststand von 2021.
Große Runden 2025 zeigen die Bandbreite der Themen, etwa bei:
- Proxima Fusion im Bereich Kernenergie und
- Quantum Systems, einem Dual-Use-Drohnenhersteller, der inzwischen mit über 3 Milliarden US‑Dollar bewertet wird.
Auf der Exit-Seite haben sechs Spin-offs aus der Schweiz, dem Vereinigten Königreich und Deutschland ihren Investoren Exits von mehr als 1 Milliarde US‑Dollar beschert. Ein prominentes Beispiel: Oxford Ionics, ein Quantencomputing-Spin-off, wurde vom US-Unternehmen IonQ übernommen.
Engpass Wachstumsfinanzierung
Trotz des starken Frühphasen-Ökosystems bleibt ein altbekanntes Problem ungelöst: Wachstumsfinanzierung.
Die Autoren des Reports betonen, dass dies kein spezifisches Spin-off-Thema, sondern ein strukturelles Problem des europäischen Startup-Ökosystems ist. Im Deeptech- und Life-Sciences-Segment sticht es besonders hervor, weil hier kapitalintensive Hardware, Produktion und Regulierung finanziert werden müssen.
Noch immer stammen knapp 50 % der Spätphasen-Finanzierungen für europäische Deeptech- und Life-Sciences-Spin-offs von Investoren außerhalb Europas, vor allem aus den USA. Der Anteil sinkt zwar, bleibt aber hoch – gemessen an den massiven Investitionen, die Europa in seine eigene Forschungslandschaft steckt.
Solange Europa diese Lücke nicht deutlich schließt, wird ein erheblicher Teil der Wertschöpfung, die in europäischen Laboren entsteht, weiterhin im Ausland realisiert.
Für Gründerinnen und Gründer an Hochschulen von München bis Malmö lautet die Bilanz 2025 daher: Der Zugang zu spezialisierten Frühphasenfonds war noch nie so gut – doch für große Wachstumsrunden führt der Weg oft weiterhin über nicht-europäische Kapitalgeber.



