1. Überschrift und Einstieg
Apple hat etwas getan, was fast nie passiert: iPhones bekommen ein Update, die viele längst als Spielgeräte für Kinder oder als Wecker auf dem Nachttisch abgeschrieben hatten. Auf den ersten Blick wirkt das wie eine charmante Geste zugunsten der Nutzenden. Tatsächlich ist es ein Lehrstück darüber, wie strikt Apple die Lebensdauer seiner Produkte steuert – und wie dieser Steuerungswille zunehmend auf europäische Umweltpolitik, Wettbewerbsrecht und die Sicherheitsbedürfnisse der Nutzerinnen und Nutzer trifft.
Im Folgenden ordnen wir ein, was genau Apple geändert hat, warum das für iMessage und FaceTime relevant ist, welche Rolle geplante Obsoleszenz spielt und was das alles für den europäischen – und speziell den DACH‑Markt – bedeutet.
2. Die Nachricht in Kürze
Wie Ars Technica berichtet, hat Apple überraschend Updates für mehrere längst abgekündigte Versionen von iOS und iPadOS veröffentlicht. Konkret geht es um:
- iOS 12.5.8 für Geräte wie das iPhone 5S und iPhone 6 (2013–2014)
- iOS 15.8.6 für iPhone 6S, iPhone 7, iPad Air 2 und ähnliche Modelle
- iOS 16.7.13 für Geräte, die auf iOS 16 festhängen, etwa iPhone 8 und iPhone X
Diese Updates bringen keine neuen Funktionen und schließen keine bekannten Sicherheitslücken. Laut den Release‑Notes für iOS 12 und 15 wird vielmehr ein sicherheitsrelevantes Zertifikat ausgetauscht, damit iMessage, FaceTime und die Anmeldung mit der Apple‑ID über Januar 2027 hinaus funktionieren, wenn das ursprüngliche Zertifikat ausgelaufen wäre.
Ars Technica erinnert daran, dass iOS 15 und 16 zuletzt Mitte 2025 aktualisiert wurden, iOS 12 bereits Anfang 2023. Das gleiche Zertifikat wird auch in iOS 18.7.4 ersetzt, das weiterhin reguläre Updates erhält. Für Geräte, die auf iOS 17 stehen geblieben sind, gibt es kein entsprechendes Update.
3. Warum das wichtig ist
Formal betrachtet ist das ein unspektakulärer Zertifikatswechsel. Faktisch hat Apple aber gerade eine zentrale Entscheidung über die digitale Nutzungsdauer von Millionen Geräten getroffen.
Mit der Verlängerung der Zertifikate für iMessage, FaceTime und Apple‑ID signalisiert Apple: Diese alten iPhones sind nicht mehr zeitgemäß abgesichert, aber sie dürfen noch ein paar Jahre mit unserem Backend sprechen. Das hat drei wesentliche Effekte.
1. Alte Smartphones werden zu langlebigen Spezialgeräten
Selbst wenn Safari hoffnungslos veraltet ist und die meisten Apps nicht mehr laufen, bleibt ein iPhone 6, das noch iMessages verschickt und FaceTime‑Anrufe annimmt, als Kinderhandy, Großeltern‑Telefon oder Reservegerät auf Reisen nützlich. In Märkten wie Deutschland, Österreich und der Schweiz, wo Geräte traditionell lange genutzt und oft weitergegeben werden, ist das hoch relevant.
2. Die Bindung an das Apple‑Ökosystem überlebt das Support‑Ende
Apple verlängert nicht die Sicherheit, sondern die Ökosystem‑Anbindung. Gerade iMessage ist in den USA, aber zunehmend auch in Europa, ein Lock‑in‑Faktor. Wenn selbst sehr alte iPhones bis mindestens 2027 in iMessage‑Gruppen präsent bleiben, bleiben ihre Besitzerinnen und Besitzer Teil der Apple‑Welt – auch wenn der Rest des Systems veraltet.
3. Apple entscheidet, welche Funktionen zuerst »sterben«
Die Aktion macht deutlich, was viele unterschätzen: Solange ein Gerät auf Apple‑Server angewiesen ist, kann der Hersteller essenzielle Funktionen per Zertifikat oder Protokolländerung ein‑ oder abschalten. Dieses Mal fällt die Entscheidung zugunsten der Nutzer aus. Das ist positiv – zeigt aber zugleich, wie groß die Asymmetrie zwischen Plattformbetreiber und Kundschaft ist.
Gewinnen tun alle, die alte iPhones noch sinnvoll einsetzen wollen: Haushalte, Schulen, Unternehmen mit Bring‑your‑own‑Device‑Altlasten und der Refurbished‑Markt. Verloren haben jene, die hofften, Apple würde die Sicherheitsunterstützung für iOS 12–16 nochmals ausrollen. Das ist ganz offensichtlich nicht der Fall.
4. Der größere Kontext
Im luftleeren Raum wäre dieses Update kaum eine Meldung wert. Im Lichte der letzten Jahre ist es Teil eines größeren Trends.
Zum einen passt es zur Bewegung hin zu längeren Supportzeiträumen. Google und Samsung bewerben ihre aktuellen Flaggschiffe mit bis zu sieben Jahren OS‑ und Sicherheitsupdates. Apple liegt in der Praxis oft ähnlich oder besser, vermeidet aber explizite Zusagen. Jetzt sorgt der Konzern immerhin dafür, dass manche Geräte über ein Jahrzehnt nach Marktstart zumindest bei Apple‑Diensten weiter funktionieren.
Allerdings ist diese Verlängerung sehr selektiv. Surfen auf iOS 12 ist 2026 alles andere als ratsam, Banking‑Apps und viele andere Anwendungen laufen gar nicht mehr. Apple sendet damit die Botschaft: Die Apple‑Marke auf dem Bildschirm bleibt, der Rest darf patinieren.
Zum anderen berührt das die Debatte um geplante Obsoleszenz. Hersteller stehen seit Jahren im Verdacht, Nutzerinnen und Nutzer durch auslaufende Updates zum Neukauf zu drängen. Apple kann nun argumentieren: „Wir kümmern uns sogar um 2013er Modelle“. Doch Verbraucherschützer werden zu Recht entgegnen, dass Sicherheitslücken, nicht nur Dienste‑Zugänge, das entscheidende Kriterium sind.
Schließlich wirft das Update ein Schlaglicht auf die Macht vertikal integrierter Plattformen. Wir kennen ähnliche Fälle: Sonos‑Lautsprecher, die durch geänderte Software praktisch unbrauchbar wurden; Smart‑TVs, deren Streaming‑Apps verschwinden; Android‑Geräte, die abrupt den Zugang zu Google‑Diensten verlieren. Dass Apple diesmal »großzügig« agiert, ändert nichts daran, dass die Kontrolle bei einem privaten Unternehmen liegt – nicht bei den Nutzenden.
5. Die europäische / DACH‑Perspektive
In Europa fällt diese Entscheidung mitten in eine Phase, in der Brüssel den Rahmen für Nachhaltigkeit und Wettbewerb im Digitalsektor neu absteckt.
Auf der Nachhaltigkeitsseite stehen die neuen Ökodesign‑Vorgaben und die Richtlinie zum Recht auf Reparatur, die Hersteller zu längerer Softwareunterstützung und besserer Reparierbarkeit von Smartphones drängen. In Deutschland ist der Markt für generalüberholte iPhones besonders stark – von Berliner Recommerce‑Startups bis hin zu großen Elektronikhändlern, die Refurbished‑Geräte mit Garantie anbieten.
Für Apple ist es politisch hilfreich, nun zeigen zu können, dass ein iPhone 5S oder 6 auch 2027 noch Basis‑Kommunikation bieten kann. Das stützt das Argument, Premiumgeräte hätten eine sehr lange Nutzungsdauer und damit einen geringeren CO₂‑Fußabdruck pro Jahr – in der Logik der EU‑Kreislaufwirtschaft ein Pluspunkt.
Parallel dazu wirkt der Digital Markets Act (DMA). Der DMA verpflichtet sogenannte »Gatekeeper« zu mehr Offenheit und untersagt bestimmte Formen der Selbstbevorzugung. Messaging‑Interoperabilität ist ein zentrales Konfliktthema; ob iMessage komplett unter den DMA fällt, wird noch geprüft. Dass Apple iMessage auf sehr alten Geräten weiterlaufen lässt, macht das System nicht offener, aber es entschärft den Vorwurf, man lasse Alt‑Kunden eiskalt fallen.
Für sicherheitsbewusste Nutzerinnen und Nutzer im DACH‑Raum bleibt die Botschaft ambivalent: Ja, alte iPhones sind als reine Kommunikationsgeräte länger nutzbar. Nein, sie sind nicht wieder „richtig unterstützt“ – insbesondere nicht für Banking, E‑Government oder Unternehmensdaten. Das wird Datenschutzbehörden und IT‑Sicherheitsverantwortliche noch beschäftigen.
6. Ausblick
Was folgt daraus, und worauf sollten wir achten?
1. Von der Gnade zur Verpflichtung?
Spannend wird, ob Apple solche Zertifikatserneuerungen künftig systematisch kommuniziert – etwa mit klaren Tabellen „Sicherheitsupdates bis … / Basisdienste bis …“. Mit den neuen EU‑Vorgaben im Rücken könnten Verbraucherschützer genau das einfordern. Transparenz wäre ein echter Fortschritt.
2. EU‑Regeln als Treiber
Die Ökodesign‑Regeln für Smartphones sehen mehrjährige Sicherheitsupdates als Mindeststandard vor. Wenn diese Vorgaben voll greifen, wird Apple seine Supportstrategie in Europa ohnehin nachschärfen müssen. Die nun sichtbare Trennung zwischen Sicherheits‑ und Dienstesupport könnte dabei ein Baustein werden – oder aber von Regulatoren explizit adressiert werden.
3. Aufklärungsbedarf bei Sicherheit
Es besteht die reale Gefahr, dass Nutzerinnen und Nutzer das Update als „Mein iPhone 6 ist wieder sicher“ interpretieren. Dem ist nicht so. Hier sind nicht nur Apple, sondern auch Händler, Mobilfunkanbieter und Medien gefragt, den Unterschied zwischen »funktioniert noch« und »ist noch sicher« deutlich zu machen. Denkbar wären auch klare In‑OS‑Warnhinweise, wenn ein Gerät zwar noch Online‑Dienste nutzen kann, aber keine Sicherheitsupdates mehr erhält.
4. Fragmentierte iOS‑Landschaft
Die unterschiedliche Behandlung von iOS 12, 15, 16 und 17 zeigt, wie unübersichtlich die Update‑Landschaft geworden ist. Für Unternehmen, Verwaltungen und Schulen in der DACH‑Region, die teils noch ältere iPads im Einsatz haben, wird Lifecycle‑Management immer komplexer. Hier könnten verbindliche Informationspflichten – etwa im Rahmen der EU‑Produktsicherheitsregeln – eine Rolle spielen.
7. Fazit
Das unerwartete Update für Uralt‑iPhones ist für viele Nutzer praktisch und aus Nachhaltigkeitssicht willkommen. Aber es ist kein Akt der Nächstenliebe, sondern ein strategischer Schritt: Apple verlängert gezielt die Bindung an sein Ökosystem und sammelt Pluspunkte gegenüber Regulierern, ohne die kostenintensive Sicherheitsunterstützung wieder aufleben zu lassen.
Wenn ein iPhone von 2013 im Jahr 2027 noch iMessages verschickt – wie lange sollte ein modernes Smartphone dann wirklich unterstützt werden? Und wer definiert diese Grenze künftig: der Hersteller, der Gesetzgeber oder wir als Gesellschaft?



