Für weniger als den Preis eines Mittelklasse-Smartphones könnten Angehörige ab 2027 einen Gramm Asche eines Verstorbenen in den Erdorbit schicken. Das ist das Geschäftsmodell von Space Beyond, einem US-Startup, über das TechCrunch aktuell berichtet.
Hinter der rührenden Idee steckt ein deutlich größerer Trend: Raumfahrt wird zur ganz normalen Konsumdienstleistung – bis hin zu der Frage, wie wir Abschied nehmen. In diesem Kommentar geht es darum, was Space Beyond über die künftige Raumfahrtökonomie, die Bestattungskultur im DACH-Raum und die Rolle europäischer Regulierung aussagt.
Die Nachricht in Kürze
Laut TechCrunch hat das US-Startup Space Beyond einen Launch-Vertrag mit Arrow Science and Technology abgeschlossen. Geplant ist, einen kleinen CubeSat-Satelliten mit Kapseln voller menschlicher Asche im Rahmen eines SpaceX-Falcon‑9-Rideshare-Flugs im Oktober 2027 in die Umlaufbahn zu bringen.
Der CubeSat soll die Asche von bis zu 1.000 Personen transportieren, pro Kunde etwa ein Gramm. Die Einstiegspreise liegen bei 249 US‑Dollar – deutlich unter den Tarifen existierender Anbieter, die meist mehrere tausend Dollar verlangen.
Vorgesehen ist ein sonnensynchroner Orbit in rund 550 Kilometern Höhe. Dort soll der Satellit etwa fünf Jahre verbleiben, bevor er in die Atmosphäre eintritt und zusammen mit der Asche verglüht. Ein aktives Aussetzen der Asche im All ist nicht geplant, um keine zusätzliche Trümmerwolke zu erzeugen. Space Beyond ist eigenfinanziert; Gründer Ryan Mitchell arbeitete zuvor unter anderem am Space-Shuttle-Programm der NASA und bei Blue Origin.
Warum das wichtig ist
Auf den ersten Blick wirkt Space Beyond wie eine skurrile Nische zwischen NewSpace und Lifestyle. Bei näherem Hinsehen berührt das Modell drei zentrale Entwicklungen.
Erstens: Raumfahrt wird retailfähig. Wenn ein Orbital-Gedenkflug 249 Dollar kostet, ist der Zugang zum All nicht mehr allein Staaten, Superreichen oder Raumfahrt-Fans vorbehalten. Er wird Teil der „Experience Economy“, in der man Emotionen bucht statt Produkte – hier einen Ritualmoment unter dem Sternenhimmel.
Zweitens: Das stellt die klassische Bestattungsbranche frontal in Frage. Särge, Urnen, Grabsteine, Floristik – kaum eine Branche arbeitet mit so hohen Margen und so wenig Preistransparenz wie das Bestattungsgewerbe, auch im DACH-Raum. Ein Weltraum-Andenken, das weniger kostet als viele Grabsteine, setzt diese Margen strukturell unter Druck. Bestatter könnten mittelfristig auf die Rolle von Logistikdienstleistern für Kremationen reduziert werden, wenn sie keine eigenen, innovativen Gedenkangebote entwickeln.
Drittens: Das Ganze ist ein Stresstest für unseren Umgang mit der Kommerzialisierung von Trauer. Ein Massensatellit mit 1.000 Verstorbenen klingt poetisch – oder wie eine fabrikartige Abfertigung. Der niedrige Preis funktioniert nur mit Skaleneffekten, also Industrialisierung eines zutiefst persönlichen Moments. Wer hier Vertrauen gewinnen will, muss nachweisen, dass Würde und Transparenz nicht dem Kostenoptimierungs-Excel zum Opfer fallen.
Ohne Frage profitieren zunächst Launch-Anbieter, Sekundärnutzer von Rideshare-Flügen und Familien, die etwas Besonderes suchen. Verlierer sind traditionelle Akteure, die glauben, Digitalisierung ende beim Online-Formular des Bestattungsinstituts.
Der größere Kontext
Space Beyond ist kein Ausreißer, sondern sitzt genau am Schnittpunkt mehrerer Trends.
Auf der Raumfahrtsseite ist das Angebot ein Kind der Rideshare-Revolution. SpaceX-Transporter-Missionen und ähnliche Programme haben die Kosten für den Zugang zum All massiv gesenkt. Der CubeSat-Standard macht aus Satellitenprojekten etwas, das eher an Baukastensysteme erinnert als an einmalige Ingenieursunikate. Sobald Startplätze so weit standardisiert und verbilligt sind, ist es nur eine Frage der Zeit, bis jemand „emotionale Nutzlasten“ wie Weltraumbestattungen skaliert.
Ganz neu ist die Idee nicht: Celestis fliegt seit den 1990ern symbolische Mengen Asche mit Raketen, andere Anbieter wie Elysium Space folgten, Blue Origin und Virgin Galactic bieten suborbitale „Memorial Flights“. Neu ist die bewusste Positionierung als Massenprodukt mit aggressiv niedrigem Preis.
Auf der „Death-Tech“-Seite reiht sich das nahtlos ein. Wir sehen digitale Gedenkseiten, KI-Avatare Verstorbener, biologisch abbaubare Urnen, die zu Bäumen werden, oder Verfahren, die Asche in Diamanten oder Schallplatten verwandeln. Die Raumfahrtvariante ist nur die spektakulärste Verlängerung derselben Logik: Erinnerung als designbare Dienstleistung.
Gleichzeitig erzählt das Modell etwas über den Zustand der Raumfahrt selbst. Wenn Orbitkapazität so knapp wäre wie früher, würde kein rationaler Akteur sie mit symbolischer Fracht „verschwenden“. Dass es heute wirtschaftlich darstellbar ist, zeigt, wie weit die Kommerzialisierung des niedrigen Erdorbits fortgeschritten ist. Das bringt Chancen (Innovation, Zugang) – und Risiken: weitere Fragmentierung der Umlaufbahnen, gesellschaftliche Debatten über „Weltraumschrott durch Ritualnutzung“ inklusive.
Die europäische und DACH-Perspektive
Für Europa und speziell den DACH-Raum ist das Thema heikler, als es zunächst scheint.
Deutschland, die Schweiz und zunehmend auch Österreich haben hohe Kremationsraten, gleichzeitig aber eine ausgeprägte Friedhofskultur und ein starkes Bewusstsein für Datenschutz und Umweltstandards. Eine Weltraumbestattung für umgerechnet gut 230–250 Euro könnte viele ansprechen, die ohnehin ein Urnenbegräbnis wählen, aber einen individuelleren Akzent setzen wollen.
Regulatorisch ist der Fall komplex. Formal handelt es sich um eine Raumfahrtaktivität mit menschlichen Überresten als Nutzlast. Nationale Raumfahrtgesetze – etwa das geplante deutsche Weltraumgesetz – würden hier greifen, falls ein europäischer Anbieter ins Spiel kommt. Parallel gelten Verbraucherschutzrecht, AGB-Kontrolle, womöglich Bestattungsrecht der Bundesländer und die Nachhaltigkeitsziele im Rahmen des Green Deal.
Die EU diskutiert zudem über eine eigene Weltraumverordnung; die ESA und nationale Agenturen wie DLR beobachten Weltraummüll sehr kritisch. Zwar erzeugt ein einzelner CubeSat, der nach fünf Jahren kontrolliert verglüht, kaum zusätzliche Risiken, aber wenn das Modell boomt, stehen plötzlich dutzende „Gedenksatelliten“ gleichzeitig im Orbit. Dann wird die Frage nach Obergrenzen und Auflagen politisch.
Auf der Marktseite stellt sich die Frage: Entsteht eine europäische Alternative? Mit Ariane 6, Vega, deutschen NewSpace-Trägern wie Isar Aerospace oder Rocket Factory Augsburg und künftigen Weltraumbahnhöfen (SaxaVord, Andøya, Portugal) wäre die Infrastruktur da. Ein „EU-konformes“, streng reguliertes und ökologisch bilanziertes Weltraumbestattungsangebot wäre theoretisch gut positioniert – wenn wir gesellschaftlich akzeptieren, dass der Orbit temporär zum Friedhof wird.
Blick nach vorn
Bis zum geplanten Start 2027 werden sich mehrere Konfliktlinien abzeichnen.
Erstens: Vertrauen und Fehlerkultur. Ein Fehlstart ist für eine Telekommunikationsnutzlast ein finanzielles Problem, für 1.000 Trauernde ein emotionales Fiasko. Anbieter wie Space Beyond brauchen nicht nur technisch robuste Konzepte, sondern auch glaubwürdige Szenarien für Verzögerungen, Fehlstarts oder frühzeitigen Ausfall. Wie wird kommuniziert? Welche Alternativen werden angeboten (Ersatzflug, symbolische Gedenkhandlung)?
Zweitens: Produktlogik. Ein 249‑Dollar-Einstiegstarif schreit nach Upselling: bessere Orbitlagen, längere Missionsdauern, individuelle Minisatelliten, AR‑Apps, die den Überflug des Satelliten sichtbar machen. In Maßen kann das helfen, aus dem Orbitflug einen eingebetteten Trauermoment zu machen. Im Extremfall landen wir bei einem Abo-Modell für Trauer, inklusive Push-Nachrichten „Ihr Angehöriger fliegt gerade über Berlin“ – eine Vorstellung, die vielen DACH-Kundinnen und -Kunden eher suspekt sein dürfte.
Drittens: Wettbewerb und Regulierung. Wenn sich zeigt, dass der Markt real ist, wird es Imitatoren geben – auch im Haustierbereich oder mit nationalen Symboliken. Dann stellt sich die Frage nach Standards: Wie werden menschliche Überreste klassifiziert? Welche Transparenzpflichten gibt es zur Orbithöhe, Lebensdauer und zum Wiedereintritt? Welche Rolle spielen Aufsichtsbehörden – von Raumfahrtagenturen bis zu Verbraucherzentralen?
Meine Prognose: Anfang der 2030er wird die Weltraumbestattung eine sichtbare, aber kleine Nische des Bestattungsmarkts sein. Seriöse Anbieter werden sich über drei Dinge differenzieren müssen: ökologische Glaubwürdigkeit (inklusive CO₂-Bilanz des Launches), technische Zuverlässigkeit und die Einbettung in eine würdige Trauerkultur, die auch ohne Rakete funktioniert.
Fazit
Die 249‑Dollar‑Weltraumbestattung von Space Beyond ist weniger Kuriosität als Symptom: Wenn selbst Trauerfeiern zum Rideshare-Produkt werden, ist der Schritt zur vollständig durchkommerzialisierten Raumfahrtökonomie vollzogen. Das kann tröstlich sein – im Sinne eines demokratisierten Zugangs – oder tief verstörend. Entscheidend ist, welche Leitplanken wir in Europa setzen: Welche Mindeststandards an Würde, Transparenz und Nachhaltigkeit verlangen wir, bevor der Orbit zum temporären Friedhof unserer Zivilisation wird?



