Der CES 2026 in Las Vegas macht eine Sache deutlich: Künstliche Intelligenz verlässt den Bildschirm und zieht in Hardware ein.
Ob Roboter, Fahrzeuge, Wearables oder Fernseher – überall wird KI direkt in Produkte integriert. Nvidia und AMD nutzen die Messe für große KI‑Ankündigungen, Amazon und Google sprechen darüber, wie ihre Systeme die physische Welt steuern sollen.
Ein Überblick über die spannendsten Themen bislang.
Vocci: Ein Notiz‑Ring mit acht Stunden Aufnahmezeit
Der Trend zu KI‑Ringen für Mitschriften geht weiter. Nach frühen Konzepten von Sandbar und Pebble zeigt Vocci auf dem CES einen Ring, der direkt gegen Plaud antritt.
Der Ring soll:
- Sprache in bis zu 5 Metern Entfernung aufzeichnen
- bis zu 8 Stunden ununterbrochen aufnehmen
- über ein Ladeetui zusätzliche Akkulaufzeit erhalten
- in den kommenden Wochen in die Vorbestellung gehen
- nach Q1 2026 ausgeliefert werden
- weniger als 200 US‑Dollar kosten, so Vocci
Offiziell ist das Produkt noch nicht gestartet, signalisiert aber, dass KI‑gestützte Notizgeräte zu einer eigenen Hardware‑Kategorie werden.
Backbone plant den Schritt über Smartphone‑Controller hinaus
Der Gaming‑Hersteller Backbone ist mit seinem neueren Controller Backbone Pro auf dem CES vertreten. Hinter den Kulissen deutet sich jedoch eine strategische Erweiterung an.
Gründer und CEO Maneet Khaira trifft sich in Las Vegas mit Partnern und Entwicklern. Konkrete Pläne will Backbone noch nicht verraten, intern wird 2026 jedoch als "nächste Phase" gesehen – über den reinen Verkauf von Mobile‑Controllern hinaus.
Festkörperbatterie für EVs mit 5‑Minuten‑Ladung
Eine der ambitioniertesten Ankündigungen kommt vom finnischen E‑Mobility‑Startup Donut Lab, benannt nach seinem donutförmigen In‑Wheel‑Motor.
Auf dem CES stellte Donut nach eigenen Angaben die erste Festkörperbatterie (Solid‑State Battery, SSB) für die Fahrzeugproduktion vor:
- Festkörper‑ statt Flüssigelektrolyt
- höhere Energiedichte und geringere Degradation als klassische Lithium‑Ionen‑Zellen
- bis zu 600 Kilometer Reichweite mit der Long‑Range‑Variante, so das Unternehmen
- vollständige Ladung in etwa fünf Minuten, abhängig vom Fahrzeug
- keine brennbaren Flüssigkeiten, höhere Stabilität bei extremen Temperaturen und reduziertes Brandrisiko
Donut ist eine Tochter von Verge Motorcycles. Donut‑Mitgründer und CEO ist Marko Lehtimaki, Mitgründer und ehemaliger CTO von Verge sowie Gründer des No‑Code‑Startups AppGyver, das 2021 von SAP übernommen wurde.
Die neuen SSBs sollen zunächst in die Motorräder Verge TS Pro und Verge TS Ultra integriert werden, und zwar bereits Anfang dieses Jahres. Weitere Partnerfahrzeuge sollen folgen.
Ford: KI‑Assistent und Fahrassistenz mit „Eyes‑Off“‑Ziel
Ford verzichtet dieses Jahr auf einen großen Messestand, nutzt den CES aber dennoch für wichtige KI‑Signale.
In einer Session namens „Great Minds“ skizzierte der Hersteller:
- einen neuen KI‑Assistenten, der zunächst in der Smartphone‑App von Ford startet und 2027 in Fahrzeuge einziehen soll
- eine nächste Generation des Fahrassistenzsystems BlueCruise, die günstiger zu produzieren und gleichzeitig leistungsfähiger sein soll
Nach Berichten von der Messe peilt Ford an, mit BlueCruise bis 2028 ein echtes „Eyes‑Off“‑Fahren zu ermöglichen – vorbehaltlich technischer und regulatorischer Freigaben.
Entertainment: Streaming‑Strategien und Kritik am KI‑Geschäftsmodell
Auch in Hollywood sorgt KI für hitzige Debatten.
Auf dem Variety Entertainment Summit beim CES sagte Joseph Gordon‑Levitt – Schauspieler und Gründer von HitRecord (2022 an MasterClass verkauft) –, das Problem liege „nicht unbedingt in der Technologie selbst, sondern in den geschäftlichen Anreizen“ der großen KI‑Unternehmen. Er kritisierte, dass LLMs auf „allem, worin Menschen ihre Zeit, Energie und Arbeit investiert haben“ trainiert wurden, und forderte Einwilligung und Vergütung für diese Daten. Das Publikum applaudierte mehrfach. Gordon‑Levitt dreht derzeit einen KI‑Thriller für Netflix mit Rachel McAdams in der Hauptrolle.
Darren Schillace, CMO von Fox Entertainment, erläuterte, wie Fox in der Streaming‑Ära Reichweite aufbaut. Am Beispiel der Serie „Doc“ zeigte er, dass die Show zunächst im Broadcast lief und dort ein älteres Publikum erreichte. Danach kam sie auf Plattformen wie Hulu und Netflix, um jüngere Zielgruppen zu gewinnen. „Wir werden die jüngeren Generationen niemals dazu bringen, ein Netzwerk – ein Broadcast‑Netzwerk – zu schauen“, sagte er und erklärte, die erste Staffel auf Netflix habe „eine wahnsinnige Menge neuer Fans“ gebracht. Fox formatiert einige Inhalte sogar für YouTube um; entscheidend sei die Gesamtzahl der Zuschauer über alle Generationen hinweg, nicht der Kanal.
Warum Walmart Vizio für 2,3 Milliarden Dollar übernommen hat
Mike O’Donnell, VP von Vizio bei Walmart, brachte die Motivation für die Vizio‑Übernahme im Jahr 2024 auf den Punkt: Daten, genauer ACR‑Daten (Automatic Content Recognition).
Diese Daten aus Smart‑TVs zeigen, was Zuschauer über Kabel, Streaming und andere Quellen ansehen. O’Donnell erklärte, Walmart könne nun:
- verstehen, was, wie und wie oft Menschen Inhalte sehen, und
- diese Viewership‑Daten mit Walmart‑Daten über Kaufverhalten verknüpfen,
um so eine „Full‑Funnel‑Attribution“ für Werbetreibende zu ermöglichen und letztlich – so die offizielle Lesart – ein besseres Nutzererlebnis zu schaffen.
Für Konsumentinnen und Konsumenten ist das eine klare Erinnerung daran, dass der Fernseher im Wohnzimmer längst ein Datensensor ist.
Wearables und Konferenztechnik: Geräte, die ständig zuhören
Trotz des Scheiterns der Humane‑Ansteck‑KI bleibt das Konzept von Kamera‑ und Mikrofon‑Wearables lebendig.
- Startups wie Looki und Memories.ai arbeiten bereits an entsprechenden Pins.
- Lenovo steigt über Motorola mit einem experimentellen Gerät unter dem Codenamen Project Maxwell ein. Der Assistent soll die Umgebung kontinuierlich hören und erfassen, um darauf basierend Empfehlungen und Einblicke zu liefern.
Lenovo hat bisher keine Details zum Datenschutz genannt, und das Gerät ist ausdrücklich nur ein Konzept – ohne Zusage einer Markteinführung. Ein „Always‑On“‑Wearable dürfte im Ernstfall intensiven regulatorischen und öffentlichen Prüfungen ausgesetzt sein.
Im Meetingraum wiederum setzt Viaim an. Das Unternehmen, bekannt für kabellose KI‑Ohrhörer mit Live‑Transkription und Geräuschunterdrückung, präsentiert einen akkubetriebenen KI‑Speaker, der:
- per Gestensteuerung den Kameraausschnitt wechseln kann
- Meetings transkribiert und übersetzt
- unabhängig vom Stromnetz über Akku läuft
Mikromobilität und Familienorganisation am Rand der großen Bühnen
Die Mikromobilität ist auf dem diesjährigen CES eher schwach vertreten, doch ein Hersteller sticht heraus: Infinite Machine aus Brooklyn. Deren P1‑Scooter mit kantigem, Cybertruck‑ähnlichem Design und a16z‑Backing sorgt seit zwei Jahren für Aufmerksamkeit. Erste Testfahrten in Las Vegas zeigen, dass der Roller nicht nur gut aussieht, sondern auch fahrdynamisch überzeugt und Spaß macht.
Im Smart‑Home‑Segment erweitert Skylight seinen Fokus von digitalen Bilderrahmen hin zu Alltagsorganisation. Der neue Skylight Calendar 2 positioniert sich zwischen dem ursprünglichen 15‑Zoll‑Kalender und dem 27‑Zoll‑Modell Calendar Max. Er unterstützt geteilte Kalender, To‑Do‑Listen und Meal‑Planning‑Tools; wechselbare Rahmenfarben sollen dafür sorgen, dass das Display besser ins Wohnambiente passt.
Tag 3 des CES: Weniger Top‑Manager, volle Messehallen
Traditionell reisen viele Top‑Manager bis zum dritten Messetag ab – 2026 ist das nicht anders. Dennoch ist im Eureka Park, dem Startup‑Bereich des CES, kaum ein Durchkommen. Auch die Hallen des Las Vegas Convention Center bleiben voll, während Hunderte junger und etablierter Unternehmen um Aufmerksamkeit ringen – in einem Jahr, das klar von physischer KI, Robotik und neuer Hardware geprägt ist.


