Auf den jüngsten Demo Days von Y Combinator fällt ein Detail in vielen Pitch‑Decks besonders auf: Gründer stellen sich explizit als „College Dropout“ vor. Was früher als peinliche Fußnote galt, wird heute als Auszeichnung verkauft.
Das steht im Widerspruch zu den Daten. Mehrere Studien zeigen, dass die große Mehrheit erfolgreicher Startups von Gründern mit Bachelor‑ oder weiterführenden Abschlüssen geführt wird. Die Legenden Steve Jobs, Bill Gates und Mark Zuckerberg sind eher Ausnahme als Regel.
Trotzdem erlebt der Dropout‑Mythos im Zuge des KI‑Booms ein Comeback.
Abbruch als Signal für „Total Commitment“
Katie Jacobs Stanton, Gründerin und General Partner bei Moxxie Ventures, beobachtet den Trend direkt in den YC‑Kohorten.
„Ich glaube nicht, dass YC den Dropout‑Status formell erfasst, aber anekdotisch war ich in den letzten Batches überrascht, wie viele Gründer hervorheben, dass sie die Uni, die Grad‑School oder sogar die Highschool abgebrochen haben“, sagt sie.
In ihren Augen ist das längst eine eigene Art von Qualifikation:
„Ein Dropout zu sein ist eine Art Credential für sich, das eine tiefe Überzeugung und Hingabe zum Bauen widerspiegelt. Ich glaube, es wird im Venture‑Ökosystem als etwas sehr Positives wahrgenommen.“
Die Botschaft: Wer sein Studium wegwirft, beweist Ernsthaftigkeit. Kein Sicherheitsnetz, nur noch Startup.
KI‑Hype, FOMO und die Angst, das Fenster zu verpassen
Den stärksten Druck erzeugt derzeit der KI‑Hype. Viele angehende Gründer glauben, dass genau jetzt das entscheidende Zeitfenster ist – und dass ein Abschluss sie nur ausbremst.
Bemerkenswert: Einige der Protagonisten der aktuellen KI‑Welle sind bewusst geblieben. Cursor‑CEO Michael Truell hat am MIT abgeschlossen. Scott Wu, Mitgründer von Cognition, hat seinen Abschluss in Harvard gemacht.
Andere springen.
Brendan Foody brach sein Studium an der renommierten Georgetown University ab, um den Startup Mercor aufzubauen. Kulveer Taggar, Gründer des YC‑fokussierten Fonds Phosphor Capital, beschrieb die Stimmung gegenüber TechCrunch als Mischung aus Dringlichkeit und FOMO:
„Da ist dieses Gefühl von Dringlichkeit und vielleicht FOMO.“
Die Rechnung lautet derzeit: „Ich kann mein Studium beenden, oder ich kann einfach anfangen zu bauen.“
Wie weit das gehen kann, zeigt ein Extremfall: Ein Professor einer Elite‑Universität schilderte einen Studenten, der im letzten Semester abgebrochen hat – aus der Überzeugung heraus, dass ein Diplom seine Funding‑Chancen sogar verschlechtern würde.
Was Investoren wirklich interessiert
Viele Investoren sehen das deutlich nüchterner.
Yuri Sagalov, der bei General Catalyst die Seed‑Strategie verantwortet, sagt, dass der Dropout‑Stempel für ihn weit weniger wichtig ist, als Gründer glauben – insbesondere bei Studierenden kurz vor dem Abschluss.
„Ich glaube nicht, dass ich mich je anders über jemanden gefühlt habe, je nachdem, ob er graduiert hat oder nicht, wenn er im vierten Jahr ist und abbricht“, sagt er.
Trotzdem hält er den Uni‑Besuch an sich für wertvoll:
„Sie bekommen viel von dem sozialen Wert … weil Sie angeben können, dass Sie teilgenommen haben“, so Sagalov.
Und am Ende entscheidet sowieso der schnelle Online‑Check:
„Die meisten Leute schauen Sie auf LinkedIn nach und es ist ihnen nicht so wichtig, ob Sie fertig geworden sind oder nicht.“
Mit anderen Worten: Netzwerk und Markenname der Hochschule bleiben – auch ohne Abschlusszeugnis.
Junges Talent vs. gezeichnete Erfahrung
Zwar sind immer mehr VCs bereit, auf Gründer ohne Abschluss zu setzen. Aber nicht alle glauben, dass sehr junge Gründer im aktuellen Markt im Vorteil sind.
Wesley Chan, Mitgründer von FPV Ventures, legt den Fokus auf eine Eigenschaft, die viele Dropouts schlicht noch nicht haben: Weisheit.
Nach seiner Erfahrung findet man diese häufiger bei „älteren Gründern oder Menschen, die schon ein paar Narben gesammelt haben“. Produktflops, Teamkonflikte, harte Board‑Meetings – diese Lernkurve lässt sich nicht mit einem eindrucksvollen KI‑Demo abkürzen.
Was bleibt vom Dropout‑Mythos?
Unterm Strich fungiert „College Dropout“ derzeit vor allem als schnelles Signal: jemand ist bereit, Konventionen zu brechen und alles auf eine Karte zu setzen. Für Investorinnen wie Stanton ist das ein Pluspunkt. Andere wie Chan werten geerdete Erfahrung höher als jugendlichen Radikalismus.
Ob Sie im Lebenslauf also einen Abschluss oder einen Abbruch stehen haben, wird selten allein den Ausschlag geben. Entscheidend bleibt, was Sie tatsächlich gebaut haben – und welche Menschen Sie auf diesem Weg von sich überzeugen konnten.



