Davos wird zur Tech-Konferenz: Wie KI die Machtverhältnisse neu ordnet
Wenn das Jahrestreffen des Weltwirtschaftsforums eher wie ein CES im Schnee wirkt als wie ein klassischer Politikgipfel, hat sich etwas Grundlegendes verschoben. In Davos 2026 dominierte nicht mehr die Frage nach Klimazielen oder Schuldenkrisen, sondern künstliche Intelligenz – sichtbar auf der Promenade mit Meta- und Salesforce-Logos, spürbar in praktisch jedem Panel. Das ist kein Zufall, sondern Ausdruck einer tektonischen Machtverschiebung hin zu einigen wenigen Tech- und KI-Akteuren. Im Folgenden analysieren wir, wie Davos zur de facto Tech-Konferenz geworden ist, wer davon profitiert, wer verliert – und welche besondere Rolle Europa und der DACH-Raum in diesem neuen Gefüge spielen.
Die Nachricht in Kürze
Laut der Davos-Berichterstattung des TechCrunch-Podcasts Equity fühlte sich das diesjährige Jahrestreffen des Weltwirtschaftsforums deutlich anders an als früher. Große Tech-Konzerne wie Meta und Salesforce mieteten prominente Flächen entlang der Hauptpromenade und verwandelten sie in gebrandete „Häuser“, die eher an Technologiemessen erinnern als an ein politisches Forum.
Nach Angaben von Equity war künstliche Intelligenz das beherrschende Thema der Woche. Traditionelle Davos-Schwerpunkte wie Klimawandel, globale Armut oder Finanzstabilität rückten in den Hintergrund. Führende Manager aus Tech- und Finanzwelt diskutierten vor allem die wirtschaftlichen Folgen von KI, warnten vor Übertreibungen an den Märkten und spekulierten über ein mögliches Platzen von Bewertungsblasen. Einige CEOs nahmen die Gelegenheit zum offenen Widerspruch gegenüber Handels- und Industriepolitiken wahr, die sie als wettbewerbsverzerrend empfinden.
Parallel dazu hob Equity eine Reihe frischer Finanzierungsrunden hervor – von Robotik bis zu neuen KI-Startups – und verstärkte so den Eindruck, dass Davos zunehmend als Bühne der Tech-Industrie fungiert.
Warum das wichtig ist
Die Verwandlung von Davos in eine Tech-Konferenz ist mehr als ein PR-Detail. Sie signalisiert, wo heute wirtschaftliche und politische Macht gebündelt ist. Wenn KI-Gründer und Plattform-CEOs mehr Aufmerksamkeit erhalten als Notenbankchefs oder Klimaforscher, zeigt das, wen Regierungen beeindrucken müssen – und vor wessen Einfluss sie sich faktisch fürchten.
Die offensichtlichsten Gewinner sind die großen, überwiegend US-amerikanischen Plattformunternehmen und führenden KI-Labs. Sie erhalten im engen Raum von Davos direkten Zugang zu Regierungschefs, Ministern und EU-Kommissaren – und damit die Chance, Diskurse über „verantwortungsvolle KI“ in ihrem Sinne zu rahmen. Jede geschlossene Runde zu KI-Regulierung ist auch eine Verhandlung darüber, wie stark genau diese Player künftig begrenzt oder privilegiert werden.
Profitieren tun jedoch auch Startups und Wagniskapitalgeber. Die informellen Absprachen, die früher Ölkonzerne, Banken oder Telekoms betrafen, drehen sich heute um Chips, Modelle und Datenräume. Für junge Unternehmen aus den Bereichen KI, Robotik oder Cloud-Infrastruktur kann ein Abendessen in Davos mehr bewirken als ein halbes Jahr Messeauftritte.
Die Verlierer sind weniger sichtbar: NGOs, Gewerkschaften, Vertreter des Globalen Südens oder klassische Entwicklungsorganisationen. Ihre Themen werden entweder an den Rand gedrängt oder auf technologische Lösungsnarrative reduziert – „Wir machen eine Plattform dafür“ statt harter Fragen nach Umverteilung, Machtasymmetrien und demokratischer Kontrolle. Wenn alles zur KI-Anwendungsfrage wird, geraten strukturelle Konflikte schnell aus dem Blick.
Die größere Perspektive
Davos hatte schon mehrere Technologiewellen: dotcom-Euphorie, Finanztech, Blockchain, „Metaverse“. Der Unterschied 2026: KI ist kein Nischenthema, sondern der gemeinsame Nenner fast aller Sitzungen. Man kann Krypto-Panels ignorieren, aber nicht die Frage, wie generative KI Lieferketten, Medien, Bildung oder Rüstung verändert.
TechCrunch berichtet aus Davos zudem über einen bemerkenswerten Konflikt: Ein KI-CEO kritisierte öffentlich die Abhängigkeit der Branche von Nvidia und dessen Marktmacht bei Beschleunigerchips. Das passt ins Bild. Ging es 2009 um Banken, die „too big to fail“ waren, geht es 2026 um Infrastrukturunternehmen – Cloud, Chips, Modelle –, die „too central to regulate easily, but too powerful to ignore“ sind.
Gleichzeitig fügt sich Davos in eine globale Dynamik der letzten 18–24 Monate ein:
- Der britische KI-Sicherheitsgipfel in Bletchley Park und die Folgegipfel,
- die US-Executive Order zu KI,
- der EU AI Act, flankiert von DSGVO, DSA, DMA und Data Act.
Davos ist der Ort, an dem diese Regulierungsströme auf die Industrie treffen, die sie adressieren. Anders als bei CES oder der IFA geht es hier nicht primär um Produktshows, sondern um Deutungshoheit: Wer definiert „sichere KI“? Was gilt als „strategische Abhängigkeit“ von US- oder China-Clouds? Und wie viel Risiko akzeptiert die Politik für den versprochenen Produktivitätsschub?
Historisch spiegelt Davos die dominanten Sorgen der globalen Elite: erst Finanzkrisen, dann Ungleichheit, Klima, Pandemie. Dass Technologie – genauer: KI – nun zum Oberthema geworden ist, zeigt, dass Digitalisierung nicht mehr ein Sektor unter vielen ist, sondern die Infrastruktur, über die alle anderen Sektoren laufen.
Die europäische und DACH-Perspektive
Für Europa ist Davos 2026 zugleich Erfolg und Warnsignal. Erfolg, weil europäische Regulierung auf der Agenda allgegenwärtig ist. Kein großes AI-Unternehmen kann seine Roadmap planen, ohne DSGVO, DSA, DMA und vor allem den AI Act mitzudenken. Die „Brussels Effect“-These – dass EU-Regeln global Standards setzen – erlebt in Davos eine Art Live-Demonstration.
Das Warnsignal: Die sichtbarsten Tech-Marken sind amerikanisch, ergänzt um einige chinesische Player in Hardware und Telekommunikation. Europäische Schwergewichte wie SAP, Siemens, ASML oder auch deutsche und französische KI-Scale-ups sind zwar vor Ort, prägen aber nicht den Ton der Debatten. Europa kommt häufig als Regulierer vor, seltener als Innovator in der Spitzenliga der generativen KI.
Für den DACH-Raum ist das besonders heikel. Deutschland, Österreich und die Schweiz verfügen über eine starke industrielle Basis und exzellente Forschung – von Fraunhofer über Max-Planck-Institute bis zu ETH Zürich. Viele Mittelständler ringen gerade mit der Frage, wie sie KI in ihre Prozesse integrieren. Doch in Davos dominieren die Anbieter, nicht die Anwender.
Hier liegt zugleich eine Chance. Europäische Industrie- und Mittelstandsverbände könnten Davos nutzen, um gemeinsam mit der Politik für offene Ökosysteme zu werben: interoperable Standards, europäische Cloud- und HPC-Initiativen, Datenräume nach dem GAIA-X-Gedanken. Gelingt das nicht, droht eine dauerhafte Abhängigkeit von einigen wenigen US-Hyperscalern und proprietären KI-Stacks.
Blick nach vorn
Sofern es nicht zu einem abrupten Ende des KI-Booms oder zu einer schweren geopolitischen Eskalation kommt, wird Davos in den nächsten drei bis fünf Jahren klar tech-dominiert bleiben. KI, Chips und digitale Souveränität sind zu Kernfragen der Sicherheits- und Industriepolitik geworden.
Entscheidend wird sein, ob das WEF seine Agenda wieder breiter aufstellt oder ob andere Themen dauerhaft durch die „KI-Brille“ betrachtet werden. Wenn Klima- und Verteilungsfragen nur noch als Unterkategorie von „Tech-Lösungen“ vorkommen, verliert Davos seine Rolle als umfassendes Reflexionsforum und wird zum Governance-Track des digitalen Kapitalismus.
Beobachten sollte man mehrere Signale:
- Themensetzung: Bekommen Klima, Biodiversität, Arbeitsmärkte eigenständige, starke Tracks – oder werden sie in „AI for Climate“, „AI for Jobs“ aufgelöst?
- Akteursvielfalt: Tauchen neben US-Plattformen verstärkt europäische Cloud-Anbieter, Open-Source-Konsortien oder Allianzen des Globalen Südens an der Promenade und auf Panels auf?
- Umsetzung: Werden die in Davos verkündeten Selbstverpflichtungen zu KI-Sicherheit, Transparenz und Rechenschaft durch EU-Recht, nationale Gesetze und reale Aufsicht untermauert – idealerweise bis 2027?
Für europäische und insbesondere deutschsprachige Akteure – von Berliner Startups bis zu Schweizer Versicherern – stellt sich die strategische Frage: Nutzen Sie Davos primär als Schaufenster, als Lobby-Plattform oder als Ort, an dem Allianzen für alternative, offenere Tech-Modelle geschmiedet werden können?
Das Fazit
Davos ist nicht zufällig zur Tech-Konferenz geworden; das Forum folgt der Macht, und die liegt heute bei Software, Daten und Halbleitern. Diese Fokussierung ist einerseits überfällig, andererseits gefährlich, wenn sie Klima, soziale Fragen und demokratische Kontrolle an den Rand drängt. Europa – und speziell der DACH-Raum – sollte die tech-lastige Davos-Bühne nutzen, um mehr zu fordern als schöne KI-Rhetorik: echte Zusagen zu Wettbewerb, Interoperabilität und Rechenschaftspflicht. Wenn die globale Elite sich jeden Januar über KI austauscht – welche konkreten Ergebnisse erwarten wir dann im Februar?



