1. Überschrift und Einstieg
Unsere Augen sind zum Nadelöhr der digitalen Arbeitswelt geworden. Stundenlange Bildschirmarbeit ist in Deutschland, Österreich und der Schweiz längst Normalität – doch beim Thema Augengesundheit dominieren noch immer Blaulichtfilter und Pausentipps aus der Ergonomie‑Broschüre. Das südkoreanische Startup Edenlux will genau hier ansetzen und mit Eyeary ein neues Hardware‑Segment schaffen: „Seh‑Wellness“ für den Alltag. Der bevorstehende US‑Start ist weit mehr als nur eine weitere Crowdfunding‑Kampagne. Er ist ein Testlauf für die Frage, ob wir unsere Augen künftig so aktiv trainieren werden wie Herz‑Kreislauf und Schlaf – und wie sich das mit europäischer Regulierung und Datenschutz verträgt.
2. Die Nachricht in Kürze
Laut TechCrunch bereitet Edenlux den Markteintritt seines zweiten Augen‑Wellness‑Produkts Eyeary in den USA vor. Der Launch soll gegen Ende März über eine Kampagne auf Indiegogo erfolgen. Eyeary wird als Gerät zur täglichen „visuellen Erholung“ positioniert, das insbesondere bei bildschirmbedingter Ermüdung helfen soll. In den USA läuft das Produkt unter der Wellness‑Kategorie der Food and Drug Administration (FDA); es darf also für Training und allgemeine Augengesundheit beworben werden, nicht jedoch als medizinische Behandlung.
Eyeary folgt auf Otus, ein seit 2022 in Südkorea, Singapur, Japan und Taiwan erhältliches, VR‑ähnliches Headset. TechCrunch zufolge hat Otus bislang rund 10 Millionen US‑Dollar Umsatz erzielt. Eyeary verkleinert das Konzept zu einer Brille mit 144 einstellbaren Fokus‑Stufen (Otus bietet fünf), um die Akkommodationsmuskulatur präziser anzusprechen. Die Brille verbindet sich per Bluetooth mit einer App, die Nutzungsdaten an Edenlux‑Server sendet. Dort passen KI‑Modelle Trainingspläne an unterschiedliche Alters‑ und Sehprofile an. Edenlux hat 2020 eine Series‑A‑Finanzierungsrunde über 39 Millionen US‑Dollar und 2022 eine Series B über 60 Millionen US‑Dollar abgeschlossen und zudem eine US‑Tochter in Dallas für die Endmontage gegründet.
3. Warum das wichtig ist
Eyeary ist spannend, weil es an einer systemischen Schwachstelle ansetzt: Moderne Augenmedizin ist hervorragend darin, Krankheiten zu behandeln und Fehlsichtigkeit zu korrigieren – aber schlecht darin, den Alltag zwischen zwei Arztterminen abzudecken. Genau dort verbringt ein typischer Wissensarbeiter jedoch jeden Tag viele Stunden vor dem Bildschirm.
Für Unternehmen und Beschäftigte in der DACH‑Region ist das längst ein produktives Problem. Kopfschmerzen, trockene Augen, Schwierigkeiten beim Umfokussieren vom Monitor auf die Ferne – all das schlägt auf Konzentration und Arbeitsqualität durch. Bisherige Lösungen sind entweder extrem niedrigschwellig (Bildschirmbrille, Augentropfen, Pausen) oder klar medizinisch (Diagnostik beim Augenarzt). Edenlux versucht, eine Zwischenschicht einzuziehen: ein strukturiertes, datengetriebenes Training der Ziliarmuskulatur, das in den Alltag integrierbar ist.
Dabei ist die Positionierung als Wellness‑Produkt ein doppelter Schachzug. Einerseits senkt sie die regulatorische Hürde für den Markteintritt in den USA und erlaubt rasche Iteration. Andererseits verschiebt sie die Verantwortung für Wirksamkeit und richtige Anwendung stärker zum Nutzer – und zu dessen Erwartungsmanagement. Wer mehrere Hundert Euro für eine spezialisierte Brille ausgibt, will mehr als vage Entspannungsversprechen. Ohne nachvollziehbare Resultate wird die Kategorie schnell als „teurer Placebo‑Gadget“ abgestempelt.
Profiteure eines funktionierenden Ansatzes wären nicht nur Einzelpersonen, sondern auch Arbeitgeber und Krankenkassen: weniger Ausfalltage, höhere Produktivität, perspektivisch vielleicht sogar verzögertes Ansteigen von Lesedioptrien. In Bedrängnis geraten könnten Anbieter einfacher, wissenschaftlich kaum fundierter „Augentrainingsgeräte“ sowie Teile des traditionellen Brillenmarkts, der sich bislang vor allem als Korrektur‑ und Modebranche versteht.
4. Der größere Kontext
Edenlux steht exemplarisch für eine neue Generation von Hardware, die nicht mehr nur misst, sondern aktiv in Körperfunktionen eingreift. Oura‑Ring, Whoop‑Band und Co. haben Schlaf, Herzfrequenzvariabilität und Belastungssteuerung zur Kennzahl gemacht. Nun folgt der nächste Schritt: Geräte, die nicht nur Feedback liefern, sondern in kurzen Sessions konkrete Übungen anleiten – digitale Selbst‑Physiotherapie.
Im Bereich Augen war die Industrie bisher erstaunlich passiv. Natürlich gibt es Nachtmodi, Blaulichtfilter und Hinweise, regelmäßig wegzuschauen. Und auf der anderen Seite des Spektrums stehen AR‑ und VR‑Headsets, die das Auge zusätzlich fordern. Zwischen „weniger Schaden“ und „mehr Belastung“ klafft eine Lücke. Eyeary versucht, genau dort anzusetzen, indem es gezielte Nah‑Fern‑Wechsel und Fokusübungen anbietet.
Historisch ist „Sehtraining“ in Deutschland mit Skepsis behaftet, nicht zuletzt wegen überzogener Versprechen einzelner Anbieter, man könne Kurzsichtigkeit einfach „wegtrainieren“. Edenlux bewegt sich in diesem Spannungsfeld – mit einem Unterschied: Das Unternehmen sammelt systematisch Daten und nutzt KI, um Programme anzupassen und Fortschritte zu modellieren. Wenn diese Daten in irgendeiner Form wissenschaftlich zugänglich gemacht werden, könnte das helfen, Spreu vom Weizen zu trennen.
Im internationalen Vergleich fällt auf, wie wenig Apple, Samsung, Google & Co. derzeit im Bereich aktiver Augengesundheit tun. Wenn Edenlux und andere Akteure zeigen, dass sich Beschwerden mit relativ einfachen Interventionen lindern lassen, ist es nur eine Frage der Zeit, bis Plattformanbieter nachziehen – sei es durch eigene Hardware oder durch Integration von Drittanbietern in Ökosysteme wie Apple Health oder Samsung Health.
5. Die europäische / DACH-Perspektive
Für Nutzerinnen und Nutzer in der DACH‑Region ist der US‑Launch vor allem ein Stimmungsbarometer: Wenn Eyeary in Amerika gut ankommt, wird Europa folgen – aber zu anderen Rahmenbedingungen.
Regulatorisch ist die Lage anspruchsvoller. Unter der EU‑Medizinprodukteverordnung (MDR) kann ein Produkt schnell vom Wellness‑Gadget zum Medizinprodukt werden, wenn Marketingaussagen in Richtung Behandlung oder Vermeidung spezifischer Krankheiten gehen. Für Edenlux hieße das: klinische Studien, benannte Stellen, umfangreiche Dokumentation. Das ist teuer, macht ein Produkt aber langfristig auch glaubwürdiger – insbesondere auf einem Markt, in dem Krankenkassen und Berufsgenossenschaften eine wichtige Rolle spielen.
Parallel dazu greift die Datenschutz‑Grundverordnung (DSGVO). Eyeary erhebt sensible Daten über Sehprofil, Nutzungsverhalten und ggf. Beschwerden. In Ländern wie Deutschland, in denen Wearables bereits datenschutzrechtliche Debatten ausgelöst haben, wird entscheidend sein, ob Edenlux konsequent auf Datensparsamkeit, Transparenz und möglichst viel Verarbeitung „on device“ setzt.
Chancen gibt es dennoch reichlich. Die DACH‑Region verfügt über starke Optik‑Ketten, Digital‑Health‑Programme und eine lebendige Startup‑Szene – von Berlin über München bis Zürich. Ein Produkt wie Eyeary könnte in betriebliche Gesundheitsprogramme integriert oder als Zusatzleistung von privaten Krankenversicherern getestet werden. Auch Kooperationen mit Telemedizin‑Anbietern, die ohnehin Seh‑Checks per Video anbieten, sind denkbar.
6. Ausblick
Wie geht es weiter? Die nächsten zwei bis drei Jahre werden zeigen, ob aus der Nische „Seh‑Wellness“ ein echtes Marktsegment wird oder ob Eyeary ein gut gemeinter Seitentrieb des Wearable‑Booms bleibt.
Entscheidend werden mehrere Faktoren sein:
- Nutzerakzeptanz: Sind Menschen bereit, zusätzlich zu Smartwatch & Co. noch ein spezialisiertes Gerät für die Augen zu nutzen – und zwar regelmäßig?
- Preis‑Leistungs‑Verhältnis: Ohne konkrete Zahlen zu nennen: Der Preis muss spürbare Vorteile gegenüber einfachen Maßnahmen wie Bildschirmbrille und Pausen rechtfertigen.
- Evidenz: Je eher Edenlux belastbare Daten und idealerweise unabhängige Bewertungen vorlegt, desto eher wird das Produkt von Augenärzten und Optometristen ernst genommen.
- Regulatorik: Gerade in Europa wird die Frage sein, ob die Geräte langfristig im Wellness‑Segment bleiben dürfen oder ob sie – vielleicht auf eigenen Wunsch – den Schritt zum zertifizierten Medizinprodukt gehen.
Für Anleger und Corporate‑Innovation‑Teams lohnt es sich, dieses Feld genau zu beobachten. Wenn Augentraining nachweislich wirkt, öffnen sich Anschlussmärkte: Software‑only‑Lösungen mit Smartphone‑Kamera, ergänzende Diagnostik‑Tools, Integration in VR‑Plattformen. Gleichzeitig besteht das Risiko eines „Wellness‑Hypes“ ohne Substanz, der das Feld für Jahre verbrennt.
7. Fazit
Eyeary ist weniger ein einzelnes Gadget als ein Signal: Unsere Augen rücken als eigenständige Gesundheitskategorie in den Fokus der Wearable‑Industrie. Edenlux besetzt dieses Terrain früh – mit allen Chancen und Risiken zwischen Wellness und Medizinprodukt, Datenschutz und Datenökonomie. Gelingt der Spagat aus wissenschaftlicher Seriosität, guter Nutzererfahrung und regulatorischer Cleverness, könnte aus „Seh‑Wellness“ eine feste Größe werden. Die Frage an uns als Gesellschaft lautet: Wollen wir Augengesundheit wirklich aktiv managen – oder akzeptieren wir digitale Augenmüdigkeit als unvermeidlichen Preis der Bildschirmkultur?



