Die neuen Einhörner Europas 2026: Infrastruktur statt Illusionen

1. Februar 2026
5 Min. Lesezeit
Stilisierte Europakarte mit Symbolen für Tech-Startups und Einhörner

ÜBERSCHRIFT & EINFÜHRUNG

Die ersten europäischen Einhörner des Jahres 2026 kommen ohne Glamour aus: Cybersecurity, Cloud-Kostenkontrolle für KI, Verteidigungs-KI, ESG-Compliance-Software und Sprachlernplattformen. Kurz gesagt: die unsichtbare Infrastruktur eines digitalisierten, unsicheren und stark regulierten Kontinents. Genau deshalb ist diese Einhorn-Generation spannender als der Hype-Zyklus von 2021.

Im Folgenden analysieren wir, was diese fünf Unternehmen über den Zustand des europäischen Tech-Ökosystems verraten, wie sich die Kräfteverhältnisse gegenüber den USA verschieben – und welche Rolle der deutschsprachige Raum dabei spielt.


DIE NEWS IN KÜRZE

Laut TechCrunch hat allein der Januar 2026 fünf neue europäische Einhörner hervorgebracht.

Das belgische Cybersecurity-Startup Aikido Security erreichte mit einer Series-B-Finanzierung über 60 Millionen US‑Dollar unter Führung von DST Global eine Bewertung von 1 Milliarde US‑Dollar. Die Plattform bündelt Sicherheitsfunktionen über den gesamten Software-Lebenszyklus und verzeichnete zuletzt ein starkes Kunden- und Umsatzwachstum.

Cast AI, ein Cloud-Optimierer mit litauischen Wurzeln und großem Standort in Vilnius, überschritt nach einer strategischen Investition von Pacific Alliance Ventures, dem Corporate-VC-Arm des koreanischen Shinsegae-Konzerns, die Milliardenmarke.

Das französische Verteidigungs-AI-Unternehmen Harmattan AI, erst 2024 gegründet, sammelte 200 Millionen US‑Dollar in einer Series B unter Führung des Flugzeugbauers Dassault Aviation ein und wird nun mit 1,4 Milliarden US‑Dollar bewertet.

Der Mannheimer ESG- und Supply-Chain-Spezialist Osapiens erhielt 100 Millionen US‑Dollar von Decarbonization Partners (BlackRock/Temasek) bei über 1,1 Milliarden US‑Dollar Bewertung. Die Sprachlernplattform Preply, von ukrainischen Gründern aufgebaut, stieg mit einer Series D über 150 Millionen US‑Dollar zum 1,2-Milliarden‑Einhorn auf.


WARUM DAS WICHTIG IST

Diese Einhörner sind ein Seismograph für das, was Investoren nach dem Ende der Nullzins-Ära wirklich interessiert.

Gewinner sind B2B-Infrastruktur, Sicherheit und Compliance. Aikido, Cast AI und Osapiens reden nicht über »Eyeballs«, sondern über Kostenersparnis, Risikoreduktion und regulatorische Absicherung. Das sind Themen, die CFOs und Aufsichtsräte verstehen – und die selbst im wirtschaftlichen Abschwung Budgets erhalten. Im Gegensatz zu vielen Consumer-Einhörnern der letzten Jahre besitzen diese Firmen ein klareres Geschäftsmodell und einen direkten Pfad zu nachhaltiger Profitabilität.

Die zweite große Verschiebung: Verteidigungstechnologie wird investierbar. Harmattan AI wäre vor einigen Jahren in vielen europäischen VC-Fonds noch aus Prinzip durchgefallen. Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine, steigende Verteidigungsausgaben und der Wunsch nach technologischer Souveränität haben die normative Lage verändert. Dass ein junges Defense-AI-Startup so schnell 1,4 Milliarden US‑Dollar wert ist, zeigt, wie rasant sich die Risikowahrnehmung verlagert hat – sowohl geopolitisch als auch auf Investorenseite.

Auffällig ist zudem die Rolle von Talenten aus Mittel‑ und Osteuropa. Ukrainische Gründer bei Preply, litauische Wurzeln bei Cast AI, Partnerschaften in der Ukraine im Umfeld von Harmattan AI: Die Region entwickelt sich vom verlängerten Werkbank-Standort zur Quelle eigener globaler IP.

Verlierer sind dagegen alle, die auf eine eins‑zu‑eins Kopie des Silicon-Valley-Playbooks gesetzt haben. Der Markt belohnt in Europa derzeit jene, die die hiesigen Rahmenbedingungen ernst nehmen: starke Regulierung, ausgeprägten Mittelstand, komplexe Lieferketten und Sicherheitsrisiken vor der Haustür.


DER GRÖSSERE KONTEXT

Die Einhörner 2026 sind das Nachbeben des Rekordjahres 2021 – und gleichzeitig seine Korrektur.

Damals schossen Bewertungen vieler Startups auf über 1 Milliarde US‑Dollar, getrieben von billigem Geld und Konkurrenzdruck unter Investoren. Inzwischen mussten etliche Firmen Bewertungsabschläge hinnehmen, weil Wachstum und Margen die Erwartungen nicht erfüllten.

Die aktuelle Generation wirkt bodenständiger und belastbarer:

  • Preply baut seit 14 Jahren an seinem Marktplatz und Geschäftsmodell.
  • Osapiens zählt über 2.400 Unternehmenskunden weltweit und sitzt mitten in der deutschen Industrieregion.
  • Aikido meldet eine Vervielfachung der Umsätze, bevor es zum Einhorn wird.

Sektorale Trends, in die diese Fälle einzuordnen sind:

  • AI als Enabler, nicht als Produktfetisch. Cast AI adressiert nicht die Frage »Wer hat das größte Modell?«, sondern: »Wie lassen sich AI-Workloads effizienter und mit weniger GPUs betreiben?« Das sind klassische »Picks-and-Shovels«-Modelle, die in jedem Goldrausch die verlässlichsten Gewinne einfahren.

  • Sicherheit als Dauerabgabe. Mit wachsender Softwarekomplexität und immer strengeren Vorgaben (etwa NIS2) wird integrierte IT‑Sicherheit zum Pflichtprogramm. Plattformen wie Aikido, die Entwicklungs‑, Betriebs- und Security-Tools zusammenführen, treffen den Nerv dieser Konsolidierung.

  • Regulierung als Marktmaschine. Osapiens profitiert direkt von EU‑Regelwerken wie der Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD) und Lieferkettengesetzen. Brüssel exportiert Regulierung weltweit – und europäische Regtech‑Anbieter exportieren die dazugehörigen Softwarelösungen.

  • Rückkehr der Rüstung in die Innovationsagenda. Harmattan AI ist Teil eines breiteren Trends: NATO-Länder erhöhen Budgets, die Ukraine demonstriert die Wirkung kommerzieller Drohnen und Software im Krieg, und europäische Rüstungskonzerne suchen die Nähe zu Startups, um überhaupt noch innovationsfähig zu bleiben.

In Summe verschiebt sich der Fokus von »Nice-to-have«-Produkten hin zu Lösungen, die Kosten, Risiken oder regulatorischen Druck direkt adressieren.


DIE EUROPÄISCHE / DACH-PERSPEKTIVE

Für Europa – und speziell den DACH‑Raum – ist diese Welle ein Lehrstück darüber, wie Regulierung und Industriekompetenz zusammenwirken können.

Die EU schafft mit GDPR, DSA, DMA und vor allem mit CSRD sowie den Lieferkettengesetzen einen dichten Rahmen, in dem Unternehmen ohne digitale Tools kaum noch handlungsfähig sind. Osapiens besetzt genau diese Schnittstelle: Datenqualität, Nachvollziehbarkeit und Berichtspflichten für Konzerne, die weltweit produzieren. Aus Sicht eines deutschen Mittelständlers sind solche Plattformen keine »nice to have«‑Spielereien, sondern Versicherungspolice gegen Bußgelder und Reputationsschäden.

Die Datenschutzsensibilität in Deutschland, Österreich und der Schweiz wirkt gleichzeitig als Qualitätsfilter. Wer hier Cybersecurity- oder AI‑Produkte verkauft, muss sich hohen technischen und rechtlichen Standards stellen. Startups wie Aikido, die Security in Entwicklungsprozesse integrieren, spiegeln diesen Anspruch wider – und eröffnen Kooperationschancen für Anbieter aus der Region, etwa im Bereich Managed Security Services.

Verteidigungstechnologie bleibt politisch umstritten, gewinnt aber an Fahrt. Deutschland erhöht sein Verteidigungsbudget, die Schweiz diskutiert über Neutralität im Cyberraum, Österreich ringt mit seiner Neutralitätstradition. Startups wie Harmattan AI, die mit europäischen Konzernen wie Dassault kooperieren, signalisieren: Wer technologische Souveränität will, muss eigene Defense-Tech‑Ökosysteme akzeptieren – samt der ethischen Debatten, die damit einhergehen.

Für die Startup‑Hubs Berlin, München, Zürich und Wien bedeutet diese Entwicklung eine Verschiebung: weniger B2C‑Lifestyle‑Apps, mehr tiefe B2B‑SaaS‑Plattformen. Das passt gut zu den Stärken der Region – vom industriellen Know-how im Maschinenbau über Automotive bis hin zu Energie.


AUSBLICK

Wenn der Januar ein Vorgeschmack auf 2026 ist, werden die meisten neuen europäischen Einhörner drei Eigenschaften teilen: B2B-Fokus, regulatorische Nähe und AI als Produktivitätsmotor.

Worauf sollten Beobachter achten?

  • Aufstieg weiterer ESG- und Lieferkettenplattformen, die CSRD‑Fristen und nationale Sorgfaltspflichtengesetze adressieren – ein Feld, in dem auch viele DACH‑Startups unterwegs sind.
  • Konsolidierung im Cybersecurity‑Markt; Unternehmen wollen weniger, aber besser integrierte Lösungen. Das eröffnet Übernahmechancen für Player wie Aikido oder spezialisierte Anbieter aus Deutschland und der Schweiz.
  • Zunahme dual‑use‑Startups, die zwischen ziviler Nutzung und Verteidigung lavieren, um sowohl VC-Kapital als auch öffentliche Programme zu nutzen.

Exit-Pfade bleiben die große Unbekannte. Europäische Börsen sind zurückhaltend, US‑Listings bleiben attraktiv, und strategische Käufer aus den USA oder Asien könnten sich verstärkt nach europäischen Infrastruktur‑Assets umsehen. Gleichzeitig könnten in Bereichen wie Verteidigung, Energie und Industrie vermehrt europäische Konzerne als Käufer auftreten – ein Novum gegenüber der Consumer‑App‑Ära.

Risiken:

  • Bewertungsrisiko bei weiterer Straffung der Geldpolitik oder Rezession.
  • Regulatorische Volatilität, falls ESG‑Vorgaben durch politischen Druck verwässert werden.
  • Ethik‑ und Exportkontrollrisiken bei Defense‑AI.
  • Talentabwanderung, falls Schlüsselkompetenzen weiterhin in US‑Headquarters abwandern, während Europa nur als Entwicklungsstandort fungiert.

Gleichzeitig liegt hier eine Chance für den DACH‑Raum: Mit seiner Kombination aus Industrie, Forschung und Datenschutzkultur kann er zum Kerngebiet dieser neuen, nüchternen Einhorn-Generation werden.


FAZIT

Die ersten europäischen Einhörner 2026 markieren eine stille, aber grundlegende Verschiebung: weg von Illusionen über virale B2C‑Apps, hin zu Infrastruktur, Sicherheit, Regulierung und Verteidigung. Sie spielen die Stärken Europas – und besonders des DACH‑Raums – aus: Ingenieurkunst, Regulierungskompetenz und bisher unterschätzte Talente aus Mittel‑ und Osteuropa. Die entscheidende Frage lautet: Nutzt Europa diesen Moment, um eine robuste Tech‑Basis aufzubauen, oder verfällt es beim nächsten Geldüberfluss wieder in alte Konsum‑Reflexe?

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