Kernfusion ist von der Branchenpointe zu einem der spannendsten Wetten im Klimasektor geworden. Der alte Spruch „Fusion ist immer noch 30 Jahre entfernt“ wirkt zunehmend überholt.
Dafür sorgen leistungsfähigere Chips, ausgefeilte KI und hochtemperatur‑supraleitende Magnete. Sie ermöglichen komplexere Reaktordesigns, genauere Simulationen und anspruchsvolle Steuerungssysteme. Rückenwind kam zudem vom National Ignition Facility (NIF) des US‑Energieministeriums, der 2022 eine kontrollierte Fusionsreaktion mit Energieüberschuss auf Target‑Ebene meldete.
Vom kommerziellen Break‑even – also mehr Energie aus der Anlage, als der gesamte Standort verbraucht – ist die Branche zwar noch entfernt. Doch Risikokapital sitzt nicht länger auf der Seitenlinie.
Im Folgenden finden Sie eine Übersicht aller Fusions‑Startups, die mehr als 100 Millionen US‑Dollar eingesammelt haben, auf Basis von TechCrunch‑Berichten und PitchBook‑Daten.
Commonwealth Fusion Systems (CFS)
- Gesamtes Funding: knapp 3 Milliarden $
- Technologie: Tokamak mit hochtemperatur‑supraleitenden Magneten
- Standort: Massachusetts, USA
Commonwealth Fusion Systems hat nach eigenen Angaben rund ein Drittel des privaten Fusionskapitals eingesammelt – mehr als jeder andere Akteur.
Im August 2025 schloss CFS eine Series‑B2‑Runde über 863 Millionen Dollar ab, vier Jahre nach der Series B über 1,8 Milliarden Dollar. Damit ist CFS das mit Abstand am besten finanzierte Fusions‑Startup.
In Massachusetts baut das Unternehmen den Tokamak‑Demonstrator Sparc. Die D‑förmige Plasmasäule wird von Spulen aus hochtemperatur‑supraleitendem Band eingefasst, die ein starkes Magnetfeld erzeugen und das überhitzte Plasma einschließen. Die dabei entstehende Hitze wird in Dampf umgewandelt, der eine Turbine antreibt.
Die Magneten wurden gemeinsam mit dem MIT entwickelt, wo Mitgründer und CEO Bob Mumgaard zu Fusionsreaktoren und Supraleitern geforscht hat. CFS rechnet damit, dass Sparc Ende 2026 oder Anfang 2027 in Betrieb geht.
Anschließend plant CFS die kommerzielle Anlage Arc mit 400 Megawatt elektrischer Leistung nahe Richmond, Virginia. Google hat sich bereits verpflichtet, die Hälfte der Stromproduktion zu kaufen. Zu den Investoren zählen Breakthrough Energy Ventures, The Engine, Bill Gates und weitere.
TAE Technologies
- Gesamtes Funding (vor Merger): 1,79 Milliarden $
- Technologie: Field‑Reversed Configuration (FRC) mit Teilchenstrahlen
- Gründung: 1998
- Standort: Kalifornien, USA
TAE Technologies gehört zu den dienstältesten privaten Fusionsfirmen. Das Unternehmen wurde 1998 unter dem Namen Tri Alpha Energy als Spin‑out der University of California, Irvine von Physiker Norman Rostoker gegründet.
TAE nutzt eine Field‑Reversed Configuration: Zwei Plasmapulse kollidieren in der Mitte des Reaktors. Anschließend wird das zigarrenförmige Plasma mit Teilchenstrahlen beschossen, um es rotierend und stabil zu halten. Eine höhere Stabilität ermöglicht längere Fusionszeiten und mehr nutzbare Wärme für die Turbine.
Im Juni 2025 sammelte TAE 150 Millionen Dollar von bestehenden Investoren ein, darunter Google, Chevron und New Enterprise Associates. Laut PitchBook hatte das Unternehmen zu diesem Zeitpunkt insgesamt 1,79 Milliarden Dollar aufgenommen.
Im Dezember 2025 kündigte TAE einen Aktientausch‑Merger mit Trump Media & Technology Group an. Die kombinierte Firma soll mit 6 Milliarden Dollar bewertet werden. TAE erhält 200 Millionen Dollar sowie weitere 100 Millionen Dollar, sobald Unterlagen bei der US‑Börsenaufsicht SEC eingereicht sind. CEO Michl Binderbauer wird Co‑CEO neben Devin Nunes.
Helion
- Gesamtes Funding: 1,03 Milliarden $
- Technologie: FRC‑Reaktor mit direkter Stromerzeugung
- Ziel für erste Stromlieferung: 2028
- Standort: Everett, Washington, USA
Helion verfolgt den ambitioniertesten Zeitplan der Branche. Das Unternehmen will 2028 erstmals Strom aus einem Fusionsreaktor einspeisen – erster Kunde soll Microsoft werden.
Helion setzt auf eine Variante der Field‑Reversed Configuration. Ein magnethaltiger Reaktionsraum in Form einer Sanduhr wird an beiden Enden mit ringförmigem Plasma »aufgeladen«. Diese Plasmadonuts werden dann mit über 1 Million Meilen pro Stunde aufeinander zugeschossen. Weitere Magnete treiben den Brennstoff in den Fusionszustand.
Entscheidend ist, dass die entstehende Fusionsenergie direkt als elektrischer Strom in den Spulen abgegriffen werden soll: Wenn Fusion einsetzt, verstärkt sich das Magnetfeld des Plasmas und induziert einen Strom in den umgebenden Spulen. Helion muss so nicht den Umweg über Dampf und Turbine gehen.
Im Januar 2025 sammelte Helion 425 Millionen Dollar ein, etwa zeitgleich mit der Inbetriebnahme des Prototyps Polaris. Insgesamt hat das Unternehmen laut PitchBook 1,03 Milliarden Dollar erhalten. Unter den Investoren sind Sam Altman, Reid Hoffman, KKR, BlackRock, Peter Thiels Mithril Capital Management und Capricorn Investment Group.
Pacific Fusion
- Gesamtes Funding: 900 Millionen $ (Series A, tranchenbasiert)
- Technologie: Inertiale Fusion mit elektromagnetischen Pulsen
- Standort: USA
Pacific Fusion ist mit einer spektakulären Series‑A‑Runde über 900 Millionen Dollar in den Markt eingestiegen – selbst für Fusionsverhältnisse ein außergewöhnlicher Betrag.
Das Unternehmen setzt auf inertiale Fusion, jedoch ohne Laser. Stattdessen sollen koordiniert gezündete elektromagnetische Pulse den Brennstoff komprimieren. Herzstück sind 156 impedanzangepasste Marx‑Generatoren, die 2 Terawatt Leistung für 100 Nanosekunden liefern und ihre Pulse zeitgleich auf das Target fokussieren müssen.
CEO ist Eric Lander, der die Human Genome Project‑Arbeiten anführte, Präsident ist Will Regan.
Die Finanzierung ist an Meilensteine gebunden: Die 900 Millionen Dollar werden in Tranchen ausgezahlt, wenn vordefinierte Entwicklungsziele erreicht werden – ein Modell, das eher aus der Biotech‑Branche bekannt ist.
Shine Technologies
- Gesamtes Funding: 778 Millionen $
- Strategie: Schrittweiser Aufbau – Neutronen, Isotope, Abfall, dann Strom
- Standort: USA
Shine Technologies verfolgt einen vorsichtigeren, möglicherweise aber realistischeren Ansatz.
Statt sofort eine Fusionsstrom‑Anlage anzugehen, verdient Shine heute Geld mit Neutronentests und medizinischen Isotopen und entwickelt außerdem Verfahren zur Wiederaufbereitung radioaktiver Abfälle.
Das Unternehmen hat sich noch nicht für ein konkretes Reaktorkonzept für eine zukünftige Kraftwerksanlage entschieden. Es will zunächst die nötigen Kompetenzen und Systeme aufbauen, um bereit zu sein, wenn die physikalischen und wirtschaftlichen Hürden genommen sind.
Shine hat laut PitchBook insgesamt 778 Millionen Dollar eingesammelt. Investoren sind unter anderem Energy Ventures Group, Koch Disruptive Technologies, Nucleation Capital und die Wisconsin Alumni Research Foundation.
General Fusion
- Gesamtes Funding: 492 Millionen $
- Technologie: Magnetisierte Ziel‑Fusion mit Flüssigmetall und Kolben
- Gründung: 2002
- Standort: Richmond, British Columbia, Kanada
General Fusion entwickelt seit mehr als 20 Jahren eine alternative Fusionstechnologie. Gegründet wurde das Unternehmen 2002 von Physiker Michel Laberge, um Magnetized Target Fusion (MTF) zur Marktreife zu bringen.
In diesem Konzept umgibt eine Flüssigmetall‑Wand eine kugelförmige Reaktionskammer. Plasma wird injiziert, ringförmig angeordnete Kolben schlagen gleichzeitig nach innen, verdichten das Flüssigmetall und damit das Plasma und lösen eine Fusionsreaktion aus. Die Neutronen erhitzen das Metall, das anschließend durch einen Wärmetauscher geleitet wird, um Dampf zu erzeugen.
Zu den Investoren gehören Jeff Bezos, Temasek, BDC Capital und Chrysalix Venture Capital.
Im Frühjahr 2025 geriet General Fusion in finanzielle Schwierigkeiten. Beim Bau des neuen Geräts LM26, das 2026 den Break‑even erreichen sollte, ging dem Unternehmen das Geld aus. Nur Tage nach einem wichtigen Meilenstein wurden 25 % der Belegschaft entlassen. CEO Greg Twinney veröffentlichte einen offenen Brief und bat Investoren um zusätzliche Mittel.
Im August folgte eine Pay‑to‑Play‑Runde über 22 Millionen Dollar, die ein Investor als „das kleinstmögliche Kapital“ bezeichnete, um General Fusion am Leben zu halten. Im November zeigten kanadische Wertpapierunterlagen, dass das Unternehmen 51,1 Millionen Dollar über SAFE‑Notes von knapp 70 Investoren eingesammelt hatte, wie die Globe and Mail berichtete.
In Summe hat General Fusion laut PitchBook 492 Millionen Dollar aufgenommen.
Tokamak Energy
- Gesamtes Funding: 336 Millionen $
- Technologie: Kompakter Sphärentokamak mit REBCO‑Supraleitern
- Standort: Oxfordshire, Großbritannien
Tokamak Energy verfolgt einen kompakten Sphärentokamak.
Statt eines großen Donuts reduziert das Unternehmen das Aspektverhältnis des Tokamaks so stark, dass die Anlage fast kugelförmig aussieht. Das Design soll den Bedarf an teuren Hochtemperatur‑Supraleitermagneten reduzieren und damit die Kosten senken.
Die Magnete basieren auf Rare‑Earth‑Barium‑Copper‑Oxide (REBCO). Der Prototyp ST40 erreichte 2022 ein Plasma von 100 Millionen Grad Celsius.
Der Nachfolger Demo 4 befindet sich im Bau und soll die Magnettechnologie in „kraftwerksrelevanten Szenarien“ testen.
Im November 2024 sammelte Tokamak Energy 125 Millionen Dollar ein und kommt damit laut PitchBook auf insgesamt 336 Millionen Dollar. Unter den Investoren sind Future Planet Capital, In‑Q‑Tel, Midven und Capri‑Sun‑Gründer Hans‑Peter Wild.
Zap Energy
- Gesamtes Funding: 327 Millionen $
- Technologie: Stromgetriebene Plasmakompression (Z‑Pinch‑ähnlich)
- Standort: Everett, Washington, USA
Zap Energy kommt ohne Hochfeld‑Magnete und ohne G...



