HomeBoost zeigt, wie sich der Energiecheck vom Gutachten zum Produkt wandelt

31. Januar 2026
5 Min. Lesezeit
Person nutzt eine Smartphone-App und eine Wärmebildkamera, um ein Fenster auf Energieverluste zu prüfen

Überschrift und Einstieg

Ein Mann mit Klemmbrett, zwei Stunden Rundgang, am Ende ein PDF, das niemand liest – so sieht der klassische Energiecheck noch immer oft aus. HomeBoost will daraus ein Produkt machen: Paket per Post, App aufs Smartphone, Bericht in Minuten statt Stunden. Spannend ist nicht die Spielerei mit der Wärmebildkamera, sondern die Verschiebung der Machtverhältnisse rund um das Thema »Energie im Zuhause«.

Wer künftig entscheidet, welche Sanierung im Einfamilienhaus zuerst kommt – Energieberater, Versorger oder eine neue Software-Schicht dazwischen – ist nicht nur eine Detailfrage. Es geht um Milliardeninvestitionen, Klimaziele und darum, wie viel Kontrolle Verbraucher in Deutschland, Österreich und der Schweiz bereit sind, digitalen Diensten zu überlassen.

Die Nachricht in Kürze

Wie TechCrunch berichtet, hat das US‑Startup HomeBoost einen app‑gestützten Energiecheck für Privathaushalte auf den Markt gebracht. Kunden erhalten eine „BoostBox“, ein kleines Kit mit einer einfachen Wärmebildkamera, einer Schwarzlichtlampe und einem Zugang zur mobilen App.

Nutzer gehen mit der Kamera durch ihre Wohnung oder ihr Haus und sehen auf dem Display, wo warme oder kalte Luft entweicht. Die Schwarzlichtlampe hilft zu erkennen, welche Leuchtmittel veraltet und ineffizient sind. Aus diesen Daten erstellt die App automatisch einen Bericht, der die empfohlenen Maßnahmen nach Kosten‑Nutzen‑Verhältnis sortiert und verfügbare Förderprogramme in der jeweiligen Region auflistet.

HomeBoost verlangt für den Service rund 99 US‑Dollar. Mehrere Energieversorger übernehmen einen Großteil oder sogar die gesamten Kosten für ihre Kunden. Neben der Endkunden‑App gibt es eine Pro‑Version für Energieberater. Zudem testet das Unternehmen einen Marktplatz, der Hausbesitzer mit Handwerksbetrieben zusammenbringt, die die vorgeschlagenen Maßnahmen umsetzen können.

Warum das wichtig ist

Gebäudeeffizienz ist einer der größten Hebel für den Klimaschutz – und gleichzeitig ein UX‑Desaster. Viele Haushalte wissen nur, dass ihre Energierechnung zu hoch ist. Sie wissen aber nicht, ob sie zuerst dämmen, die Heizung tauschen oder Fenster erneuern sollen. Und klassische Energieausweise geben selten eine klare, priorisierte Handlungsliste.

HomeBoost adressiert genau dieses Problem: Aus abstrakten Kennzahlen werden konkrete Bilder, aus allgemeinem Rat eine personalisierte Roadmap.

Wer profitiert?

  • Verbraucher erhalten schnell verständliche Informationen und eine Reihenfolge der sinnvollen Schritte – ein niedrigschwelliges Angebot, das näher an einer Banking‑App als an einem Behördenformular ist.
  • Versorger können ihre Effizienz‑ und Klimaverpflichtungen skalierbarer erfüllen, weil sie weniger teure Vor‑Ort‑Termine benötigen und trotzdem belastbare Daten für die Berichterstattung gegenüber Aufsichtsbehörden bekommen.
  • Handwerksbetriebe erhalten qualifizierte Anfragen mit Fotos und Eckdaten, bevor sie überhaupt einen Fuß ins Haus setzen – ein Vorteil in einem Markt, in dem Fachkräfte knapp sind.

Wer verliert? Ein Teil der traditionellen Energieberatungs‑Landschaft. Wer sein Angebot im Wesentlichen über Zeitaufwand und Gutachtendicke rechtfertigt, wird es schwerer haben, wenn automatisierte Tools einen Großteil der Standardfälle effizient abdecken.

Der größere Kontext: Klimatechnologie rückt näher an das, was wir aus der Software‑Welt kennen. Prozesse werden standardisiert, automatisiert und in Produkte gegossen. Was früher eine individuelle Dienstleistung war, wird zu einem skalierbaren Workflow. Das senkt Kosten, erleichtert Auswertung und Integration – etwa in Förderprogramme, CO₂‑Bilanzierungen oder künftige Flexibilitätsmärkte.

Der größere Zusammenhang

HomeBoost fügt sich in mehrere Entwicklungen ein, die auch für den DACH‑Raum relevant sind.

Erstens: Klimaschutz wird zum Endkunden‑Produkt. Von smarten Heizkörperthermostaten über Apps zur Steuerung von PV‑Anlagen bis zu dynamischen Stromtarifen – Energie wird digital erlebbar. Der Energiecheck war bislang ein analoger Fremdkörper. Wenn Startups wie HomeBoost das ändern, wächst die Chance, dass Gebäudesanierung aus der „irgendwann mal“-Ecke in den konkreten Alltagsplan rückt.

Zweitens: Regulatorischer Druck auf Gebäude nimmt massiv zu. Die EU‑Gebäuderichtlinie, nationale Sanierungsfahrpläne, kommunale Wärmeplanung – überall ist klar: Ohne systematische Sanierung des Bestands sind die Klimaziele nicht erreichbar. Gleichzeitig klagen Kommunen und Energieagenturen, dass sie mit der individuellen Beratung kaum hinterherkommen. Digitale Vor‑Checks könnten hier zum Filter werden, der einfache Fälle automatisiert abarbeitet und Berater auf komplexe Objekte fokussiert.

Drittens: Daten werden zur Schlüsselressource. Wer detailliert weiß, wie ein Gebäude aufgebaut ist, welche Anlagen verbaut sind und welche Maßnahmen sich lohnen, sitzt auf wertvollen Informationen – für Versorger, Handwerker, Banken und Versicherer. HomeBoost positioniert sich als Plattform, auf der diese Daten entstehen und gebündelt werden.

Das ist nicht ohne Vorbilder. Google/Nest, Tado oder Tibber besetzen bereits die Schnittstelle zwischen Haushalt und Energiewirtschaft. Der Unterschied: HomeBoost setzt am Gebäudezustand an, nicht an der laufenden Steuerung. Im Idealfall ergänzen sich diese Ebenen – im Worst Case entsteht ein zersplitterter Markt aus Insellösungen.

Die europäische / DACH‑Perspektive

Für Europa – und besonders für den deutschsprachigen Raum – ist das Thema doppelt heikel: politisch gewollt, datenschutzrechtlich sensibel.

Gebäudedaten in der Tiefe, wie sie HomeBoost erhebt, sind aus Sicht der DSGVO klar personenbezogen. Wer solche Profile anlegt und mit Dritten teilt (Versorger, Handwerker, Banken), braucht transparente Einwilligungen, strikte Zweckbindung und hohe Sicherheitsstandards. In Deutschland, Österreich und der Schweiz ist das Vertrauen in Versorger relativ hoch, in Tech‑Plattformen dagegen eher ambivalent. Ein US‑Startup, das hierzulande mit Hausdaten handeln würde, stieße schnell auf Widerstand.

Gleichzeitig sucht die Politik händeringend nach Wegen, um Förderprogramme effizienter zu machen. In Deutschland wäre ein digitaler Vor‑Check, der sich direkt in KfW‑Programme, kommunale Sanierungsberatung oder die Arbeit der Energieagenturen einfügt, hochattraktiv – vorausgesetzt, er ist technologieoffen und nicht an bestimmte Hersteller gebunden.

Es gibt bereits regionale Ansätze: digitale Sanierungsfahrpläne, kommunale Portale, Startups im Umfeld von Berlin und München, die Energieberatung und Handwerkervermittlung kombinieren. Keiner dieser Ansätze hat bisher den Sprung zur breiten, nutzerfreundlichen Standardlösung geschafft. Genau hier setzt das HomeBoost‑Modell gedanklich an.

Für Stadtwerke und Regionalversorger im DACH‑Raum stellt sich die Frage: Bauen sie solche Tools selbst, lizenzieren sie White‑Label‑Lösungen – oder überlassen sie das Feld großen Plattformen?

Blick nach vorn

Wohin kann sich das Konzept in den nächsten Jahren entwickeln?

  • Tiefe Integration bei Versorgern und Stadtwerken. Der Energiecheck könnte zur Standardstrecke werden, wenn Kunden nach Förderungen fragen, einen Tarif wechseln oder eine Wärmepumpe planen.
  • Finanzierung & Versicherung. Banken und Versicherer interessieren sich immer stärker für den energetischen Zustand von Immobilien. Ein standardisierter, digitaler Bericht wäre eine attraktive Entscheidungsgrundlage für Kredite, Prämien oder Sanierungspflichten.
  • Automatisierung durch KI. Je besser Bilderkennung wird, desto mehr kann die App aus ein paar Fotos herauslesen: Fenstertyp, Heizkesselalter, potenzielle Sicherheitsrisiken. Das würde den Mehrwert gegenüber reinen Fragebogen‑Tools deutlich erhöhen.

Risiken gibt es reichlich: Eine zu enge Kopplung an bestimmte Hersteller könnte das Vertrauen zerstören. Überzogene Einsparversprechen könnten zu Frust und rechtlichen Auseinandersetzungen führen. Und ein Datenleck in so einem System wäre politischer Sprengstoff – gerade in Märkten, in denen Smart‑Meter‑Rollouts schon heute skeptisch gesehen werden.

Für Leserinnen und Leser im DACH‑Raum wird spannend sein, wer das Rennen macht: kommunale Akteure mit hohem Vertrauen, Tech‑Startups mit besserer UX oder etablierte Industriekonzerne mit Vertriebsmacht. Klar ist: Wer die digitale Eingangstür zu Sanierungsentscheidungen kontrolliert, wird künftig viel Einfluss auf Geldflüsse und CO₂‑Einsparungen haben.

Fazit

HomeBoost ist weniger wegen seiner Kamera‑Gadgets interessant als wegen der Produktlogik dahinter: Ein ehemals beratungsintensiver, analoger Prozess wird standardisiert, digitalisiert und skaliert. Das kann Energieverbraucher entlasten, Versorgern helfen und Klimaziele realistischer machen – sofern Datenschutz und Technologieoffenheit nicht unter die Räder kommen.

Für Europa und die DACH‑Region stellt sich die strategische Frage: Wollen wir diese Schlüsselrolle zwischen Haushalten, Versorgern und Handwerk selbst gestalten – oder warten wir, bis sie von Plattformen aus dem Ausland besetzt wird?

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