Einstieg
HPs Sperren für Fremdpatronen galten lange als lästige, aber kalkulierbare Nebenwirkung günstiger Drucker. Mit EPEAT 2.0 bekommt diese Praxis jedoch eine neue Qualität: Aus einem Geschäftsmodell mit fragwürdiger Kundenfreundlichkeit könnte ein handfester Nachteil bei Ausschreibungen und Nachhaltigkeitsbewertungen werden. Im Folgenden ordne ich ein, was passiert ist, wie sich das in bestehende Branchenentwicklungen einfügt und warum es speziell für den DACH‑Markt relevant ist.
Die Nachricht in Kürze
Laut einem Bericht von Ars Technica wirft der nordamerikanische Branchenverband International Imaging Technology Council (Int’l ITC) HP vor, per Firmware‑Update die Nutzung von Drittanbieter‑Tinten und -Toner auf mehreren Druckermodellen zu blockieren.
HP vermarktet dieses Verhalten seit Jahren unter dem Label Dynamic Security: Ein Update prüft den Chip auf der Patrone und verweigert den Betrieb mit nicht genehmigten Varianten. Die aktuelle Version 2602A/B wurde Ende Januar 2026 auf rund ein Dutzend Modelle ausgerollt, darunter ältere OfficeJet‑Pro‑Geräte.
Brisant ist der Zeitpunkt, weil im Dezember 2025 die überarbeitete Umweltregistrierung EPEAT 2.0 gestartet ist. Deren Kriterien sehen ausdrücklich vor, dass gelistete Produkte Remanufacturing‑Patronen nicht durch Updates absichtlich aussperren dürfen. Das Int’l ITC argumentiert, HP stelle sich damit gegen Sinn und Zweck dieser Regeln. HP wollte sich gegenüber Ars nicht äußern.
Warum das wichtig ist
Das Ganze ist mehr als ein weiterer Aufreger über teure Tinte. Hier prallen Nachhaltigkeitsversprechen und ein hochprofitables Geschäftsmodell frontal aufeinander.
Bei Consumer‑Druckern erzielt HP den Großteil der Marge längst nicht mehr mit der Hardware, sondern mit Originalpatronen und Abo‑Modellen wie Instant Ink. Jede technische Barriere, die die Verwendung günstigerer Alternativen verhindert, sichert unmittelbar Umsatz. Verlierer sind Endkunden, Remanufacturer und letztlich die Umwelt: Patronen, die ein zweites Leben haben könnten, landen unnötig im Elektroschrott.
EPEAT 2.0 verschiebt nun die Anreize. Noch sind nur wenige Produkte nach den neuen Kriterien gelistet, darunter bislang keine Drucker. Aber EPEAT spielt eine wichtige Rolle in der Beschaffung von Behörden und Großunternehmen – vor allem in Nordamerika, zunehmend aber auch als Referenz in Europa.
Wenn Dynamic Security als unvereinbar mit EPEAT 2.0 gilt, steht für HP deutlich mehr auf dem Spiel als ein Shitstorm im Netz: Es geht um große, oftmals mehrjährige Rahmenverträge, bei denen EPEAT‑Konformität oder gleichwertige Standards explizit gefordert werden. Das ist ein Druckmittel, das die Marketing‑Abteilung nicht einfach ignorieren kann.
Hinzu kommt die sicherheitspolitische Dimension. HP begründet die Sperren gerne mit Cyber‑Risiken und Produktintegrität. Wenn Kunden dann erleben, dass ein angebliches Sicherheitsupdate vor allem den Tintenumsatz schützt, leidet das Vertrauen in Updates generell. In Zeiten realer Angriffe auf Router, NAS und Co. ist das ein gefährlicher Kollateralschaden.
Der größere Kontext
HP steht mit dem Versuch, nach dem Verkauf per Software die Kontrolle zu behalten, nicht allein. Traktoren, die ohne Herstellerfreigabe nicht repariert werden können, Autos mit vergänglichen Abo‑Features, Smartphones mit künstlich blockierten Reparaturen – die Logik ist überall ähnlich: Maximaler Durchgriff auf ein Gerät, das formal dem Kunden gehört.
Dem gegenüber stehen wachsende rechtliche und gesellschaftliche Gegenbewegungen. Right‑to‑Repair‑Gesetze in der EU, strengere Ökodesign‑Vorgaben und nationale Initiativen wie das deutsche Reparaturbonus‑Modell zielen alle darauf, die Nutzungsdauer von Elektronik zu verlängern und Drittanbietern wieder mehr Spielraum zu geben.
Speziell im Druckermarkt sehen wir parallele Entwicklungen. Tintentank‑Systeme reduzieren die Abhängigkeit von hochmargigen Einzelpatronen. In der Büroklasse werben Anbieter zunehmend mit Modularität, lange verfügbaren Ersatzteilen und expliziter Unterstützung von Remanufacturing‑Materialien. Manche Hersteller bieten eigene Rücknahme- und Wiederaufbereitungsprogramme, die zumindest in die richtige Richtung weisen.
Verglichen mit Canon, Epson oder Brother hat HP jedoch besonders aggressiv auf DRM‑artige Mechanismen und Abo‑Modelle gesetzt – und sich damit zur idealen Zielscheibe für Kritiker gemacht. Der Konflikt um EPEAT 2.0 ist daher weniger ein Ausrutscher als eine direkte Folge dieser strategischen Entscheidung.
Spannend ist, dass Nachhaltigkeitslabels wie EPEAT oder im deutschsprachigen Raum der Blaue Engel zunehmend detaillierte, überprüfbare Kriterien enthalten. Nicht mehr nur Energieverbrauch und Geräuschpegel, sondern auch Fragen wie: Lassen sich Verbrauchsmaterialien wiederverwenden? Werden Funktionen per Update nachträglich verschlechtert? Genau hier könnte HP nun in Konflikt geraten.
Die europäische / DACH-Perspektive
Für Deutschland, Österreich und die Schweiz ist EPEAT zwar kein offizielles EU‑Instrument, aber praktisch relevant. Viele öffentliche Auftraggeber orientieren sich bei grüner Beschaffung an internationalen Labels – und kombinieren sie mit eigenen Vorgaben. In Deutschland verweist etwa die Vergabepraxis häufig auf den Blauen Engel, dessen Kriterien für Drucker Remanufacturing und Ressourcenschonung klar adressieren.
Wer als Hersteller sowohl EPEAT 2.0 als auch den Blauen Engel erfüllen und gleichzeitig kommende EU‑Regeln zu Ökodesign und Recht auf Reparatur einhalten will, wird es schwer haben, aggressives Tinten‑DRM beizubehalten. Zumindest für Geräte, die an Verwaltungen, Hochschulen oder Konzerne verkauft werden, sind Firmware‑Lockouts langfristig kaum verteidigbar.
Für Unternehmen und Verwaltungen im DACH‑Raum spielt zudem der Kostenfaktor eine Rolle. Viele IT‑Abteilungen kalkulieren mit Drittanbieter‑Toner oder wiederbefüllten Kartuschen, um Budgets zu schonen. Ein Firmware‑Update, das über Nacht alle diese Patronen „disqualifiziert“, trifft direkt die Betriebskosten – und landet schnell auf dem Tisch der Einkaufsleitung.
Gleichzeitig öffnet sich ein Fenster für alternative Anbieter. Ein Hersteller, der glaubwürdig zusagt, auf EPEAT‑gelisteten Modellen keine Updates auszurollen, die kompatible Patronen deaktivieren, kann sich in einem regulierungsaffinen, datenschutzsensiblen Markt wie dem deutschsprachigen eine klare Differenzierung schaffen.
Ausblick
Kurzfristig ist nicht zu erwarten, dass HP Dynamic Security komplett abschafft. Wahrscheinlicher ist eine Segmentierungsstrategie: streng kontrollierte Consumer‑Geräte mit maximaler Monetarisierung der Tinte und parallel eine Palette explizit „offener“ Business‑Modelle, die den Anforderungen von EPEAT 2.0, Blauer Engel und EU‑Recht genügt.
Worauf sollten Sie in den nächsten 12–24 Monaten achten?
- Welche Drucker erscheinen als erste im EPEAT‑2.0‑Register – und mit welchen Aussagen zu Fremdpatronen?
- Wie formulieren öffentliche Auftraggeber in der EU ihre Nachhaltigkeitskriterien? Tauchen dort explizite Vorgaben zu Remanufacturing‑Kompatibilität auf?
- Ob sich Verbraucher- und Wettbewerbsbehörden klarer positionieren, wenn Updates nachträglich Funktionen entfernen, für die Kunden faktisch bezahlt haben.
Für IT‑Einkäufer in Unternehmen und Verwaltungen im DACH‑Raum ist jetzt der richtige Zeitpunkt, Drucker-Policies zu überarbeiten: In Rahmenverträgen sollte explizit geregelt werden, dass Firmware‑Updates keine zuvor zulässigen Verbrauchsmaterialien aussperren dürfen – und dass Verstöße Konsequenzen haben.
Fazit
Der aktuelle Streit um HPs Firmware ist ein Symptom eines größeren Konflikts: Wem gehört ein Gerät wirklich, nachdem es bezahlt wurde? Wenn Nachhaltigkeitslabels wie EPEAT 2.0 und europäische Ökodesign‑Regeln ernst genommen und durchgesetzt werden, könnten sie Tinten‑DRM zumindest in bestimmten Marktsegmenten faktisch unmöglich machen. Für HP bedeutet das: Entweder differenziertere Strategien, oder der Verzicht auf lukrative, grün beschaffende Kunden. Und für Sie als Käufer bleibt die Kernfrage: Wollen Sie beim nächsten Drucker ein Öko‑Logo auf dem Karton – oder die reale Kontrolle über das, was im Gerät steckt?



