1. Überschrift und Einstieg
Ein Fernseher galt lange als klassische Anschaffung: einmal kaufen, viele Jahre nutzen. Mit LG Flex in Großbritannien dreht der Konzern dieses Verhältnis um – der TV wird zur monatlichen Verbindlichkeit. Die Preise erinnern eher an eine Leasingrate für ein Auto als an Unterhaltungselektronik. Dahinter steckt mehr als nur eine neue Finanzierungsoption: LG testet, wie weit sich Verbraucher auf ein TV‑as‑a‑Service-Modell einlassen. Im Folgenden analysieren wir, wer von diesem Ansatz wirklich profitiert, wie er in aktuelle Branchentrends passt und was das insbesondere für den europäischen und deutschsprachigen Markt bedeutet.
2. Die Nachricht in Kürze
Wie Ars Technica berichtet, hat LG in Großbritannien das Programm LG Flex gestartet. Kunden können ausgewählte LG‑Fernseher, Soundbars, Monitore und Lautsprecher gegen eine monatliche Gebühr mieten, statt sie zu kaufen.
Prominent beworben wird der 83‑Zoll OLED B5 2025, der im britischen LG‑Onlineshop derzeit 2.550 Pfund kostet. Über LG Flex lässt sich dasselbe Gerät für etwa 93 bis 277 Pfund pro Monat mieten – abhängig davon, ob man sich nur einen Monat oder bis zu drei Jahre bindet. Bei längeren Laufzeiten übersteigen die Gesamtkosten nach etwas mehr als zwei Jahren den Kaufpreis; bei der höchsten Monatsrate geschieht das laut Ars Technica bereits innerhalb von weniger als zwölf Monaten.
Am Ende der Vertragslaufzeit können Kunden eine kostenlose „Upgrade“-Anfrage stellen, die Raten weiterzahlen oder das Gerät zurückgeben. Normale Gebrauchsspuren sollen nicht berechnet werden, bei Beschädigungen können Reparaturkosten anfallen. LG arbeitet dabei mit dem Unternehmen Raylo zusammen, das zusätzlich eine Versicherung gegen Schäden, Verlust und Diebstahl anbietet sowie 50 Pfund für die komplette Demontage und Abholung eines Fernsehers verlangt. Das Angebot ist bislang auf Großbritannien beschränkt; unter den Geräten ist auch eine Soundbar, die zum Kauf 600 Pfund kostet oder für 22–76 Pfund im Monat gemietet werden kann.
3. Warum das wichtig ist
LG Flex wirkt auf den ersten Blick wie ein komfortabler Weg, sich teure Technik zu leisten: kleine Raten statt großer Einmalbetrag, dazu die Option auf regelmäßige Upgrades. In Wahrheit geht es um etwas anderes: stabile, wiederkehrende Einnahmen aus Hardware.
Die Gewinner:
- LG und Raylo verwandeln ein zyklisches Geschäft (TV‑Kauf alle fünf bis acht Jahre) in einen kontinuierlichen Zahlungsstrom. Planbare Abos sind für börsennotierte Konzerne deutlich attraktiver als unregelmäßige Spitzen im Weihnachtsgeschäft.
- Bestimmte Haushalte und Unternehmen profitieren von geringeren Einstiegskosten. Für Ferienwohnungen, temporäre Büros oder Events kann ein gemieteter High‑End‑TV völlig sinnvoll sein.
Die Verlierer:
- Langfristige Nutzer, die das Gerät mehrere Jahre behalten. Für sie ist der Mietweg fast immer teurer als ein klassischer Kauf – selbst im Vergleich zu Ratenzahlungen ohne Zinsen.
- Verbraucher, die sich von niedrigen Monatsbeträgen täuschen lassen. „Nur 93 Pfund im Monat“ klingt harmlos, bis man die Summe über die volle Laufzeit hochrechnet.
Damit trägt LG dazu bei, dass sich ein neues Normal etabliert: Dauerzahlungen für physische Produkte, die früher selbstverständlich in unser Eigentum übergegangen sind. Der Fernseher wird zur Dienstleistung, ähnlich wie Smartphones im Tarifbundel beim Mobilfunker.
Zugleich verschiebt sich das Machtverhältnis. Wer mietet, gibt dem Hersteller mehr Hebel: Vertragsbedingungen, Rückgaberegeln, zukünftige Service-Bündel – all das lässt sich im Abo-Modell stärker steuern. Und weil der Vertrag formal eher als Miete denn als Kredit daherkommt, greifen manche klassischen Verbraucherkreditschutzregeln nur eingeschränkt.
Für LG ist Flex ein Versuch, stagnierende TV‑Absätze und längere Lebenszyklen mit einem Abo‑Overlay zu kompensieren. Für Konsumenten ist es ein weiterer Test, wie viel Kontrolle sie gegen Bequemlichkeit einzutauschen bereit sind.
4. Der größere Zusammenhang
LG Flex reiht sich ein in einen breiten Trend hin zu Hardware‑as‑a‑Service.
Ars Technica verweist auf HPs Drucker‑Mietprogramm, NZXTs Gaming‑PC‑Abos und Überlegungen von Logitech, auch Eingabegeräte im Abo anzubieten. Hinzu kommen Smartphone‑Upgradeprogramme, Konsolenabos und im Unternehmensumfeld „PCs als Dienstleistung“. Kurz: Wo es Hardware gibt, entsteht ein Mietmodell.
Dazu passen zwei Deutungen:
- Die Optimisten‑Version: Abos machen moderne Technik zugänglicher, verteilen die Kosten, ermöglichen häufigere Erneuerung und – sofern die Geräte zurückgenommen und wiederaufbereitet werden – können sie die Wiederverwendung fördern.
- Die Skeptiker‑Version: Immer mehr Alltagsgegenstände werden zu Zahlungsströmen, Verbraucher zahlen über die Zeit deutlich mehr und bleiben in einer Art „ewigem Leasing“, ohne je wirklich zu besitzen.
Ganz neu ist das Prinzip nicht. Autoleasing und Smartphone‑Verträge zeigen seit Jahren, wie sich Eigentum in Nutzung wandelt. Neu ist, wie tief dieses Modell in den privaten Raum vordringt: Der Wohnzimmer‑TV ist eher Luxus als Arbeitsmittel – wenn selbst dieser standardmäßig gemietet wird, sagt das viel über die Monetarisierungsstrategie der Branche.
Gleichzeitig schafft die Kontrolle über die Hardware-Basis neue Möglichkeiten für Service‑Bündel. Wer den Bildschirm stellt, kann Streaming‑Abos, Cloud‑Gaming oder Security‑Dienste direkt mitverkaufen. Für Konzerne wie LG, Samsung oder auch Telekommunikationsanbieter in der DACH‑Region ist das attraktiv: Nicht mehr nur ein TV‑Kauf alle paar Jahre, sondern ein dauerhaftes Ökosystem mit mehreren gebündelten Einnahmequellen.
5. Die europäische und DACH‑Perspektive
Noch ist LG Flex ein britisches Experiment. Doch wenn es skaliert, wird die EU zur nächsten Nagelprobe – gerade wegen ihrer verbraucher- und datenschutzfreundlichen Regulierung.
Die EU arbeitet an strengeren Vorgaben gegen Abo‑Fallen und intransparente Kündigungsprozesse. Ein TV‑Mietmodell müsste in Deutschland, Österreich und der Schweiz sehr klar ausweisen:
- Gesamtkosten über die vorgesehene Laufzeit,
- Bedingungen für Verlängerungen und Upgrades,
- einfache, digitale Kündigungsmöglichkeiten.
Hinzu kommt die europäische Agenda für Kreislaufwirtschaft und Recht auf Reparatur. Theoretisch passt ein Mietmodell gut dazu: Geräte bleiben im Eigentum des Herstellers, können aufgearbeitet und wiederverwendet werden, statt im Elektroschrott zu landen. In Deutschland, wo Reparaturinitiativen und eine eher langlebigkeitsorientierte Konsumkultur stärker sind, könnte das sogar ein Verkaufsargument sein.
Allerdings nur, wenn die Praxis diese Versprechen stützt. Wenn Mietmodelle dazu führen, dass Fernseher häufiger als nötig ausgetauscht werden, sinkt die ökologische Bilanz – trotz Wiederaufbereitung. Regulierer und Umweltverbände in der EU werden genau hinschauen, wie viele Zyklen ein Gerät tatsächlich durchläuft.
Für den deutschsprachigen Markt stellt sich zudem die Frage, wie sich LG Flex gegenüber bestehenden Angeboten positioniert. Telekom‑Provider in Deutschland, Österreich und der Schweiz bieten bereits heute TV‑Geräte im Bundle mit Internet und Pay‑TV an – oft mit subventionierter Hardware. LG würde also nicht auf eine grüne Wiese treffen, sondern in einen Markt, in dem Abo‑Modelle über die Provider bereits etabliert sind.
6. Ausblick
Wahrscheinlich versteht LG Großbritannien als Pilotmarkt, um Preise, Laufzeiten und Zielgruppen zu testen. Das Unternehmen wird genau beobachten:
- Wie lange Kunden im Durchschnitt mieten,
- wie hoch Ausfallquoten und Schadensraten sind,
- ob sich über Upgrades und Cross‑Selling zusätzliche Erlöse erzielen lassen.
Sollte die Bilanz positiv ausfallen, sind Deutschland und andere große EU‑Märkte logische Kandidaten für eine Einführung – zumal hier eine hohe Streaming‑Durchdringung und Kaufkraft vorhanden ist.
Was ist zu erwarten?
- Nachahmer: Wenn LG Erfolg hat, werden Samsung, Sony & Co. kaum tatenlos zusehen. Ein „Abo‑TV“ im deutschen MediaMarkt oder bei großen Ketten wäre dann nur noch eine Frage der Zeit.
- Stärkere Bündelung: Besonders spannend wird die Rolle der Telekommunikationsanbieter. Ein Paket aus Glasfaseranschluss, TV‑Miete und Streaming‑Diensten lässt sich technisch wie vertrieblich leicht schnüren.
- Regulatorische Leitplanken: Spätestens wenn Beschwerden über intransparente Kosten oder komplizierte Kündigungen zunehmen, dürften nationale Verbraucherschutzbehörden und EU‑Gremien einschreiten – etwa mit Vorgaben zur Darstellung der Gesamtkosten oder zu fairen Upgrade‑Modellen.
Für Verbraucher in der DACH‑Region bleibt die wichtigste Faustregel: Nutzungsdauer durchrechnen. Wer seinen Fernseher typischerweise fünf bis acht Jahre behält, fährt mit Kauf (ggf. in moderaten Raten) fast immer besser. Mietmodelle können sinnvoll sein, wenn der Bedarf klar zeitlich begrenzt ist oder wenn es sich um einen betrieblichen Aufwand handelt.
7. Fazit
LG Flex ist vor allem ein Instrument zur Verstetigung von Umsätzen – und erst in zweiter Linie eine Service‑Innovation für Kunden. Für eng umrissene Szenarien kann das Mieten eines Fernsehers sinnvoll sein, für den klassischen Haushalt ist es meist ein teurerer Weg zu weniger Eigentum. Wenn künftig immer mehr Geräte nur noch im Abo verfügbar sind, stellt sich die grundsätzliche Frage: Wie viel unseres Alltags wollen wir wirklich dauerhaft mieten?



