LinkedIn sperrt KI-Startup Artisan – und hebt die Sperre zwei Wochen später wieder auf

7. Januar 2026
5 Min. Lesezeit
Illustration mit LinkedIn-Logo neben einer Benutzeroberfläche eines KI-Vertriebsagenten

Das viel diskutierte KI-Startup Artisan AI aus San Francisco war plötzlich von LinkedIn verschwunden – und ist nun wieder da.

Für einige Tage zeigte die Microsoft-Tochter weder die Unternehmensseite von Artisan noch die Profile der Mitarbeitenden oder die Beiträge des Managements. Überall erschien nur: „This post cannot be displayed“.

Gründer und CEO Jaspar Carmichael-Jack bestätigte, dass LinkedIn das Unternehmen gesperrt hatte. Nach rund zwei Wochen Austausch mit dem Enforcement-Team der Plattform wird Artisan nun schrittweise wieder freigeschaltet.

„Every startup inevitably has some kind of thing that comes back to bite them [from things] that they do early on“, sagte Carmichael-Jack.

Kein Bann wegen Spam durch KI-Agenten

In viralen Posts auf LinkedIn und X wurde spekuliert, Artisan sei wegen aggressiver KI-Spam-Nachrichten verbannt worden. Laut Carmichael-Jack trifft das nicht zu.

Stattdessen hatte LinkedIn demnach zwei Hauptkritikpunkte:

  • Artisan verwendete den Namen „LinkedIn“ auf der eigenen Website, um einige Datenfunktionen mit LinkedIn zu vergleichen.
  • LinkedIn warf dem Startup vor, Datenbroker zu nutzen, die zuvor unerlaubt Daten von der Plattform gescrapt hatten.

Web-Scraping verstößt klar gegen die LinkedIn-Nutzungsbedingungen und kann bereits allein eine Sperre auslösen.

Carmichael-Jack berichtet, das Enforcement-Team habe sich gemeldet und „unsere Accounts komplett eingeschränkt, sodass wir von der Plattform verschwunden sind, während sie das geprüft haben“. Die E-Mail kam an einem Freitagabend, dem 19. Dezember, unmittelbar vor den Weihnachtsfeiertagen.

Das zuständige Team blieb anonym und war nur per E-Mail erreichbar, sei aber dennoch hilfsbereit und reaktionsschnell gewesen, so der CEO.

Viral gegangen – und trotzdem zum Lead-Magneten geworden

Einige LinkedIn-Nutzer hatten die Sperre bereits etwa eine Woche zuvor bemerkt. Richtig Fahrt nahm die Geschichte jedoch erst auf, als Posts und Tweets dazu in den letzten Tagen viral gingen.

Die öffentliche Aufregung wirkte sich überraschend positiv auf Artisans Geschäft aus.

„Sobald wir eingeschränkt wurden, fing unser Lead-Flow an, jeden Tag leicht nach oben zu gehen“, sagt Carmichael-Jack. Sein Fazit: Die Sperre habe sich in kostenlose Werbung verwandelt, weil „so viele Leute darüber gepostet haben“.

Als Gründer mit Faible für Guerilla-Marketing – die „Stop hiring humans“-Billboards in San Francisco haben Artisan überhaupt erst bekannt gemacht – scherzt er: „I wish we’d done it on purpose.“

Diese Änderungen verlangte LinkedIn

Um wieder auf die Plattform zurückzukehren, musste Artisan zwei Baustellen schließen: Markenverwendung und Datenquellen.

Zunächst entfernte das Startup sämtliche LinkedIn-Erwähnungen von seiner Website. Zuvor hatte es diese genutzt, um eigene Datenfeatures mit LinkedIn zu vergleichen.

Dann absolvierte Carmichael-Jack nach eigenen Worten einen Crashkurs in der Überprüfung von Drittanbietern. Artisan nahm seine Datenpartner unter die Lupe, um sicherzustellen, dass sie in Einklang mit LinkedIns Richtlinien agieren und keine gescrapten LinkedIn-Daten einspeisen.

Kernprodukt des Unternehmens ist die KI-Vertriebsagentin Ava. Sie identifiziert potenzielle Kunden und kontaktiert sie automatisch – klassische Outbound-Sales-Aufgaben. Genau in diesem Feld ist LinkedIn besonders sensibel, was den Einsatz seines Namens und seiner Daten angeht.

LinkedIn ist seit Jahren wichtigstes Terrain für menschliche Vertriebler – und zunehmend auch für KI-gestützte Prospecting-Tools.

LinkedIn reagierte auf eine Bitte um Stellungnahme zunächst nicht.

Wie abhängig ist Artisan wirklich von LinkedIn?

Carmichael-Jack relativiert die möglichen Folgen einer dauerhaften Sperre.

Ein „sehr kleiner“ Teil der von Artisan verwendeten Daten stamme überhaupt von LinkedIn, sagt er. Parallel arbeite das Startup daran, seine Agentin Ava stärker zu automatisieren und auf weitere Kanäle zu bringen.

„We can work around anything. We’re launching dialing as a channel in a few months — outbound calling“, so der CEO. Selbst wenn die Sperre nicht aufgehoben worden wäre, „it wouldn’t be the end of the world“.

Ein KI-Agent, der problemlos zwischen E-Mail, Telefon und anderen Kanälen wechseln kann, ist eine strategische Absicherung, falls eine große Plattform von heute auf morgen dichtmacht.

Signalwirkung für KI-Agenten und Datennutzung

Direkt konkurriert LinkedIn derzeit nicht mit Artisan. Die Plattform hat zwar im vergangenen Jahr ihren ersten KI-Agenten namens Hiring Assistant gestartet, dieser konzentriert sich jedoch auf Recruiting – nicht auf Outbound-Sales.

Dass LinkedIn nun trotzdem so drastisch gegen Artisan vorgegangen ist, dürfte in der Agenten-KI-Szene für Aufmerksamkeit sorgen.

Die Aktion deutet auf zwei Dinge hin:

  • Große Plattformen werden ihre Marke und ihre Daten aggressiv verteidigen – auch gegenüber kleinen, schnell wachsenden Startups.
  • Selbst wenn LinkedIn aktuell keinen eigenen Vertriebsagenten anbietet, sieht das Unternehmen diesen Bereich offenbar als strategisch wichtig genug an, um vorsorglich hart einzugreifen.

Für andere KI-Startups, die Agenten auf Basis externer Datenquellen bauen, ist die öffentliche Sperre von Artisan – und die nun leise erfolgte Rückkehr – ein klares Warnsignal:

Big Tech schaut genau hin: auf Ihre Datenlieferanten, Ihre Marketingtexte und Ihre Datenpools. Und im Zweifel wird zuerst der Stecker gezogen – und danach werden Fragen gestellt.

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