Obvious Ventures’ fünfter Fonds: Stresstest für Impact‑VC und Hardtech

27. Januar 2026
5 Min. Lesezeit
Investoren eines Venture-Capital-Fonds betrachten Pitches von Klima-, Gesundheits- und Robotik-Startups auf großen Bildschirmen

1. Überschrift und Einstieg

Der fünfte Fonds von Obvious Ventures liest sich wie ein Insider‑Witz für Mathematiker – 360.360.360 US‑Dollar. Dahinter steckt jedoch ein ernst gemeintes Statement: Kann ein strikt auf Klima, Gesundheit und Automatisierung ausgerichteter VC‑Fonds im aktuellen Marktumfeld Top‑Renditen liefern? In einer Phase, in der viele Limited Partner bei allem mit ESG‑Etikett auf die Bremse treten, ist ein neuer, bewusst mittelgroßer Fonds aus dem Silicon Valley mehr als nur eine Randnotiz.

Im Folgenden ordne ich ein, welche Wette Obvious wirklich eingeht, warum die Fondsgröße ein strategischer Hebel ist und welche Konsequenzen das speziell für den europäischen und DACH‑Markt haben könnte.

2. Die Nachricht in Kürze

Laut einem Bericht von TechCrunch hat Obvious Ventures seinen fünften Kernfonds mit einem Volumen von 360.360.360 US‑Dollar geschlossen. Die von Twitter‑Mitgründer Evan Williams und James Joaquin aufgebaute Gesellschaft ist bekannt dafür, ihren Fonds »spielerische« Zahlen zu geben. Diesmal soll die Zahl eine 360‑Grad‑Perspektive auf drei Schwerpunkte symbolisieren: planetare Gesundheit, menschliche Gesundheit und wirtschaftliche Gesundheit.

Zwölf Jahre nach Gründung gehört Obvious damit klar nicht mehr zur Kategorie »Emerging Manager«. TechCrunch verweist auf Daten von Sapphire Partners, wonach nur etwa 17 % der VC‑Firmen es überhaupt bis zu einem fünften Fonds schaffen. Zu den prominenten Beteiligungen von Obvious zählen Beyond Meat, Planet Labs, Recursion Pharmaceuticals sowie die HR‑ und Payroll‑Plattform Gusto.

Fonds V soll weiterhin in Seed- und Series‑A‑Runden investieren; pro Jahr sind rund zehn neue Deals mit Tickets zwischen fünf und zwölf Millionen US‑Dollar geplant.

3. Warum das wichtig ist

Dieser Fonds ist aus drei Gründen relevant, die weit über eine weitere Fondsankündigung aus Kalifornien hinausgehen.

Erstens: Er ist ein Vertrauensbeweis für hardtech‑getriebenes Impact‑Investing zu einem Zeitpunkt, an dem der Begriff ESG in vielen Anlageausschüssen verbrannt ist. Obvious investiert nicht in »grüne« Konsum‑Apps, sondern in Geothermie (Zanskar), KI‑gestützte Molekül‑ und Wirkstoffentwicklung (Inceptive, Recursion) und Robotik für Lager und Fabriken (Dexterity). Historisch sind das Segmente, in denen sich Generalisten nach dem ersten Cleantech‑Crash lieber die Finger verbrannt als Geld verdient haben.

Zweitens: Die Fondsgröße ist Programm. Mit knapp 360 Millionen US‑Dollar distanziert sich Obvious bewusst von der Mega‑Fonds‑Logik à la a16z oder Tiger Global. Die im TechCrunch‑Artikel beschriebene Philosophie lautet: Ein einziger wirklich langlebiger Börsengang soll theoretisch ausreichen können, um den gesamten Fonds zurückzuzahlen.

Das verändert die Spielregeln. Ein kleinerer Fonds kann frühe Runden führen, ohne dass jedes Portfolio‑Unternehmen zum »Decacorn« wachsen muss. Gründerinnen und Gründer bekommen Investoren, die nicht nur deshalb auf Hyper‑Wachstum drängen, weil sie einen Milliardenfonds beschäftigen müssen. Limited Partner wiederum erhalten Zugang zu Klima- und Gesundheitsthemen ohne hemmungsloses »Spray and Pray«.

Drittens: Obvious versucht, einen schwierigen Spagat. Auf der einen Seite stehen planetare und menschliche Gesundheit, auf der anderen Seite eine Automatisierung, die ganz real Arbeitsplätze verändert. In Robotik‑Unternehmen zu investieren, die »langweilige, schmutzige und gefährliche« Tätigkeiten übernehmen, ist aus Perspektive von Sicherheit und Produktivität sinnvoll – gesellschaftlich wirft es aber Fragen auf. Der Pfeiler »wirtschaftliche Gesundheit« wird zeigen, ob Impact‑Investoren bereit sind, Technologien zu finanzieren, die gleichzeitig Sicherheit erhöhen und Jobprofile infrage stellen.

4. Der größere Kontext

Fonds V positioniert sich an der Schnittstelle von drei Strukturtrends im Venture‑Kapital.

1. Die zweite Welle der Klimatechnologie. Nach dem schmerzhaften Einbruch der ersten Cleantech‑Generation Ende der 2000er Jahre erlebt Climate Tech ein Comeback – mit besserer Kostenstruktur und massiver politischer Flankierung, etwa durch den europäischen Green Deal oder den US‑Inflation Reduction Act. Geothermie, lange Randthema neben Solar und Wind, rückt ins Zentrum, weil KI‑Rechenzentren und Elektrifizierung riesigen Bedarf an grundlastfähiger, sauberer Energie erzeugen. Zanskar passt exakt in dieses Narrativ einer »Energie‑Infrastruktur für KI«.

2. KI für Wissenschaft statt nur für Chatbots. Die erste Phase des Generative‑AI‑Booms war von Basismodellen und Developer‑Tools geprägt. Jetzt verschiebt sich der Fokus zu »AI for Science«: Wirkstoffforschung, Materialwissenschaft, Biologie. Inceptive und Recursion sind typische Vertreter. Für LPs, die von hoch bewerteten Foundation Models abgeschreckt sind, bieten solche Plattformen eine alternative Wette: enorme Märkte, starke IP‑Gräben und Zeiträume, die eher zur Laufzeit eines VC‑Fonds passen.

3. Ein neuer Robotik‑Superzyklus. Globale Lieferketten, alternde Gesellschaften und Fachkräftemangel schaffen einen perfekten Nährboden für Automatisierung. Unternehmen wie Dexterity, die Lager- und Fabrikarbeit automatisieren, sind Teil einer breiteren Welle humanoider und spezialisierter Roboter. Diese Ansätze verbinden KI, Mechanik und industrielle Software – genau der Bereich, in dem spezialisierte Fonds mit technischer Tiefe gegenüber Tourist‑Investoren im Vorteil sind.

Bemerkenswert ist, dass Obvious all dies in einer konsistenten These bündelt: Wer gleichzeitig die Gesundheit des Planeten, des Menschen und der Wirtschaft verbessert, erzeugt überproportionale Effekte. Das ist weit entfernt von der früheren Impact‑Klischeevorstellung, bei der Rendite als Opfer für das gute Gewissen galt.

5. Die europäische / DACH‑Perspektive

Für Europa und speziell den DACH‑Raum ist Fonds V aus mehreren Gründen spannend.

Erstens erweitert sich der Kreis potenzieller Lead‑Investoren für europäische Deep‑Tech‑Gründer. Die Region verfügt über exzellente wissenschaftliche Ökosysteme – von Geothermie in Island und Italien über Biotech‑Cluster in der Schweiz und in Deutschland bis hin zu Robotik in München und Zürich. Was häufig fehlt, ist privates Wachstums‑Kapital zwischen Series A und C. Ein fokussierter US‑Fonds dieser Größenordnung ist ein natürlicher Syndikats‑Partner für Akteure wie World Fund, Planet A, Vsquared, High-Tech Gründerfonds oder bayerische und schweizerische Deep‑Tech‑Fonds.

Zweitens korrespondiert die 360‑Grad‑Philosophie von Obvious überraschend gut mit der EU‑Regulierung. Der Green Deal, die kommende EU‑KI‑Verordnung, der Digital Services Act, aber auch die SFDR‑Vorgaben zur Klassifizierung nachhaltiger Finanzprodukte zwingen Fonds und Startups dazu, ökologische, soziale und Governance‑Aspekte strukturiert zu betrachten. Ein Fonds, der seine Strategie ohnehin entlang »planetarer, menschlicher und wirtschaftlicher Gesundheit« definiert, hat einen gewissen Startvorteil bei der Dokumentation von Impact‑Kennzahlen.

Drittens erhöht ein solcher US‑Fonds den Druck auf europäische Kapitalgeber. Öffentliche Geldgeber wie der Europäische Investitionsfonds, KfW Capital oder Bpifrance haben zwar erheblich in Climate‑ und Deep‑Tech‑Fonds investiert. Doch viele große private LPs in der DACH‑Region – Pensionskassen, Versicherer, Stiftungen – sind weiterhin zögerlich, wenn »Impact« auf dem Pitch‑Deck steht. Wenn Obvious & Co. demonstrieren, dass sich mit diesem Ansatz attraktive Ausschüttungen erzielen lassen, wird es für hiesige LPs schwieriger, sich hinter dem Argument »Impact bringt keine Rendite« zu verstecken.

6. Ausblick

Die nächsten drei bis fünf Jahre werden zeigen, ob Fonds V als Blaupause für »Impact‑VC 2.0« taugt – oder als Warnung dient.

Wahrscheinlich ist, dass Obvious seine Aktivitäten auf drei Überlappungen konzentriert:

  • Energie‑ und Infrastruktur‑Tech, das KI‑Rechenzentren und Elektrifizierung stützt,
  • KI‑getriebene Plattformen für Biologie und Chemie,
  • Robotik, die Sicherheits- und Produktivitätsprobleme löst und zugleich mit dem Arbeitsmarkt kompatibel bleibt.

Die größte Herausforderung ist das Timing: Geothermieprojekte sind kapitalintensiv und langwierig, Wirkstoffentwicklung kann die Fondslaufzeit leicht sprengen, humanoide Robotik kämpft noch mit Zuverlässigkeit und Regulierung. Ein Fonds mit 360 Millionen Dollar ermöglicht fokussierte Portfolios, limitiert aber die Fähigkeit, sehr große Folgefinanzierungen alleine zu stemmen.

Spannend wird auch die geografische Strategie. Konzentriert sich Obvious stark auf die USA, verschenkt der Fonds Chancen auf exzellente europäische und asiatische Forschungsteams. Geht er zu früh global, droht Überdehnung einer kleinen Partnerstruktur. Erfolgreiche europäische Climate‑ und Health‑Fonds haben dieses Dilemma meist durch starke lokale Co‑Investment‑Netzwerke gelöst – ein Modell, das Obvious adaptieren müsste, um in Europa wirklich relevant zu werden.

Für Leserinnen und Leser im DACH‑Raum sind folgende Signale besonders interessant:

  • Taucht Obvious künftig in Finanzierungsrunden europäischer Geothermie‑, Biotech‑ oder Robotik‑Startups auf?
  • Werden hiesige Fonds ihre eigenen Strategien nachschärfen und Kooperationen mit spezialisierten US‑Managern suchen?
  • Reagieren große deutsche und schweizerische LPs, wenn Impact‑Fonds nachweislich marktfähige Renditen abliefern?

7. Fazit

Obvious Ventures’ fünfter Fonds über 360.360.360 US‑Dollar ist weniger eine Spielerei mit Zahlen als ein belastbarer Test, ob eine kompromisslos impact‑orientierte Hardtech‑Strategie dauerhaft zur Spitzengruppe der Venture‑Renditen gehören kann. Gelingt es, aus Klima‑, Gesundheits- und Automatisierungs‑Investments robuste börsennotierte Unternehmen zu formen, stärkt das die Position spezialisierter Mittelstands‑Fonds – auch in Europa. Scheitert der Ansatz, dürfte sich viel Kapital wieder in bequemere SaaS‑Themen zurückziehen.

Die eigentliche Frage lautet: Wird die nächste Generation europäischer »Mission‑Unicorns« mit Kapital gebaut, das Impact als Kern, nicht als Marketing‑Label versteht?

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