Raspberry Pi verabschiedet sich vom 35‑Dollar‑Mythos – und gerät strategisch unter Druck

3. Februar 2026
5 Min. Lesezeit
Nahaufnahme eines Raspberry Pi 5 mit gut sichtbaren Speicherchips auf der Platine

Raspberry Pi verabschiedet sich vom 35‑Dollar‑Mythos – und gerät strategisch unter Druck

Der Raspberry Pi war nie der schnellste Rechner, aber er verkörperte ein Versprechen: ein „echter Computer“ für rund 35 Dollar. Dieses Versprechen erodiert. Wegen drastisch gestiegener RAM‑Preise, ausgelöst durch den KI‑Boom, erhöht Raspberry Pi bereits zum zweiten Mal innerhalb von zwei Monaten die Preise – insbesondere für Modelle mit viel Arbeitsspeicher. In diesem Kommentar beleuchten wir, was auf dem Speicher‑Markt passiert, warum der Pi damit seine Position als Standardplattform riskiert, welche Folgen das für Bildung, Maker‑Szene und Industrie im DACH‑Raum hat und welche Alternativen sich dadurch in Stellung bringen.


Die Nachricht in Kürze

Laut einem Bericht von Ars Technica hebt Raspberry Pi Ltd die Preise für einen Großteil seiner Raspberry‑Pi‑4‑ und Raspberry‑Pi‑5‑Boards mit mindestens 2 GB LPDDR4‑RAM an, darunter auch die Compute‑Module 4 und 5 sowie den Tastatur‑Rechner Raspberry Pi 500.

Die Preissprünge sind nach Speicherausbau gestaffelt: 2‑GB‑Modelle werden um 10 US‑Dollar teurer, 4‑GB‑Varianten um 15 Dollar, 8‑GB‑Boards um 30 Dollar und 16‑GB‑Ausführungen sogar um 60 Dollar. Diese Erhöhungen kommen zu allgemeinen Preisanpassungen von 5 bis 15 Dollar hinzu, die bereits im Dezember für viele Pi‑4‑ und Pi‑5‑Modelle eingeführt wurden, sowie kleineren Aufschlägen im Oktober.

Der 16‑GB‑Raspberry‑Pi 5 kostet damit laut Ars Technica künftig rund 205 Dollar; die 8‑GB‑Varianten von Pi 4 und Pi 5 liegen bei etwa 125 bzw. 135 Dollar. Die Einstiegsversionen mit 1 GB RAM bleiben vorerst bei 35 Dollar (Pi 4) bzw. 45 Dollar (Pi 5), ebenso der Pi 400 und ältere LPDDR2‑basierte Modelle wie Pi 3 und Pi Zero. Das Unternehmen kündigt an, die Preise wieder zu senken, sobald sich der RAM‑Markt entspannt.


Warum das wichtig ist

Hier geht es nicht nur um eine weitere Komponententeuerung, sondern um die strategische DNA des Raspberry Pi.

Die Marke lebt vom Bild des „35‑Dollar‑Computers“. Selbst als leistungsfähigere und teurere Versionen erschienen, blieb dieser Referenzpreis im Hinterkopf: Ein Pi muss günstig, niedrigschwellig und im Zweifel austauschbar sein. Sobald Boards in der Region 120–200 Euro landen, verschiebt sich die mentale Vergleichsgröße: Statt „besserer Bastelcontroller“ heißt es „warum nicht gleich ein gebrauchter Mini‑PC?“

Wer profitiert? Kurzfristig vor allem die Speicherhersteller, die von der durch KI getriebenen Nachfragespitze nach DRAM und NAND profitieren. Raspberry Pi sichert sich mit der Preiserhöhung lediglich die eigene Marge – ohne diesen Schritt würde man manche Modelle de facto subventionieren.

Die Verlierer sind klar:

  • Schülerinnen, Studierende und Maker, für die der Pi der naheliegende Einstieg in Linux und Embedded‑Entwicklung war.
  • Schulen, Bibliotheken, Vereine und Makerspaces, die auf den Pi standardisiert haben, weil er einfach und billig zu beschaffen ist.
  • Kleine und mittlere Industrie‑ und IoT‑Anbieter, die mit festen Stückkosten kalkuliert haben.

Für den Ökosystem‑Effekt reicht schon ein moderater Aufschlag: Projekte, die für 60–80 Euro pro Einheit geplant waren, rutschen plötzlich in Regionen oberhalb von 100 Euro – und werden politisch schwerer vermittelbar oder wirtschaftlich unattraktiv.

Noch gravierender: Der Preissprung verwischt den Abstand zu x86‑Mini‑PCs, ARM‑Klonen (Orange Pi, Radxa, Banana Pi) und ausgemusterten Thin Clients. Dort, wo Raspberry Pi heute noch „die Standardantwort“ auf Bastel‑ und Lehrfragen ist, könnte er bald nur noch eine Option unter vielen sein.


Der größere Kontext

Um die Entwicklung einzuordnen, lohnt ein Blick auf den globalen Speichermarkt.

Die aktuelle Lage ist maßgeblich vom KI‑Hype getrieben. Hyperscaler und Chipkonzerne kaufen massiv HBM, GDDR und konventionellen DRAM für Trainings‑ und Inferenz‑Cluster. Wenn Kunden bereit sind, über Jahre hinweg hohe Preise zu zahlen, verlagern Hersteller ihre Kapazitäten – die Folge: knapperes Angebot und höhere Preise für alles, was DRAM nutzt, vom Gaming‑PC bis zur Einplatine.

Ähnliche Zyklen haben wir schon erlebt:

  • In der Pandemie führte der PC‑ und Konsolen‑Boom zu massiven Engpässen bei GPUs und auch bei Raspberry‑Pi‑Boards (2022/23).
  • Bereits 2017/18 steuerten DRAM‑Hersteller Angebot und Lagerbestände aktiv, um Preise und Margen zu erhöhen.

Der Unterschied heute: Der KI‑Bedarf wirkt weniger wie eine kurze Spitze und mehr wie ein mehrjähriger Strukturtrend. Für einen vergleichsweise kleinen Abnehmer wie Raspberry Pi, der im selben DRAM‑Teich schwimmt wie Smartphone‑ und Server‑Giganten, ist das ein Problem.

Parallel verschiebt sich die Wettbewerbslage:

  • Am oberen Ende drängen immer billigere x86‑Mini‑PCs mit 8–16 GB RAM und SSDs für 130–200 Euro in den Markt. Sie sind vielleicht nicht hübsch oder lüfterlos, bieten aber volle PC‑Flexibilität.
  • Am unteren Ende decken Mikrokontroller‑Plattformen (ESP32, RP2040, Arduino) viele IoT‑Anwendungsfälle für wenige Euro ab.
  • RISC‑V‑Boards tauchen zunehmend als Alternative für Enthusiasten und Forschung auf.

Raspberry Pi gerät so in die klassische Sandwich‑Position: nicht mehr eindeutig der günstigste Einstieg, aber auch nicht mächtig genug, um mit x86‑Systemen zu konkurrieren. Preisexplosionen verschärfen dieses Dilemma.


Die europäische / DACH‑Perspektive

Im DACH‑Raum hat der Raspberry Pi eine besondere Rolle: Er ist Infrastruktur für digitale Bildung, für datenschutzfreundliches Self‑Hosting und für industrielle Sonderlösungen.

Viele Schulen in Deutschland, Österreich und der Schweiz nutzen den Pi im Informatik‑ und Technikunterricht. Landesinitiativen zur digitalen Bildung haben sich auf ihn verlassen, weil er günstig, robust und gut dokumentiert ist. Steigt der Preis eines Klassensatzes plötzlich um 30–40 %, geraten Budgets ins Wanken – oder Tablets und Chromebooks werden attraktiver, obwohl sie pädagogisch oft weniger Offenheit bieten.

Datenschutz‑sensible Nutzerinnen und Nutzer in Deutschland haben Raspberry Pis massenhaft als Heimserver eingesetzt: für Nextcloud, Home Assistant, Pi‑hole, VPN‑Gateways. Das passt hervorragend zur Kultur der Datenhoheit und zu Regulierungen wie der DSGVO und dem Digital Services Act, die europäische Alternativen zu US‑Clouds stärken sollen. Wenn Self‑Hosting spürbar teurer wird, verschiebt sich das Kräfteverhältnis wieder etwas Richtung großer Cloud‑Anbieter.

Für die Industrie im DACH‑Raum – Maschinenbau, Gebäudetechnik, Smart City, Energie – war der Pi ein günstiges, gut verfügbares Embedded‑Herzstück. Firmen kalkulieren mit Stücklisten über Jahre, teilweise im Rahmen von EU‑geförderten Projekten. Preissprünge kollidieren hier mit regulatorischen Vorgaben zu Langzeitverfügbarkeit, Ecodesign und der kommenden EU‑Verordnung zur Reparierbarkeit: Je teurer die zentrale Platine, desto unwirtschaftlicher wird es, sie im Feld einfach zu tauschen.

Gleichzeitig entstehen Chancen für europäische Anbieter von Single‑Board‑Computern und Industrie‑PCs, etwa in Deutschland, den Niederlanden oder Skandinavien. Wer Speicher frühzeitig sichert oder sich bewusst auf Nischen (erweiterter Temperaturbereich, spezielle Schnittstellen, langfristige Versorgung) konzentriert, kann von der Verunsicherung profitieren – auch wenn die fundamental hohen DRAM‑Preise niemandem erspart bleiben.


Blick nach vorn

Entscheidend wird sein, wie lange der RAM‑Markt angespannt bleibt und wie Raspberry Pi sein Portfolio darauf ausrichtet.

Historisch dauern DRAM‑Zyklen meist 12 bis 24 Monate, bis neue Fertigungskapazitäten greifen und Nachfragewellen abebben. Durch den parallelen KI‑Ausbau ist jedoch fraglich, ob die Preise je wieder das Vorkrisenniveau erreichen. Für 2026 ist eher mit anhaltend hohen, wenn auch schwankenden Preisen zu rechnen.

Worauf sollten Beobachter achten?

  • Neue Low‑RAM‑Varianten: Denkbar ist, dass 1–2 GB zur neuen Norm werden und 4–16 GB als klar „professionelle“ Linie positioniert werden.
  • Stärkere Fokussierung auf RP2040‑Plattformen: Hier hat Raspberry Pi die Silizium‑Kontrolle und ist weniger direkt von DRAM‑Kursen abhängig.
  • Verschiebungen in der Community: Wenn in Foren wie heise, Reddit oder lokalen Hackerspaces verstärkt x86‑Mini‑PCs, Orange Pi oder gebrauchte Thin Clients empfohlen werden, ist das ein Frühindikator für einen Machtwechsel.
  • Reaktionen der Bildungsministerien: Entscheiden sie sich für general purpose Laptops und Cloud‑Lösungen statt für offene Bastelplattformen, hat das langfristige Folgen für digitale Kompetenzen.

Reputationsrisiken sind nicht zu unterschätzen. Selbst wenn Raspberry Pi transparent kommuniziert und Preiserhöhungen später zurücknimmt, bleibt leicht der Eindruck hängen: „Der Pi ist nicht mehr billig“. Solche Narrative überleben oft die eigentliche Krise.

Gleichzeitig kann der Zwang zur Neupositionierung heilsam sein. Raspberry Pi könnte sein Angebot klarer segmentieren: robuste, günstige Bildungs‑Modelle mit wenig RAM; teurere High‑End‑Boards für Industrie und Power‑User; dazu ein breites Ökosystem an RP2040‑basierten Microcontrollern. Wenn die Community‑Stärke und Software‑Qualität halten, kann der Pi auch jenseits des 35‑Dollar‑Mythos relevant bleiben.


Fazit

Die zweite Preiserhöhung beim Raspberry Pi innerhalb von zwei Monaten ist ein direktes Resultat des KI‑getriebenen RAM‑Mangels – aber sie trifft genau jene Gruppen, die die Plattform groß gemacht haben: Bildung, Maker‑Szene und kleine Industrie. Hoch‑RAM‑Modelle bewegen sich preislich inzwischen in der Mini‑PC‑Liga, der „35‑Dollar‑Computer“ ist eher nostalgische Erinnerung als Realität. Wenn sich der Speichermarkt nicht bald entspannt oder Raspberry Pi sein Portfolio nicht klarer ausrichtet, könnte sich die Standard‑Empfehlung für das erste Linux‑System vom Pi zu x86‑Mini‑PCs und Konkurrenz‑Boards verschieben. Die Frage ist: Bleibt der Pi auch ohne Preismythos das Herz der Bastel‑Community?

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