SpaceX vor dem Börsengang: Rettung für den Tech‑Markt oder Größenwahn?

29. Januar 2026
5 Min. Lesezeit
SpaceX‑Rakete auf der Startrampe vor Börsenkurs‑Grafiken

1. Überschrift und Einstieg

SpaceX bereitet keinen gewöhnlichen Börsengang vor, sondern einen Belastungstest für die Risikobereitschaft der globalen Kapitalmärkte. Ein kolportiertes Bewertungsziel von rund 1,5 Billionen US‑Dollar würde Elon Musks Raumfahrtfirma vom ersten Handelstag an in eine Liga mit Apple und Microsoft katapultieren – noch bevor ein einziger deutsche oder österreichische Privatanleger einen Kaufauftrag platziert hat.

Dieser Schritt betrifft weit mehr als nur Raumfahrtfans. Er könnte den IPO‑Markt wieder öffnen, späte Finanzierungsrunden neu bepreisen und zeigen, ob Investoren nach Zinswende und Tech‑Korrektur erneut bereit sind, sehr hohe Wachstumsprämien zu zahlen. Im Folgenden ordnen wir das TechCrunch‑Bericht ein – mit Fokus auf Gewinner, Verlierer und die europäische Perspektive.


2. Die Nachricht in Kürze

Laut TechCrunch arbeitet SpaceX mit vier großen Wall‑Street‑Banken an einem Börsengang im Jahr 2026. Das Unternehmen hat kürzlich ein Aktienrückkauf‑Programm (Tender Offer) abgeschlossen, das die Firma mit rund 800 Milliarden US‑Dollar bewertet. Die Nachfrage nach SpaceX‑Anteilen am Sekundärmarkt wird als extrem hoch beschrieben.

Marktbeobachter, auf die sich TechCrunch bezieht, diskutieren eine mögliche Bewertung von etwa 1,5 Billionen US‑Dollar beim IPO. Damit wäre SpaceX eines der wertvollsten Unternehmen, das je an die Börse gegangen ist.

TechCrunch interpretiert diesen Schritt als möglichen Auslöser für eine neue IPO‑Welle: Sollten Investoren SpaceX diese Bewertung zugestehen, könnte das andere Einhörner der späten Phase – etwa OpenAI, Stripe oder Databricks – zusätzlich unter Druck setzen, ihre Börsenpläne zu beschleunigen. Im Podcast „Equity“ erläuterte Greg Martin von Rainmaker Securities, warum sich dieser Deal anders anfühlt, wie Beschäftigte über Sekundärmärkte Kasse machen und worauf Pre‑IPO‑Investoren derzeit achten.


3. Warum das wichtig ist

Die spektakulären Zahlen sind nur die Oberfläche. Darunter geht es um das Fundament des gesamten Tech‑Finanzierungsmodells: Liquidität.

Das Versprechen der Venture‑Kapital‑Industrie lautete lange: Akzeptieren Sie Illiquidität heute, dafür gibt es morgen einen lukrativen Exit. Mit der IPO‑Durststrecke 2022–2023 geriet dieses Versprechen ins Wanken. Spätphasen‑Fonds saßen auf Buchgewinnen, Mitarbeitende auf Optionen ohne Marktpreis, und Limited Partners fragten zunehmend nach realisierten Erlösen.

Ein SpaceX‑IPO in dieser Größenordnung hätte drei zentrale Effekte:

  • Neuer Maßstab für späte Finanzierungsphasen. Wird eine Bewertung nahe 1,5 Billionen US‑Dollar akzeptiert, werden Aufsichtsräte anderer Unicorns ihre CFOs fragen: „Warum wir nicht?“ Aber auch ein deutlich niedrigeres, aber erfolgreiches Pricing setzt eine Referenz für Deep‑Tech‑, Infrastruktur‑ und Raumfahrt‑Bewertungen.

  • Machtverschiebung hin zu Gründern und Mitarbeitenden. Wie TechCrunch berichtet, sind Sekundärmärkte rund um SpaceX bereits „am Brennen“. Das ist aufgestaute Liquiditätsnachfrage. Angestellte, die seit Jahren auf Papiervermögen sitzen, können endlich diversifizieren. Gründer gewinnen Verhandlungsmacht gegenüber Investoren: Das Börsenfenster ist nicht länger hypothetisch.

  • Zwickmühle für institutionelle Anleger. Pensionskassen und Fonds, die in privaten Runden nicht investiert waren, müssen entscheiden: Zahlen sie spätphasige Bewertungen nun doch an der Börse – oder akzeptieren sie eine untergewichtete Position in einem Unternehmen, das faktisch die Startinfrastruktur für Satelliten und Missionen weltweit dominiert?

Die Verlierer sind klar: Spätphasige Tech‑Firmen ohne klaren technologischen Burggraben. Wenn ein real fliegendes Raumfahrt‑ und Satellitenunternehmen an den Markt kommt, wirken viele Pitch‑Decks mit digitalen Produkten schlagartig klein und austauschbar.


4. Das große Bild

Historische Vergleiche gibt es: Der Börsengang von Alibaba 2014, Facebook 2012 oder Saudi Aramco 2019 testeten die Aufnahmefähigkeit der Märkte für „Systemunternehmen“. SpaceX unterscheidet sich jedoch in zwei Punkten: Die private Bewertung ist bereits extrem hoch – und das Geschäftsmodell ist tief in physischer Infrastruktur verankert.

Ein Blick auf den Zyklus erklärt, warum dieser IPO so aufgeladen ist:

  • 2020–2021: Nullzins, SPAC‑Hype, überteuerte Tech‑Börsengänge.
  • 2022–2023: Zinswende, Tech‑Korrektur, praktisch stillstehender IPO‑Markt.
  • 2024: Zaghafte Wiederöffnung mit kleineren, defensiv gepreisten Tech‑IPOs.

Ein SpaceX‑Listing 2026 wäre der erste wirklich große Test, ob Märkte nach der Zinswende bereit sind, ein kapitalintensives Wachstumsunternehmen in der Größenordnung eines Mega‑Caps zu finanzieren.

Zwei strukturelle Trends kulminieren hier:

  1. Sekundärmärkte werden offiziell Mainstream. Was TechCrunch beschreibt – die enorme Aktivität rund um SpaceX‑Anteile – ist Ausdruck eines dauerhaften Wandels. Mitarbeitende und Frühinvestoren verlangen planbare Teil‑Liquidität vor dem IPO. Spezialisierte Broker, Fonds und digitale Plattformen professionalisieren diesen bisher grauen Markt.

  2. Rehabilitierung von Hardware und Deep Tech. Jahrelang galt in vielen VC‑Portfolios „Software frisst die Welt, Hardware frisst Kapital“. Ein erfolgreicher SpaceX‑Börsengang würde das Narrativ verschieben: Langfristiges Kapital in anspruchsvoller Technologie kann sich stärker lohnen als die x‑te B2B‑SaaS‑Lösung.

Für Wettbewerber wie OpenAI, Stripe oder Databricks ist SpaceX damit mehr als nur ein Medienereignis. Ihre eigenen Bewertungen werden künftig daran gemessen, ob sie ähnlich unverzichtbare Infrastruktur aufbauen – oder „nur“ hochwertige Software liefern, die auf fremden Plattformen läuft.


5. Die europäische und DACH‑Perspektive

Für Europa – und besonders die DACH‑Region – ist SpaceX an der Börse Chance und Weckruf zugleich.

Die Chance: Institutionelle Anleger und Privatanleger in Deutschland, Österreich und der Schweiz werden SpaceX über US‑Börsen und Neo‑Broker problemlos handeln können. In Märkten, in denen heimische Tech‑IPOs rar sind, ist ein liquider, global relevanter Titel hochattraktiv. Schon heute sind US‑Tech‑Werte bei deutschen Neo‑Bro­kern unter MiFID‑II‑Regime die Zugpferde der Kundenakquise.

Der Weckruf: Europa hängt bei Trägerraketen und Konnektivität teils dramatisch von SpaceX ab. Ariane 6 kommt spät, deutsche Launcher‑Startups wie Isar Aerospace oder Rocket Factory Augsburg befinden sich noch im Hochlauf, und Programme wie die EU‑Konstellation IRIS² sind ambitioniert, aber weit von der Marktreife entfernt. Ein extrem kapitalstarkes SpaceX wäre nicht nur Anbieter, sondern kritische Infrastruktur – auch für europäische Staaten.

Regulatorisch wird das mit bestehenden Dossiers verknüpft werden: Datenschutz (GDPR) beim Einsatz von Starlink‑Diensten, Digitale‑Dienste‑Gesetz (DSA) bei Content‑Transport, EU‑Weltraumstrategie und Diskussionen um strategische Autonomie. Hinzu kommt die Frage, ob und wie europäische Pensionskassen und Versicherer angesichts ESG‑Auflagen in ein von Musk dominiertes Konglomerat investieren dürfen.

Für das hiesige Startup‑Ökosystem – von Berliner New‑Space‑Firmen bis zu Münchner Deep‑Tech‑Gründungen – sendet SpaceX ein zweischneidiges Signal: Ja, Deep Tech kann gigantische Werte schaffen. Aber der Maßstab, an dem man sich messen lassen muss, steigt dramatisch.


6. Ausblick

Mehrere offene Punkte entscheiden darüber, ob der SpaceX‑IPO als Triumph oder als Warnung in die Lehrbücher eingeht:

  • Transparenz: Der S‑1‑Prospekt wird harte Zahlen zu Starlink, Startpreisen, Margen und Capex liefern müssen. Das kann den Glauben an die private Bewertung stützen – oder den Hype entzaubern.

  • Governance und Musk‑Risiko: Welche Stimmrechtsstruktur wird gewählt? Wie werden mögliche Geschäfte mit anderen Musk‑Firmen (Tesla, xAI, X) geregelt? Europäische Aufseher und institutionelle Investoren werden genau hinsehen.

  • Makroklima: Bis 2026 kann viel passieren – von Rezession bis geopolitischen Schocks. In einem fragilen Umfeld könnte ein riesiger Wachstums‑IPO schnell zum Symbol überzogener Erwartungen werden.

Für Anleger in der DACH‑Region lohnt es sich, in den kommenden 12–18 Monaten Sekundärpreise, neue Tender‑Offers und die IPO‑Pläne anderer Unicorns im Auge zu behalten. Niemand möchte gern direkt hinter einem Giganten an den Markt, wenn dieser kurz nach dem Debüt deutlich unter Emissionspreis fällt.


7. Fazit

Der geplante SpaceX‑Börsengang ist weit mehr als eine weitere Tech‑Story. Er ist ein Referendum darüber, ob die Kapitalmärkte nach Zinswende und Korrektur wieder bereit sind, extreme Wachstumsprämien für große Visionen zu zahlen. Bestätigen Investoren eine Bewertung nahe 1,5 Billionen US‑Dollar, entsteht ein neuer Maßstab, an dem sich jede späte Finanzierungsrunde messen lassen muss. Scheitert das Pricing, lautet die Botschaft: Die Private‑Equity‑Maschinerie hat den Bogen überspannt.

Die entscheidende Frage für Anleger lautet daher weniger „Zeichne ich den IPO?“ als: „Welche Art von Infrastruktur und Machtkonzentration wollen wir mit unserem Kapital langfristig unterstützen?“

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