Der frühere Bolt-CEO Maju Kuruvilla hat mit seinem neuen Unternehmen einen markanten Sprung hingelegt.
Sein KI-basiertes E‑Commerce-Startup Spangle hat eine Serie-A-Finanzierungsrunde über 15 Millionen US‑Dollar abgeschlossen. Die Runde bewertet das Unternehmen mit 100 Millionen US‑Dollar nach Geldzufluss. Angeführt wurde sie von NewRoad Capital Partners, beteiligt waren außerdem Madrona, DNX Ventures, Streamlined Ventures sowie strategische Business Angels.
Zum Vergleich: Beim Seed-Round über 6 Millionen US‑Dollar lag die Pre-Money-Bewertung noch bei 30 Millionen US‑Dollar. Insgesamt hat Spangle nun 21 Millionen US‑Dollar eingesammelt.
Vom statischen Katalog zur dynamischen KI-Fläche
Der Kontext für Spangle: Immer mehr Kaufentscheidungen werden getroffen, bevor Kundinnen und Kunden überhaupt eine Marken-Website betreten – über KI-Tools, soziale Netzwerke und Empfehlungssysteme.
Spangle positioniert sich genau an dieser Schnittstelle. Anstatt Besucherinnen und Besucher auf vordefinierte Produkt- oder Kategorieseiten zu leiten, schicken Händler den Traffic auf eine quasi leere Seite. Diese Seite wird im Moment des Besuchs von Spangles KI aufgebaut.
Kernstück ist ein proprietäres Modell namens ProductGPT. Es verarbeitet Signale wie:
- Herkunft des Traffics,
- Suchanfragen und Klicks,
- das Verhalten ähnlicher Nutzergruppen.
Auf dieser Basis generiert ProductGPT in Echtzeit passende Produkte, Empfehlungen und Inhalte für den jeweiligen Besuch.
„Wir machen die Marke zukunftssicher“, sagt Kuruvilla. Spangle trainiert sein Modell auf dem Produktkatalog und den Performance-Daten jedes einzelnen Händlers, sodass sich die Customer Journey automatisch anpasst.
Einige Marktbeobachter sehen Spangle bereits als eine Art „Shopify für KI-getriebenen Commerce“ – also als Infrastrukturschicht, nicht nur als weiteres Optimierungstool.
Neun Enterprise-Kunden – starke Referenzen aus der Mode
Spangle ist im März 2025 aus dem Stealth-Modus gekommen. Seitdem hat das Unternehmen neun Enterprise-Kunden gewonnen, darunter die Modehändler Revolve, Alexander Wang und Steve Madden. Deren kombinierter Online-Umsatz liegt nach Angaben von Kuruvilla bei rund 3,8 Milliarden US‑Dollar.
Der durch Spangles Plattform fließende Traffic wächst laut Unternehmen um etwa 57 % pro Monat, alle Kunden bauen ihre Nutzung aus. Konkrete Umsatzgrößen nennt Spangle nicht, erklärt aber, man habe den annualisierten Umsatz im vierten Quartal vervierfacht.
Auf Händlerseite zählen vor allem harte KPIs. Kuruvilla berichtet, dass Marken mit Spangle typischerweise sehen:
- einen Anstieg des Umsatzes pro Besuch um knapp 50 %,
- eine Verdopplung des Return on Ad Spend (ROAS),
- eine Erhöhung des durchschnittlichen Bestellwerts (AOV) um rund 15 %.
Beim Fashion-Händler Revolve fallen die Effekte besonders ins Gewicht. Spangles Software hilft dort, Einkaufserlebnisse in Echtzeit anzupassen und sorgt laut Ryan Pabelona, Vice President Performance Marketing bei Revolve, für etwa 60 % besseres ROAS und 50 % mehr Umsatz pro Besuch.
Shopping für Menschen und Maschinen
Spangles Ansatz spiegelt einen grundlegenden Wandel wider: Immer mehr Konsumentinnen und Konsumenten nutzen KI-Tools wie ChatGPT oder browserbasierte Agenten, um Produkte zu suchen, zu vergleichen und vorzufiltern.
Damit bedienen Marken-Websites künftig zwei Zielgruppen gleichzeitig:
- reale Personen am Bildschirm,
- automatisierte Agenten, die im Auftrag dieser Personen recherchieren.
Statische Produktlisten stoßen in diesem Szenario schnell an Grenzen. Kuruvilla argumentiert, dass Händler Software brauchen, die in Echtzeit auf beide reagiert – anstatt allen denselben Katalog zu präsentieren.
Laut ihm wurde ein Modell wie Spangle erst in den letzten zwei Jahren wirtschaftlich sinnvoll, weil drei Entwicklungen zusammenkamen:
- Konsumentinnen und Konsumenten gewöhnten sich daran, Produkte über KI-Tools zu entdecken.
- Die Anzahl der Discovery-Kanäle explodierte weit über Google und Meta hinaus.
- Fortschritte in der KI senkten Kosten und Latenzzeiten für personalisierte Erlebnisse in Echtzeit deutlich.
Das Ergebnis ist eine KI-native Commerce-Infrastruktur, die nicht nur an einzelnen Stellschrauben dreht, sondern den Aufbau des digitalen Schaufensters grundsätzlich neu denkt.
Erfahrung aus Amazon und Bolt als Fundament
Kuruvilla bringt dafür einen ausgeprägten Commerce-Hintergrund mit. Bevor er 2024 Spangle gründete, war er CEO des One-Click-Checkout-Anbieters Bolt. Davor arbeitete er über ein Jahrzehnt bei Amazon an großskaligen Handels- und KI-Systemen.
Mitgründer und CTO Fei Wang war Principal Engineer bei Amazon, wo er an Alexa und Technologien für den Kundenservice arbeitete, später dann CTO bei Saks Off 5th.
Diese Erfahrung mit großen Zahlungs- und Handelsplattformen prägt Spangles Fokus: Statt eines weiteren Punkt-Tools wollen sie eine Infrastrukturschicht bauen, auf die Händler ihre Commerce-Experiences aufsetzen.
100 Millionen Dollar Bewertung mit nur sechs Mitarbeitenden
Ein Detail sticht aus den Kennzahlen besonders hervor: Spangle beschäftigt derzeit nur sechs Vollzeitkräfte.
Das illustriert eindrucksvoll, wie stark moderne KI-Werkzeuge es kleinen Teams ermöglichen, Enterprise-Software zu entwickeln und zu betreiben, für die früher deutlich größere Organisationen nötig waren.
Mit dem frischen Kapital will Spangle vor allem in Forschung und Entwicklung investieren, das Engineering-Team ausbauen und eine Vertriebsorganisation aufbauen, um weitere große Händler zu gewinnen.
Für Handelsunternehmen im DACH-Raum ist die Botschaft klar: Personalisierung bewegt sich weg von manuellen Segmentierungen und klassischen A/B-Tests hin zu Systemen, bei denen KI die gesamte Storefront in Echtzeit generiert. Spangle ist eines der jungen Unternehmen, das diese neue Ebene der Commerce-Infrastruktur mitgestalten will.



